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Unter der Haut: Wenn die Antworten fehlen

Oft feministisch, noch öfter intim. In ihrer Kolumne schreibt Janina über alle Themen, die ihr unter die Haut gehen. Heute geht es um das Gefühl, mit Mitte 20 vor einem Haufen offener Fragen im Leben zu stehen und keine Antworten auf sie zu haben.

Anfang dieses Jahres bin ich durchgedreht. Und zwar richtig. Panikattacken inklusive. Warum? Nicht, weil ich auf die 30 zugehe, sondern weil in nächster Zeit viele Veränderungen bei mir anstehen. Beruflich und privat: Ich heirate, meine Ausbildung endet, ich ziehe um und ich verändere mein berufliches Profil. Wie genau das alles ablaufen wird, weiß ich nicht. Viele offene Fragen also, aber leider (noch) keine Antworten. Und keine Antworten zu haben, ist schlimm für mich. Erstens, weil ich schon immer ein Mensch war, der Klarheit mag und zweitens, weil ich ein Mensch bin, der genau weiß, was er vom Leben will. Dachte ich zumindest. Meine Prioritäten scheinen sich jedoch verändert zu haben.

Eigentlich nichts Schlechtes, aber …

Veränderungen sind nicht unbedingt was Schlechtes finde ich. Schließlich entwickelt man sich weiter. Aber warum hadere ich dann so mit mir? Weil es die eigene und weil es die gesellschaftliche Erwartungshaltung gibt: Die eine hängt mit dem eigenen Charakter zusammen (ich habe schon immer viel von mir erwartet), die andere mit den äußeren Umständen. Zum Beispiel mit dem Einfluss von (sozialen) Medien auf unser Leben. Und ich spreche hier nicht nur vom Luftschloss-Perfektionismus, der auf Instagram propagiert wird, ich spreche hier auch von Beiträgen auf „vernünftigen“ Online-Seiten wie Edition F. Von Beiträgen, die ich selbst gerne lese und mir zum kreativen Vorbild nehme.

Hier ist der beste Weg, um … Fünf Tipps für ein gelungenes Bewerbungsgespräch … Gründen, so geht’s richtig …Wie ich dies und das geschafft habe …

Die Liste von (gut gemeinten) Tipps ist lang. Der Schluss liegt also nahe, dass bei uns Mittzwanzigern ein großes Bedürfnis nach Selbstentfaltung, außergewöhnlichen Karrieren und alternativen Lebensstilen vorhanden ist. In Krisenzeiten haben solche Tipps allerdings den Nachteil, dass sie mich noch mehr durchdrehen lassen und mir das Gefühl geben, meilenweit von ihrer Umsetzung und damit auch vom „richtigen“ Weg entfernt zu sein.

Ich bin intelligent und zielstrebig. Check. Leider weiß ich im Moment nicht, was ich will. Kein Check. Die Tipps bringen mir also nichts. Ist das jetzt schlimm? Kann ich jetzt nicht mehr mithalten? Wird sich das irgendwann wieder ändern? Verschwende ich mein Talent? Was würde wohl der Personaler zu meiner Selbstfindungsphase sagen? Hab ich überhaupt noch einen Platz im System? Wer bin ich eigentlich?

Wir millennials schon wieder

Schubladendenken ist nicht so mein Ding, aber in Anbetracht der beschriebenen Gedanken scheine ich an der Lieblingskrankheit meiner Generation zu leiden, der so genannten Quarterlife Crisis, der Sinnkrise der Mittzwanziger. Die Symptome:

  • sich „nicht gut genug“ fühlen, wenn man keinen den eigenen akademischen oder intellektuellen Fähigkeiten entsprechenden Job findet
  • Frust und Konflikte in Beziehungen sowie in der Arbeitsweise
  • Identitätskrise und Persönlichkeitsunsicherheit
  • Zukunftsangst
  • Ungewissheit über Qualität von bisherigen Leistungen und Erfolgen
  • Neubewertung enger Freundschaften nach anderen Kriterien
  • Unzufriedenheit mit beruflicher Stellung
  • Nostalgie und Zurückwünschen in die Zeit als Student, Schüler oder Lehrling
  • Tendenz gefestigte Meinungen zu einem Thema zu haben
  • soziale Interaktion mit anderen langweilt
  • finanzieller Stress
  • Einsamkeit
  • bisher unerfüllter und nun aufkommender Wunsch nach eigenen Kindern
  • das Gefühl, dass – irgendwie – alle um einen herum besser und erfolgreicher sind als man selbst

Im Grunde nur ein Fehlalarm?

Tut auf der einen Seite gut, dass nicht nur ich so wirre Gedanken habe. Ärgert mich auf der anderen aber auch, da mein/unser Problem im Grunde paradox ist: Die Welt dreht sich immer schneller und wird immer komplexer – wir hingegen wollen immer einfachere Antworten. Finden wir sie nicht, bekommen wir Angst. Dass wir an eigenen und fremden Erwartungshaltungen festhalten, verschlimmert die Situation.

Ich hab’s satt mich mit solchen Gedanken rumzuschlagen und verzweifelt nach Antworten auf meine offenen Fragen zu suchen. Anstelle mir den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die ich gerade oder vielleicht auch nie beantworten kann, könnte ich schließlich auch den Tag genießen und versuchen, mich mit Dingen zu beschäftigen, die mich gerade jetzt glücklich machen. Mögen sie im Vergleich zu den großen Fragen des Lebens noch so klein sein.

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