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Insektensterben: Machen die Schmetterlinge die Flatter?

Auch wenn die vergangenen Tage recht regnerisch waren… Der Frühling ist da! Und mit dem Frühling wird es auch in der Natur bunter: Erste Blumenwiesen fangen an zu blühen und Insekten und Schmetterlinge schwirren durch die Luft – eigentlich. Mittlerweile sind die Zahlen der hübschen Flieger zurückgegangen. Der Biologe Josef H. Reichholf hat unserer Autorin Sophia erklärt, warum das so ist und warum sich die Tiere gerade in Großstädten besonders wohl fühlen.

Herr Reichholf, Sie haben festgestellt, dass es in Deutschland immer weniger Schmetterlinge gibt. Warum ist das von Bedeutung? Der Rückgang der Schmetterlinge drückt aus, dass unsere Natur verarmt. Nun können wir uns fragen, ob wir Schmetterlinge überhaupt brauchen. Aber dann sollten wir uns auch fragen, ob wir die Singvögel brauchen. Denn viele der Vögel leben von den Schmetterlingen und deren Raupen. Die Probleme sind ohne jeden Zweifel von der modernen, hoch industrialisierten Landwirtschaft verursacht worden.

Warum ist die Landwirtschaft dafür verantwortlich? Durch Gülle und Pflanzenschutzmittel gelangen Schadstoffe in die Luft. Wenn wir in den Städten saubere, gesunde Luft fordern, dann muss das gleiche auch auf dem Land gelten. Denn die Bevölkerung zahlt ja enorme Subventionen für die Landwirtschaft. Und die Schmetterlinge sind ein sehr guter Indikator für die Luftqualität, weil sie empfindlich auf Veränderungen reagieren.

Schmetterlinge reagieren also auf Verschmutzungen in der Luft. Auch auf andere Faktoren? Die Schmetterlinge reagieren indirekt auf Überdüngung. Es gibt nur wenige Pflanzen, die diese Überdüngung aushalten und damit gedeihen können, was dazu führt, dass sie empfindlichere Pflanzen verdrängen. Dadurch verschwindet auch die Nahrung für die Schmetterlinge. Gerade die Raupen der Schmetterlinge haben sehr spezielle Ansprüche. Wenn also bestimmte Schmetterlingsarten verschwinden, lässt sich daran auch ablesen, welche Pflanzen verdrängt worden sind.

Welche Rolle spielen Schmetterlinge im Ökosystem und welche Konsequenzen hat ihr Verschwinden? Das Verschwinden der Schmetterlinge hat bereits massive Auswirkungen auf die Singvögel, insbesondere die Feldvögel. Die Bestände der Feldvögel sind in ganz Mitteleuropa um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Sie ernähren sich von den Schmetterlingen, ihren Raupen und anderen Insekten, weshalb ihnen die Nahrung ausgeht. Es gibt zwar auch Gebiete in Deutschland, die nicht großflächig landwirtschaftlich genutzt werden. Aber die Überdüngung trifft die Tiere auch dort, weil die Schadstoffe aus der Gülle über die Luft weitergetragen werden. Und mit dem Rückgang der Nahrung werden automatisch die Vögel seltener.

Gibt es Gegenden, in denen es noch normale Vogel- und Schmetterlingsbestände gibt? In Ostdeutschland gibt es Gebiete mit – für die Landwirtschaft – geringer Bodenqualität, wo es noch viele Feldvögel und Schmetterlinge gibt, und in den Städten. Je größer eine Stadt ist, desto besser geht es dort den Schmetterlingen. Das ist doch eine ganz absurde Situation!

Welche Qualitäten haben Großstädte, dass es den Tieren dort so gut geht? Städte bieten drei Qualitäten, die für Vögel und Insekten gut sind. Städte haben auf engem Raum eine vielfältige Struktur. Es gibt dort Gärten, Parks, Bahnanlagen und Teiche. Dank dieser Vielfalt an Lebensräumen gibt es dort mehr Schmetterlingsarten als draußen auf der Flur, wo nur Mais oder Raps angebaut wird. Strukturenvielfalt bedeutet Artenvielfalt. Der zweite Punkt: In den Städten wird nicht gedüngt, die Böden sind also „mager“. Und magere Verhältnisse fördern die Artenvielfalt.

Und der dritte Punkt? Städte sind bis zu drei Grad wärmer als das Umland. Je wärmer es ist, desto besser ist das für die meisten Tier- und Pflanzenarten. Sehr viele Schmetterlinge sind wärmeliebend. Die Temperaturunterschiede hängen mit der Düngung zusammen. Denn wo viel gedüngt wird, wachsen die Pflanzen dicht und schnell. Am Boden bleibt es kühl und feucht, weil die Sonnenstrahlen nicht durchdringen können. Aber da, wo die Böden mager sind, nämlich in der Stadt, da wachsen die Pflanzen nur lückig. Dort kann die Sonne den Boden wärmen. Auch deshalb herrscht in den Städten ein wärmeres Bodenklima, wovon die Tiere profitieren.

 

Gerade erst in der vergangenen Woche hat die EU beschlossen, drei für Bienen schädliche Insektizide weitgehend zu verbieten. Diese sogenannten Neonikotinoide dürfen zukünftig durch noch in Gewächshäusern eingesetzt werden. Die Substanzen, um die es sich handelt, sind Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam – das Verbot soll bis Ende des Jahres in Kraft treten.

 

Gerade im Hinblick auf die Landwirtschaft haben Verbraucher oft das Gefühl, keinen Einfluss nehmen zu können. Was kann jeder einzelne von uns denn ändern, etwa durch sein Konsumverhalten? Man kann es im Grunde nur über den Kauf von Bioprodukten versuchen. In Deutschland ist die Situation aber so, dass man mit dem Kauf von Bioprodukten rund zur Hälfte ausländische Produkte fördert, weil wir hier nicht genügend Biobetriebe haben. Das liegt aber an den politischen Rahmenbedingungen, und nicht an den grundsätzlichen Möglichkeiten. In Österreich zum Beispiel hat die Landwirtschaft im Bundesland Salzburg zu 50 Prozent auf Bioproduktion umgestellt. Hier bei mir, im angrenzenden Oberbayern, sind es gerade mal einige wenige Prozent.

Welche Rolle spielt der Umweltschutz? Verbände, die sich mit Natur- und Umweltschutz befassen, erkennen immer mehr, dass es nichts bringt, staatliche Naturschutzgebiete haben zu wollen in der Hoffnung, dass sich die Verwaltungen um den Schutz der Flächen und der Tiere darauf kümmern. Es ist besser, wenn die Verbände private Flächen besitzen, auf denen sie selbst die Rechte für die Bewirtschaftungsform haben. Darauf wird deutlich, wie zum Beispiel auf den Flächen der Deutschen Wildtier Stiftung oder des NABU, dass man ganz anders wirtschaften kann, als es in der modernen Landwirtschaft üblich ist, und dass es kein illusorisches Ziel ist, den Artenreichtum zu erhalten.

Wie ist es denn um andere Insekten bestellt, zum Beispiel die Bienen? Um die ist es auch sehr schlecht bestellt. Die Honigbienen bestäuben zwar viele Blüten, aber den Großteil dieser Leistung erbringen die Wildbienen, zu denen auch die Hummeln gehören. Die Wildbienen, von denen es eigentlich viel mehr geben sollte als Honigbienen, werden aber immer weniger. Bienen sieht man mittlerweile sehr viel mehr in der Stadt und in den Siedlungen, als draußen auf den Fluren.

Betreffen die Veränderungen nur Schmetterlinge und Bienen? Die gesamte Insektenwelt ist stark verarmt. Die Älteren wissen noch, dass man früher nach einer längeren Autofahrt immer gleich die Windschutzscheibe putzen musste. Aber mittlerweile kleben kaum noch Insekten an den Scheiben. Im Rahmen meiner eigenen Untersuchungen sind auch die übrigen Insekten mit erforscht worden. Die sind, verglichen mit den Verhältnissen 1969 bis 1975, auf vier Prozent der Ausgangsmenge zurückgegangen. Daher werden auch die Schwalben immer weniger, weil sie von diesen kleinen Insekten leben.

Woran ist das noch erkennbar, außer an sauberen Autoscheiben? In den 1960er Jahren hat die Biologin Rachel Carson ein Buch veröffentlicht, (deutsch) betitelt der „Stumme Frühling“ . Sie beschreibt darin eine Welt, in der die Natur durch den Einsatz von Pestiziden zugrunde geht. Das Buch hat aufgerüttelt und die Umweltschutzbewegungen damals erst so richtig in Gang gebracht. Der stumme Frühling ist Realität geworden. Wenn ich in Südostbayern im Frühjahr Lerchengesang hören möchte, dann tue ich gut daran, zum Münchner Flughafen zu fahren, denn auf dem Flughafengelände singen sie noch. Auf den Grünflächen neben dem Flugfeld leben sogar die in Bayern sehr selten gewordenen Brachvögel und Kiebitze. Sie kommen mit dem Flugbetrieb besser zurecht als mit der Landwirtschaft.

Ist das speziell ein Münchner Phänomen? Das gilt für alle Großflughäfen. Noch besser sind militärische Übungsflächen. Dort können Pflanzen, Wild und Insekten viel besser leben als in unseren Naturschutzgebieten. Da könnte man aus der Haut fahren, dass eine so absurde Situation zustande gekommen ist: Wo Krieg gespielt wird, haben wir Reichtum in der Natur; da fliegen die Schmetterlinge.

Sind diese Probleme alle vom Menschen gemacht oder spielen auch andere Faktoren eine Rolle? Die Probleme sind nur von Menschen gemacht. Der viel bemühte Klimawandel ist zwar auch vom Menschen gemacht, hat damit aber nichts zu tun. Denn wir sind zweifellos seit zwei oder drei Jahrzehnten in einer Wärmephase. Die Temperaturen sind im Durchschnitt gestiegen und die Häufigkeit der Insekten ist zurückgegangen. Aber genau das dürfte nicht passieren. Fast alle Insekten, nicht nur die Schmetterlinge, sollten eigentlich von höheren Temperaturen profitieren.

In vielen Städten geht der Trend gerade hin zum Hobbyimkern. Die Leute stellen sich also Bienenvölker aufs Dach. Wie bewerten Sie das? Das ist super, ich habe selbst an solchen Aktionen teilgenommen. Inzwischen summen viele Städte, weil die Imkerei begriffen hat, dass es einträglicher ist, Bienenvölker in der Stadt zu halten. Das Angebot an Nektar führenden Blüten ist dort größer, weil die Blüten den ganzen Sommer über und bis in den Herbst hinein zur Verfügung stehen. Es setzt nicht plötzlich eine Massenblüte ein wie auf dem Land, wo Raps angebaut wird. In der Stadt müssen die Bienenstöcke nicht von Ort zu Ort transportiert werden, was für die Bienen besser ist. Aber auch noch so artenreiche Städte sind kein Ersatz für das offene Land und seine Natur.

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