Foto: Jacqui

An und überm Bord der Alex 2

Die Alex 2 ist in ihrem Heimathafen vor Anker gegangen. Studierende der Hochschule Bremerhaven haben zu diesem Anlass ein besonderes Open Ship organisiert. Ich war dabei und durfte mich an Bord des Segelschiffes umsehen. Kapitän Jens Middendorf hat mich über die Kommandobrücke geführt und Wachführer Tobbs hat mir die wichtigsten Handgriffe des Segelns gezeigt, bevor es für mich hoch hinaus ins Rigg ging.

Eine Reise ist nie wie die andere“, sagt Jens Middendorf. 24 Jahre lang war er Kapitän der Alex 2. Mit seinen Erlebnissen von Bord könnte Middendorf ganze Bücher füllen. „Wir haben hier schon Ehen gestiftet und auch schon Ehen auseinander gebracht“, erzählt er lachend. Was das besondere am Leben auf See ist, will ich wissen: „Hier gibt es keinen Handyempfang“, sagt Middendorf sofort. Es sei jedes mal wieder spannend zu verfolgen, wie gerade junge Menschen sich von den Handys lösen, erinnert er sich schmunzelnd. Zu Beginn stünden immer noch einige mit mürrischen Gesichtern an Deck, Kopf und Arme mit dem Handy in den Händen gen Himmel gestreckt. Nach der Funkstille komme dann die Begeisterung.

„Der grüne Virus infiziert über kurz oder lang jeden, der mit uns Fährt“, versichert Steuerfrau Marie-Christine. Auf der Alex 2 ziehen im wahrsten Sinne des Wortes alle gemeinsam an einem Strang, oder besser gesagt an einem Tampen – die Stammcrew, die Mitsegler und die Trainees. „Spätestens wenn man einmal draußen in der Kälte nass und durchgefroren eine Schiffswache mitgemacht hat, hat es einen erwischt.“

Der „Grüne Virus“

Im Bordbuch wird der „Grüne Virus“ von Daniela Gerner wie folgt beschrieben:

Der Virus ist hoch infektiös, unter Umständen genügt schon ein Kontakt von wenigen Sekunden mit dem Infektionsherd. Bei wiederholtem Kontakt erhöht sich zudem die Gefahr einer Suprainfektion. Es gibt keine sicheren Vorbeugungsmaßnahmen, jedoch wurde bei Individuen mit einem ausgeprägten Egoismus, Hang zum Nihilismus und „Schicki-Micki“-Mentalität eine geringere Infektionsrate beobachtet. Symptome sind die Sichtweise der Welt durch eine „grüne Brille“, Verbesserung der Hilfsbereitschaft und der Sozialkompetenz. Neurobiologisch kann auch die Neubildung beziehungsweise die Verbesserung der Effizienz der Synapsen in den Bereichen der Leidenschaft, Kameradschaft, Freundschaft, Hilfsbereitschaft, Selbstdisziplin, des Verantwortungsgefühls sowie der Anpassungsfähigkeit nachgewiesen werden. Auch die Koordinations- und Leistungsfähigkeit könnte gesteigert werden. Der Erreger bleibt zeitlich unbegrenzt bei seinem Wirt, wo er sich stetig vermehrt und auch freigesetzt wird. Es muss daher in Betracht gezogen werden, dass dieser Sachverhalt die Gefahr einer grünen Epidemie erhöht. Da noch kein effektives Gegenmittel entdeckt wurde, sollte über den Umgang mit dieser chronischen Krankheit nachgedacht werden.

Leichtmatrosen und…

Auch Leichtmatrosin Jacqui hat sich mit dem „Grünen Virus“ infiziert. Vor zweieinhalb Jahren brach die Krankheit bei der jungen Frau aus. Ab 14 Jahren darf man auf der Alex mitfahren, das hat Jacqui gemacht und seitdem verbringt sie jede freie Minute auf dem Schiff – wenn es denn nicht gerade mitten über den Atlantik schippert. „Meine Ferien verbringe ich immer auf der Alex“, erzählt sie mit einem Strahlen im Gesicht.

…Landratten

Dann sollen auch ich und zehn andere „Landratten“ die „grüne Brise“ schnuppern, für uns geht es rauf ins Rigg. „Von unten sieht das gar nicht so hoch aus“, sind wir uns mit einem Blick auf die Masten einig, während wir in unsere Sicherheitsgurte steigen. Von oben sieht die Sache dann aber doch etwas anders aus. Jacqui und Hofi entern mit uns zusammen das Rigg und das ist nichts für schwache Nerven. In kleinen Schritten geht es die Wanten, also das Netz, hinauf. „Wenn ihr die Arme gestreckt lasst und euch ins Rigg hängt, ist es nicht so anstrengend“, rät Hofi. Dass einigen meiner Kletterkollegen mit Höhenangst dabei mulmig zumute wird, kann ich gut verstehen. Ich selbst habe damit zum Glück keine Probleme. Obwohl es trotzdem ein komisches Gefühl ist, dass es beim Auf- und Abstieg keine Sicherung gibt. Es wird sich nur bei den Übergängen in ein Sicherheitsseil eingeklinkt.

Mit Jacqui geht es dann bei etwa 20 Metern Höhe auf die Bramrah, eine  Querstange des Mastes, an dem das Bramsegel hängt. „Es ist ganz entspannt, wenn ihr euch richtig mit dem Bauch über die Rah legt“, erklärt Jacqui. Bequem ist allerdings was anderes, wenn man sich das Fußpferd (so wird das Tau auf dem man dabei entlang geht, beziehungsweise steht, genannt) mit mehreren Leuten teilt. Dann kann das nämlich ganz schön wackelig unter den Füßen werden. Und während wir dort so herumhängen, erzählt Jacqui von ihren bisherigen Törns mit der Alex. „Hier haben sich schon Szenen wie aus Fluch der Karibik abgespielt.“ Einmal hing im wahrsten Sinne des Wortes die gesamte Besatzung in den Seilen, als sie bei einem Sturm versuchten, die Segel einzuholen.

Hoch über den Planken Bremerhavens

Für mich geht es danach noch weiter hinauf in die Royalrah, 30 Meter über dem Meer oder besser gesagt dem Hafenbecken. Der Ausblick ist fantastisch. Die Sonne scheint und ein frisches Lüftchen weht mir durchs Gesicht. Bei Fahrt sehe das dann aber ganz anders aus, erzählt Hofi: „Wir müssen hier erst hoch, wenn es besonders windig wird.“ Normalerweise reicht es, die Segel von unten einzuholen, bei starkem Wind müssen die Segel aber noch an der Rah fixiert werden, sonst könnten sie reißen, erklärt er. Ich genieße jedenfalls die ruhige See im Neuen Hafen.

Kleine Knotenkunde mit Tobbs

„Auf dem Schiff heißen eigentlich alle Taue, Seile und Leinen: Tampen“, erklärt Wachführer Tobbs – und davon gibt es über 250 Stück auf der Alex 2. Jeder Tampen hat eine andere Funktion und einen eigenen Namen, da braucht es schon ein paar Seemeilen, bis man die alle kennt. Zum Befestigen und Sichern der Tampen eignen sich besonders die folgenden Knoten:

  • Rundtörn mit zwei halben Schlägen. „Der hält alles.“
    Rundtörn mit zwei halben Schlägen
  • Webleinstek. Ihn benutzt man, um einen Tampen an etwas „Rundem“ zu befestigen, wie der Reling. Der Knoten kann sich sehr festziehen, so dass man den Tampen gegebenenfalls kappen, also durchschneiden muss. Daher wird der Webleinstek meistens auf Slip mit einer Schlaufe gelegt, so kann er einfach gelöst werden.
    Webleinstek auf Slip
  • Achtknoten. Er ist ein sogenannter Endknoten. Der Achtknoten wird am Ende eines Tampen gemacht, damit diese zum Beispiel nicht durch die Umlenkrollen rauschen können.
    Achtknoten zum Sichern der Tampen
  • Palstek. Dieser Knoten wird verwendet, wenn man am Ende eines Tampen ein feststehendes Auge, also eine Schlinge, benötigt.
    Palstek mit feststehendem Auge

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