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Tel Aviv: Gegensätzlich, bunt, pulsierend

Die Augen der Sicherheitsbeamtin wandern von meinem Gesicht zu meinem Reisepass und wieder zurück. Ihr kalter Blick durchdringt mich, meine Hände werden schwitzig. Dann prasseln die ersten Fragen auf mich ein. „Was wollen Sie in Israel?“ „Wen wollen Sie hier treffen?“ „Kennen Sie Palästinenser?“ „Haben Sie Ihren Koffer selbst gepackt?“ Ich antworte brav. Frage für Frage. Nach einer gefühlten Ewigkeit nickt die Frau und reicht mir eine blaue Einreisekarte. „Einen schönen Urlaub.“ Ich bin da. In einer der aufregendsten Metropolen im Nahen Osten. Tel Aviv. Zweitgrößte Stadt Israels. Wirtschaftliches Zentrum. Ungefähr 70 Kilometer Luftlinie entfernt vom Gaza-Streifen. Allein: Hier scheint der Krieg ganz weit weg.

Der Flieger landet mitten in der Nacht – mit zwei Stunden Verspätung. Es ist kurz nach 4 Uhr, als ich den ersten Fuß auf israelischen Boden setze. Der Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv gilt als der sicherste der Welt. Ich habe von langen Sicherheitsbefragungen gelesen, von Sicherheitsleuten, die sich als Passagiere tarnen, von Scharfschützen, die hinter Spiegeln postiert sind. Sicherheit ist alles hier. Das erste, was mir auffällt: wenig Security. Dafür ein Mann, der mit Rucksack auf dem Rücken am Gepäckband auf und ab läuft und die Passagiere unauffällig beobachtet. Mir läuft es kalt den Rücken herunter.

Ich bin froh, als ich den Sicherheitsbereich mit meinem Koffer endlich verlasse. Nun heißt es: Irgendwie in die Stadt kommen. Taxi? Ist mir zu teuer. Deshalb fahre ich mit dem Zug. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Ratlos blicke ich auf die Anzeigetafeln an den Gleisen. Alles auf Hebräisch. Dank einer netten Dame erwische ich dann doch noch die richtige Verbindung. Erleichtert setze ich mich ans Fenster und checke die Nachrichten auf meinem Smartphone. Erster Eintrag bei Google News: „Ein 17-jähriger Palästinenser ist bei Protesten an der Grenze des Gazastreifens getötet worden. Wie das Gesundheitsministerium in Gaza mitteilte, wurden Hunderte Palästinenser bei den Auseinandersetzungen verletzt.“ Ich schlucke.

Nächster Halt: Falsche Station

Nach ein paar Minuten ziehen die ersten Hochhäuser vorbei. Leuchtend ragen sie in die rabenschwarze Nacht. An der nächsten Station steige ich aus. Die falsche Entscheidung. Ich hätte noch ein paar Kilometer weiterfahren müssen. Egal, dann nehme ich halt den Bus. „Dahinten um die Ecke steht ein blauer Bus, den müssen Sie nehmen“, erklärt mir ein hilfsbereiter Israeli. Ich gehe um die besagte Ecke. Und sehe: ungefähr 15 Busse. Zehn davon sind blau. Also frage ich mich weiter durch, wedele mit meiner ausgedruckten Google-Maps-Karte, auf der ich die AirBnb-Wohnung eingekreist habe.

Old Jaffa, die Altstadt Tel Avivs, das ist mein Ziel. Und endlich habe ich den Bus gefunden, der mich dorthin bringt. Um 7 Uhr bin ich da. Völlig erschöpft falle ich ins Bett. Gegen Mittag wache ich auf. Die lange Nacht steckt mir noch in den Knochen, egal, jetzt will ich auch etwas von der Stadt sehen. Eine Woche, mehr habe ich nicht, und die will ich voll auskosten. Ich laufe los, ohne Plan, ohne Karte. In einer kleinen Seitenstraße entdecke ich einen Bäcker, kaufe mir ein Crossaint und lerne die erste Eigenschaft Tel Avis kennen: Das Leben hier kostet Geld. Sehr viel Geld. Die Metropole gilt gar als die teuerste Stadt im Nahen Osten. Das hat vor allem damit zu tun, dass Tel Aviv boomt. Und zwar in jeder Hinsicht. Es wird gebaut, viel Geld investiert, Start-ups schießen wie Pilze aus dem Boden, große Tech-Firmen haben sich hier angesiegelt. Manch einer spricht schon vom neuen Silicon Valley.

Tel Aviv: Das neue Silicon Valley?

Im Prinzip ist auch Tel Aviv selbst ein einziges Start-up. Übersetzt heißt Tel Aviv „Hügel des Frühlings“. Und dieser Hügel ist noch sehr jung. 1909 wurde Tel Aviv als Vorort der Hafenstadt Jaffa gegründet. Seitdem ist Tel Aviv rasant gewachsen. Viele Juden flohen vor den Nationalsozialisten hierher. Allein zwischen den Jahren 1930 und 1935 stieg die Einwohnerzahl von 50.000 auf stattliche 120.000. Inzwischen leben in Tel Aviv mehr als 430.000 Menschen.

Allein, um die Altstadt Jaffa zu erkunden, nehme ich mir drei Tage Zeit. Ich gehe durch die Gassen, schmal sind sie, die Häuser geradezu winzig, manche sind frisch restauriert, andere nahe dem baldigen Verfall. Die Stromkabel führen teilweise quer über die Straße, von Balkon zu Balkon, es sind wahrlich abenteuerliche Konstruktionen. Es gibt Kunstgalerien, Boutiquen, unzählige Restaurants, Antiquitätenläden. Und auf jede Straße kommen mindestens zwei Läden, die frisch gepresste Smoothies anbieten.

Auf dem Flohmarkt in Jaffa herrscht ein großes Durcheinander. Scheinbar wahllos haben die Händler ihre Waren auf dem Boden, auf Holztischen ausgebreitet. Ich beobachte einen Mann, wie er versucht, noch ein paar Schätze in seinen kleinen Lieferwagen zu zwängen. Irgendwie schafft er es. Entlang der alten Meeresmauer gehe ich weiter gen Süden, sehe die Franziskanerkirche St. Peter, den alten Hafen, laufe über die Wunschbrücke im HaPisgah-Garten. Angeblich, so heißt es, gehen hier Wünsche in Erfüllung. Mein größter Wunsch in diesem Moment: Abkühlung. Die Mittagssonne brennt vom Himmel, das Thermometer zeigt 31 Grad, wie schon in den vergangenen Tagen.

Von Jaffa hat man einen fantastischen Blick auf das „neue“ Tel Aviv. In der Nähe des Jaffa Clock Tower, einem großen Uhrenturm, der im Übrigen auch ein guter Anhaltspunkt für orientierungslose Touristen ist, gibt es diese eine Stelle am Wasser. Jeden Abend stehen die Menschen hier, sie wechseln nicht viele Worte, sie stehen einfach da und sehen der roten Abendsonne zu, die hinter dem Wasser zu verschwinden scheint. Manche schießen Selfies von sich, Blick auf Jaffa, die funkelnde Skyline im Rücken. Zwei Welten, eine Stadt, es lebe der Gegensatz.

Nachdem ich in der ersten Hälfte der Woche nur in der Altstadt herumgelaufen bin, wage ich nun den Schritt in die „Moderne“. Das Schöne in Tel Aviv ist: Theoretisch lässt sich alles zu Fuß erreichen. Das ist zwar manchmal schweißtreibend, doch, dem Mittelmeer sei Dank, weht immer ein leichter Wind durch die Straßen. Nicht zu vergleichen mit dem rauhen Wind, den ich von der Nordseeküste gewohnt bin, aber trotzdem angenehm.

Mein erstes Ziel im neuen Tel Aviv: die weitläufige Strandpromenade. Hier tobt das pralle Leben. Selbst am späten Abend. Die Menschen schwimmen, surfen, gehen mit ihren Hunden spazieren, angeln und grillen und tanzen am Wasser entlang, während israelische Rockmusik aus den Lautsprechern schallt. Man sagt, die Tel Aviver feiern, als ob es kein Morgen gäbe. Und es stimmt. Die Menschen hier denken weniger über das Morgen nach. Eher über das Hier und Jetzt. Sie genießen den Augenblick, die Gegenwart, statt sich auf eine ungewisse Zukunft zu freuen. Ich glaube, an keinem anderen Ort der Welt habe ich so viel Lebensfreude erlebt wie hier. Ich finde diese Einstellung bewundernswert. Der seit Jahrzehnten schwelende Nahostkonflikt, die Bilder aus dem Gaza-Streifen – all das scheint in Tel Aviv ganz weit weg. Als hätten die Menschen ihrer Stadt einen schützenden Panzer übergestülpt. Krieg? Gewalt? Terror? Ihr könnt uns mal.

Die Strandpromenade ist natürlich nicht die einzige Sehenswürdigkeit. Da gibt es zum Beispiel die Weiße Stadt, damit sind rund 4000 Häuser im Zentrum Tel Avivs gemeint, die in den 1930er Jahren im Bauhaus-Stil errichtet wurden. Die Schönsten stehen am berühmten Rothschild-Boulevard. 2003 hat die Unesco den Stadtkern übrigens zum Weltkulturerbe erklärt.

Hummus ist Pflicht

Man kann nicht nach Tel Aviv reisen und keinen Hummus essen. Das ist ein Grundgesetz. Hat man mir gesagt. Und deshalb mache ich das in einem kleinen Restaurant, das sich kurioserweise damit schmückt, den zweitbesten Hummus in Tel Aviv anzubieten. Den besten? Gibt’s woanders, nämlich in Jaffa. Doch der Laden war jedes Mal so voll, dass ich nie einen Platz fand. Nun muss ich mich also mit dem zweitbesten Hummus begnügen. Ich setze mich zu ein paar Israelis an den Tisch, mache es ihnen gleich und tauche mein Pitabrot in die beigefarbene Kichererbsenpaste. Es schmeckt: ungewöhnlich, aber richtig lecker. Hummus, erfahre ich, isst man hier immer. Morgens, mittags, abends – die Tel Aviver sind verrückt danach.

Der Carmel-Markt: ein bisschen improvisiert

Ein weiteres Highlight meines Kurztrips: Ich besuche den Carmel-Markt, den größten Obst- und Gemüsemarkt in Tel Aviv. Eine ungefähr ein Kilometer lange Gasse, gesäumt von improvisiert wirkenden Ständen unter Wellblechdach. Katzen streunen herum. Touristen und Einheimische quetschen sich in der engen Straße. Gemüse und Obst aller Sorten und Farben türmen sich auf, Backwaren stapeln sich auf den Tischen. Es riecht nach orientalischen Gewürzen. Ich kaufe etwas, das aussieht wie eine Frühlingsrolle, aber nicht so schmeckt. Bis heute weiß ich nicht, was es war.

Dann ist der letzte Tag gekommen. Ich fahre mit dem Taxi zum Flughafen. Bereits ein paar Kilometer vor dem Airport werden die Autos kontrolliert. Zur Sicherheit, mal wieder. Bevor ich mein Gepäck aufgeben kann – wieder eine Sicherheitsbefragung. Der Beamte entdeckt einen malaysischen Stempel in meinem Pass – und nimmt das zum Anlass für ein besonders intensives „Verhör“. Bei Stempeln aus islamischen Ländern reagiert man hier etwas empfindlich. Erste Frage: „Warum waren Sie hier?“ Ich grinse. Und antworte: „Urlaub.“