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Freiheit, Liebe, Glück im Doppelpack: Ein Plädoyer für die Ehe

Menschen heiraten, um Sicherheit zu haben – zack, das hat gesessen. Für den Bruchteil einer Sekunde habe ich mich ertappt gefühlt, als ich diesen Satz unlängst gelesen habe. Ich, 27 Jahre alt, voll berufstätig, emanzipiert, unabhängig, seit acht Monaten verheiratet. Nein, unabhängig und verheiratet schließt sich nicht aus, ich bin nicht von meinem Mann abhängig. Aber ja, wir haben geheiratet, um Sicherheit zu haben allerdings und zuallererst: weil wir uns lieben und davon überzeugt sind, gemeinsam ein schöneres Leben zu haben als alleine.

Ich fange diesen Text mit ein paar Zahlen an: Die Zahl der Scheidungen sinkt seit zehn Jahren kontinuierlich ab, im Schnitt halten Ehen drei Jahre länger als noch vor 20 Jahren und seit 2013 steigt auch die Zahl der Eheschließungen – wenn auch langsam – wieder. Im Jahr 2015 sind laut statista Deutschlandweit 400.115 Ehen geschlossen worden, dem gegenüber stehen 163.000 Scheidungen, keine schlechte Bilanz.

Hätte mir vor zwei Jahren jemand erzählt, ich würde einen solchen Text schreiben, geschweige denn ich wäre verheiratet, ich hätte ihn für verrückt erklärt. Damals stand ich am Ende meines Studiums, war gerade aus Indien zurückgekehrt, wollte ins Berufsleben starten und war mit mir selbst einig, dass es jetzt erstmal um mich, meine Karriere, meine Selbstverwirklichung gehen muss – ganz Kind meiner Generation. Doch das Leben, besser, die Liebe kam mir dazwischen und heute bin ich unglaublich froh darüber.

Wir gegen den Rest der Welt

Es gibt diesen klugen Satz von Michael Nast, den ich in einem Artikel der Welt gelesen habe: „Wer sich auf sich selbst beschränkt, verpasst die Liebe.” Sehr wahr. Hätte ich mich, als mein Mann in mein Leben trat, dagegen gewehrt, ich wäre um die wunderbare Erfahrung, eine eigene kleine Familie zu sein, ärmer. Denn das hat sich verändert, trotz allem modernen Herangehen an die Ehe: Wir sind jetzt nicht mehr nur ein Paar, wir sind eine Familie, ein Bund, ein „Wir-gegen-den-Rest-der-Welt”.

Die Ehe ist heute – anders als noch in der Generation unserer Eltern und Großeltern – vor allem ein Liebesbeweis für den Partner. Wir haben uns nicht versprochen, zusammen zu bleiben, bis dass der Tod uns scheidet. Wir haben uns versprochen, alles dafür zu tun, dass es so sein wird. Das ist ein großer Unterschied.

Beziehungen sind instabiler, aber erfüllender.

Und: Dass wir verheiratet sind, heißt nicht, dass wir unsere persönliche Freiheit aufgegeben haben. Wer in einer Partnerschaft das Gefühl hat, nicht mehr frei zu sein, sollte sich tatsächlich fragen, ob sie richtig ist. Franz Neyer, Leiter des Instituts für Psychologie an der Uni Jena, sagt in dem gleichen „Welt”-Artikel: „Partnerschaften sind heute vielfältiger als früher und reflektieren eher die Persönlichkeit des Einzelnen”. Oder einfacher ausgedrückt: „Beziehungen sind instabiler, aber erfüllender.”

In vielen Artikeln, die beschreiben, dass unsere Generation angeblich „beziehungsunfähig” ist, werden oft folgende Gründe genannt, warum das so ist: Wir wissen nicht, was Morgen ist, wollen uns nicht festlegen. Wir wollen rumprobieren können und möglichst frei dabei sein. Wir sind für uns selbst die wichtigsten Menschen im Leben, wir halten uns alle (Partner-) Möglichkeiten offen.

Über die Freiheit habe ich oben schon geschrieben, ich habe sie mit dem Ja-Wort nicht aufgegeben. Ich bin genauso frei in meinem Denken und Handeln wie vor der Ehe. Unfrei machen mich (und das wird viel zu oft in diesem ganzen unserer Generation zugeschriebenen Selbstverwirklichungswahn vergessen) ökonomische Zwänge. Mich macht es unfrei, wenn ich nicht weiß, wie ich im nächsten Monat die Miete zahlen soll. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe in Indien probiert, meine persönliche Freiheit zu leben und – so ist das nun mal in unserer kapitalistischen Welt – sie endet mit der Ebbe im Portemonnaie. Aber das ist ein anderes Thema. Mein Mann jedenfalls nimmt mir nicht meine Freiheit, im Gegenteil: er eröffnet mir neue, seine Welten.

Jeder sucht und braucht jemanden, der ein emotionaler Anker ist, der einen begleitet, beschützt, jemanden, der sich mit einem freut und leidet.

Natürlich bin ich der wichtigste Mensch in meinem Leben. Aber mein Leben ergibt erst Sinn, weil mein Mann, der auch mein bester Freund ist, mein Leben liebt und schätzt. Und neben ihm und mir machen meine Familie und meine Freunde mein Leben erst vollkommen. Einen Grundsatz habe ich seit dem Film „Into the wild” und auch während meiner Reisen verinnerlicht: Glück ist erst vollkommen, wenn man es teilen kann. Mit meinem Mann an meiner Seite teile ich Glück, Liebe, Hoffnung, Freud und Leid. Gemeinsam meistern wir Herausforderungen besser als alleine. Weil zwei Sichtweisen den Horizont erweitern, die Auseinandersetzung miteinander, die Reibung unter- und aneinander und dass wir ihr nicht entgehen können, macht uns beide zu besseren Menschen, gerade weil wir nicht völlig auf uns selbst fixiert sind, sondern uns und unser Verhalten ständig reflektieren müssen. Noch ein Satz von Neyer dazu: „Jeder sucht und braucht jemanden, der ein emotionaler Anker ist, der einen begleitet, beschützt, jemanden, der sich mit einem freut und leidet.” Mein Mann und unsere Liebe sind meine Anker.

Lennart Boscher behauptet in seinem Artikel bei „Ze.tt”, er lasse sich auf seine Partnerinnen ein, aber wolle sich dennoch alle Möglichkeiten offen halten. Das widerspricht sich in sich. Und macht mich nachdenklich: Warum gilt Verbindlichkeit als nicht erstrebenswert? Als wir damals verkündeten, dass wir heiraten wollen, habe ich oft gesagt bekommen, ich sei mutig. Dazu Sokrates: „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit. Das Geheimnis der Freiheit aber, ist der Mut.” Traut euch, liebe Generation beziehungsunfähig!

3 Comments

  1. Svenja

    Liebe Laura.
    Ich habe beide Artikel gelesen, den von Nina und auch deinen und ich finde beide sehr ausführlich und auch in sich schlüssig. Ich denke, es kommt häufig auf die derzeitige Lebenssituation an, die wir haben. Auf das, was wir noch vor haben und das, was wir schon erreicht haben. Noch vor einiger Zeit wäre ich absolut auf Ninas Seite gewesen, und zwar genau aus dem Grund, den du anführst, um über seine Beziehung nachzudenken: Dem Gefühl, nicht frei zu sein. Und auch einem Grund den Nina anführt: Dem Gefühl, sich verstellen zu müssen. Doch seitdem ich mich entschieden habe diesen, sehr langen Teil meines Lebens mit meinem damaligen Partner hinter mir zu lassen, mit welchem eine Hochzeit auch in 10 Jahren Beziehung nie für mich in Frage kam und ich nun eine neue Beziehung führe, mit einer Person, bei der ich das Gefühl habe frei sein zu dürfen und mich eben nicht verstellen zu müssen, sehe ich das mit der Ehe anders und zumindest als Möglichkeit für meine Zukunft an. Ich finde, genau das hast du in deinem Artikel unglaublich gut zum Ausdruck gebracht. Und ich denke, dass man eben nur dann wirklich langfristig glücklich sein kann, wenn eben keiner in der Partnerschaft sich selbst verliert bzw. verlieren muss. Und wie du schon sagst: Glück ist erst vollkommen, wenn man es teilen kann! Wie Recht du damit hast! Vielen Dank für den schönen Artikel 🙂

    1. Nina

      Liebe Svenja,
      wie schön, dass wir dich mit beiden Seiten der/Ansichten zur Ehe irgendwie ansprechen konnten. Wir finden auch: Das Thema ist an sich natürlich sehr komplex und immer von der jeweiligen Lebenssituation und -Einstellung abhängig, denn auch die ist ja nicht in Stein gemeißelt. Gewisse Erfahrungen begründen nun mal auch immer wieder eine gewisse, neue Meinung.
      Wir wünschen dir für deine jetzige Beziehung alles Gute. Schön, dass du dein Glück gefunden hast 🙂
      Viele Grüße von Nina und Laura

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