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Waldbaden: Neuer Trend – Alte Tradition

Wir streifen durch den Wald. Es ist, als wären wir in eine andere Welt abgetaucht. Es ist so ruhig hier: Nur der Wind streift leise raschelnd durchs Laub. Die strahlende Sonne blitzt durch das grüne Blattwerk, zeichnet wunderschöne Muster auf die Baumstämme. Entschleunigen, den Alltagsstress hinter sich lassen. Dirk geht mit mir Waldbaden – nass werden wir dabei aber nicht. Denn mit Baden im Sinne von Schwimmen hat es nichts zu tun. Es geht um Achtsamkeit. Und während wir entspannt an einer großen Eiche lehnen, sind wir uns einig, dass wir hier noch stundenlang so sitzen bleiben könnten.

Während die Vögel ihre Lieder zwitschern, sinnieren Dirk und ich über das Leben. Die Sehnsucht nach der Natur kommt oft aus Krisen heraus, weiß er. Auch hinter ihm liegt eine Zeit, in der es ihm körperlich und mental nicht besonders gut ging. Fragen kamen auf: Ist das alles noch das Richtige für mich? Im Wald fand er die Antwort: „Man muss nicht immer auf Kurs bleiben, man kann auch mal in eine andere Richtung gehen.“

Waldbaden ist der neue Trend, der langsam aus Korea und Japan zu uns herüberschwappt. „Shinrin Yoku“ heißt die alte Tradition. Schon seit über 30 Jahren wird die Kraft der Natur dort genutzt und erforscht. Professor Andreas Michalsen ist einer der ersten, die sich nun auch in Deutschland mit dem Thema beschäftigen, Er ist Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin. Bei den Forschungen konzentrieren die Wissenschaftler sich vor allem auf den Faktor Stress. „Der Wald wirkt beruhigend“, erklärt Michalsen. „Stress führt zu vielen Erkrankungen, von Bluthochdruck bis zum Herzinfarkt, fördert Krebserkrankungen und Depressionen. Wenn man also weniger Stress hat, hat man ein geringeres Krankheitsrisiko.“

Die Kraft der Natur

„Ich kriege hier richtige Energieschübe“, sagt Dirk. Diese Auszeiten in der Natur sind ihm wichtig. Zwei bis drei Mal die Woche versucht er, sich diesen Freiraum zu nehmen. „Dann sitze ich manchmal einfach da und genieße die Schönheit des Waldes.“ Und die zeigt sich bei unserem Ausflug in den Altenwalder Forst in ihrem vollen Ausmaß. Von einer Lichtung aus tauchen wir ein in den Blätterwald. Ein scheues Reh kreuzt unseren Weg, bleibt kurz stehen. Die Ohren wandern hin und her, als es uns für Sekunden anblickt. Dann ist es genauso schnell wieder im Dickicht verschwunden, wie es zwischen den Bäumen aufgetaucht ist.

„Ich möchte die Leute wieder zurück zur Natur bringen“, sagt Dirk. Neben seiner Arbeit als Journalist hat er eine Ausbildung zum Naturpädagogen gemacht und das Unternehmen „Freiräume Cuxhaven“ gegründet. Spielerisch will er die Verbindung zwischen Mensch und Natur wieder herstellen. Wir klettern auf Bäume, werfen mit Laub und lachen vor allem viel. Dann sehe ich schwarz: Dirk bindet mir eine Augenbinde um den Kopf. Ich streife blind von Baum zu Baum. „Vorsicht, jetzt kommt ein Ast“, warnt Dirk mich, während er mich durch das Unterholz lenkt. Dann geht es nicht mehr weiter, ein großer Stamm versperrt mir den Weg. „Erkunde den Baum mal“, fordert er mich auf. Ich taste die Rinde ab, auf der einen Seite ist sie viel stärker gezeichnet als auf der anderen. „Dort war mal ein Ast“, fühle ich. Nur ein kurzer spitzer Stumpen ist zurückgeblieben und sticht in meine Finger.

Zum Abschied umarme ich meinen dicken, neu gewonnenen, hölzernen Freund noch einmal. Dann führt Dirk mich zurück zum Start und ich nehme die Augenbinde ab. „Na, was meinst du, welches ist dein Baum?“, fragt er. Ich schaue mich um und versuche nachzuvollziehen, über welche Hindernisse ich gestiegen bin oder welchem Ast ich ausweichen musste. An einer großen Eiche angekommen, mache ich den „Umarmungs-Test“ – er ist es.

Dirks must-do’s für einen Ausflug in den Wald:

  1. Eine wilde Laubschlacht
  2. Auf einen Baum klettern, je höher desto besser
  3. Einen „Laub-Engel“ machen
  4. Einfach mal hinsetzen und dabei die Ruhe und die Schönheit des Waldes genießen
  5. Einen Baum umarmen

„Das heutige Leben ist weit weg von der Natur“, findet Dirk. „Wir machen uns immer so viel Druck im geschäftlichen Alltag. Die Natur juckt das aber nicht, die macht einfach weiter“, sinniert er. Es ist faszinierend, wenn man genauer darüber nachdenkt. So steht meine Eiche schon etwa 100 Jahre an ihrem Fleck, fest in der Erde verwurzelt und hat schon verdammt viel erlebt. Selbst die nur wenige Kilometer entfernt gefallenen Bomben im Zweiten Weltkrieg haben ihn wenig beeindruckt.

Mein Freund, der Baum

Es gibt auch eine medizinische Erklärung, weshalb der Wald so beruhigend wirkt. Chefarzt Michalsen hebt drei Aspekte hervor: Zum einen die Optik. Dann wirken noch die aromatischen Öle im Wald, sogenannte Terpene. „Dieser Waldduft wirkt sowohl auf das Immunsystem als auch auf die Psyche. Es gibt Studien, die im Blutbild zeigen, dass die Zahl der Immunabwehrzellen, die sogenannten Killerzellen, steigen.“ Und dann gibt es auch noch die Geräusche. Vogelzwitschern oder leises Rascheln hat ebenfalls positive Effekte. „Die Kombination daraus macht den Wald so besonders.“

Eine Anleitung zum Waldbaden gibt es nicht. Es geht einfach darum, die Natur so gut wie möglich in den Alltag zu integrieren, sind sich Dirk und Professor Michalsen einig. Dabei muss es nicht immer zwingend der Wald sein, auch die Nordsee hat eine positive Wirkung auf uns.

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Nächster Termin zum Waldbaden:
Samstag, 13. Oktober, 9.30 Uhr