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Fynn Kliemann werkelt sich seine Welt, wie sie ihm gefällt

„Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …“: Was einst ein rothaariges Mädchen mit Sommersprossen im Gesicht in Kinderfilmen sang, das setzt Fynn Kliemann im niedersächsischen Rüspel in die Tat um. Die Rede ist vom Kliemannsland, einem Ort, an dem sich kreative Menschen nach Herzenslust austoben können.

Als Kind wollte er immer in die große Stadt – „dorthin, wo andere Menschen sind, die auch Skateboard fahren“, wie der 28-jährige Zevener sagt. Doch irgendwann hat Fynn seine Meinung geändert. Schließlich hat das Landleben auch Vorteile: „Wir haben Platz und können hier machen, was wir wollen. Wir haben alles, was es normalerweise in der Stadt gibt, nach Rüspel geholt.“

Jede Menge Platz für jede Menge Ideen

Im Kliemannsland können Menschen kreative Projekte in die Tat umsetzen, sie können ihre Ideen einbringen und vor allem an der Bewältigung einer großen Aufgabe – der Umgestaltung eines Resthofes – mitwirken. Sieben Tage die Woche wird hier getüftelt. Mit anpacken darf nur, wer einen Bürgerausweis hat. Dieser kann auf der Homepage beantragt werden. 45.000 Menschen haben sich im Laufe der zwei Jahre hier registriert – das sind 180-Mal so viele Menschen, wie im Ort Rüspel leben.

Wer eine Idee für ein Projekt hat, kann diese auf der Homepage vorstellen und muss dann auf die Zustimmung der Community hoffen. Die Vorschläge sind bunt gemischt: So möchten einige Bürger gerne eine Minigolfanlage auf dem Gelände integrieren, ein Pferd aus Hufeisen basteln, einen Kronkorkentisch oder gar ein Hausboot bauen oder einfach mal Schnaps brennen und einen Weinkeller einrichten.

„Gut oder kagge“

Mit einem Klick können die registrierten Bürger entscheiden, ob sie das Projekt „gut oder kagge“ finden. Je mehr Herzen sich für die Umsetzung finden, desto eher kann das Projekt Wirklichkeit werden. Wenn das der Fall ist, dann wird ebenfalls auf der Homepage nach freiwilligen Helfern gesucht, die sich an der Aktion beteiligen möchten.

Nur die Menschen, die sich angemeldet haben oder Teilnehmer eines Projektes sind, dürfen das Kliemannsland betreten. „Wir haben keine Menschen, die sich um Menschen kümmern“, erklärt Fynn. Soll heißen: Spontane Besuche sind nicht möglich. Auch keine Urlaubsanfragen. „Hier sollen nur Leute wohnen, die Bock haben zu arbeiten, nicht, um hier ihre Freizeit zu verbringen“, sagt er. Es gibt schließlich viel zu tun auf dem drei bis vier Hektar großen Areal.

Alles begann mit Youtube

Bei Youtube hatte damals alles begonnen. Fynn hatte sich mit seiner Freundin ein Haus gekauft. „Das mussten wir renovieren und umbauen. Irgendwann habe ich die Sachen einfach gefilmt – und ins Netz gestellt“, sagt er. An Ideen mangelt es ihm nicht, das spürt man.

Zu einem seiner ersten Projekte zählt zum Beispiel auch der Bau einer Steadicam für den Dreh von einem Musikvideo. Eine Motorsense wurde für das Vorhaben zweckentfremdet. „Ich habe das Video vom Bau der Steadicam Freunden von mir geschickt, die erfolgreiche Fotografen sind. Sie geben selbst viel Geld für solche Sachen aus. Ich wollte ihnen zeigen, dass ich mir so ein Ding umsonst bauen kann.“

Das Video kam im Netz gut an: Mehr als 10.000 Klicks bekam der Film in kürzester Zeit. „Das war krass.“ Es folgten weitere Videos, dann kam die Kooperation mit dem NDR. Die Sendung und der Ort Kliemannsland waren geboren. Bei Youtube zählt der Kanal Kliemannsland mittlerweile mehr als 366.000 Abonnenten.

Das, was ich jetzt mache, hat nichts mit talent zu tun, nur mit Fleiß.

Zwei Tage die Woche produziert der NDR Beiträge mit Fynn in seinem Kliemannsland für die gleichnamige Sendung. Dadurch ist er berühmt geworden. „Ich bin nicht handwerklich begabt. Das, was ich jetzt mache, hat nichts mit Talent zu tun, nur mit Fleiß. Damals war ich nicht mal fleißig, ich habe Sachen gebastelt und auseinandergeschraubt und nicht mehr zusammengekriegt. Jetzt bekomme ich die manchmal wieder zusammen. Das ist der einzige Unterschied zu damals“, sagt er und lacht.

Und was sind seine nächsten Projekte im Kliemannsland? „In der nächsten Zeit wollen wir die Scheune in ein Live-Studio verwandeln, wir brauchen eine neue Werkstatt, bauen den Saal um und ein Grillmobil“, sagt der 28-Jährige. Zudem sollen Solarpanels auf dem Dach angebracht werden. Ein Restaurant mit einer Eventküche ist ebenfalls in Planung. Die Zutaten dafür werden im hofeigenen Garten angepflanzt. In Zukunft soll sich das Kliemannsland selbst versorgen. „Jetzt gerade haben wir schon eine Überproduktion“, sagt Fynn, als er die Qualität der Paprika im Vorbeigehen testet.

Tiere soll es auf dem alten Resthof nicht geben. Das hat seinen Grund: Auf dem Hof ist immer Trubel. Neben den vielen Projekten wird der Ort für Veranstaltungen wie Konzerte oder Märkte genutzt. In der nächsten Zeit sind Geheimkonzerte geplant. Welcher Künstler auftritt, erfahren die Bürger des Kliemannslandes eine Stunde vor Beginn über das Internet. Dann heißt es: Schnell sein und sich einen Platz im Saal sichern.

Das kliemannsland soll ein kreatives epizentrum für norddeutschland werden.

Fynn, der Ende September sein erstes Album herausbringt, wird jedoch nicht vor seiner Fangemeinde trällern: „Live spielen ist nicht so meine Welt“, verrät er und macht sich wieder an die Arbeit. Schließlich verfolgt Fynn einen ganz bestimmten Plan: „Das Kliemannsland soll ein kreatives Epizentrum für Norddeutschland werden“ – ein Ort, an dem Filme produziert werden.

Von Sophie Stange