Foto: Lothar Scheschonka

Goethe-Camp: Ein Ort für Gründer, Kreative und Freelancer

Die schönste Straße in ganz Bremerhaven hat sich Lea Zerbst für ihren Co-Working-Space ausgesucht. Mitten in der Goethestraße, dem Altstadtbezirk, befindet sich seit Juli 2018 das Goethe-Camp, das sie zusammen mit Julia Köhn eröffnet hat. Ein Ort für Ideen, Austausch und gemeinsames Arbeiten. Mitten in Lehe, dem wohl bekanntesten Stadtteil Bremerhavens – jedoch nicht im guten Sinne. Lea stört das nicht, sie sieht vor allem Potenzial und Chancen. Ich treffe die Bremerhavenerin für ein Interview.

Schaut man sich die Gründerzeitgebäude an, könnte man sich auf den ersten Blick auch im Hamburger Winterhude befinden. Bäume säumen die Straße, Autos dürfen nur Schrittgeschwindigkeit fahren. Einst muss dieses Viertel geblüht haben. Heute sieht man auf den zweiten Blick: Viele Häuser stehen leer und sind heruntergekommen. Umso heller leuchten Projekte wie das Goethe-Camp. Strahlend weiß ist das Gebäude. Drinnen: Der Raum ist viel schöner eingerichtet, als ich es je könnte, in einer Ecke steht ein gemütliches Sofa und aus einem kleinen Kühlschrank darf man sich Getränke kaufen. Lea und ich setzen uns auf die Terrasse, fast noch schöner, unter die Baumkronen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Co-Working-Space zu eröffnen?
Ich saß im Februar bei einer Veranstaltung der Wunderwerft zusammen mit anderen Gründern, die das Start-Up-Weekend in Bremerhaven organisiert haben. Wir haben über Hindernisse gesprochen und fast alle haben gesagt, ihnen fehlt ein Ort zum Arbeiten. Sie setzen sich entweder zu Hause hin – und da herrscht bei manchen dann Chaos. Oder sie fahren nach Bremen in einen Co-Working-Space. Da sind bei mir alle Alarmglocken angegangen. Ich arbeite für das Start-Up Pielers und wir haben damals auch einen Ort gesucht. Auch, weil ich der Meinung bin, wir sollten uns öffnen und anderen zeigen, dass sich hier was entwickelt und eine neue junge Szene entsteht.

Co-Working einfach erklärt: Du teilst dir ein Büro mit mehreren Leuten. Nur besser. Du bezahlst nämlich nur pro Tag. Und jeden Tag hast du die Chance, dich mit neuen Leuten auszutauschen. Was du daraus machst, liegt ganz bei dir. Co-Working-Spaces findest du mittlerweile fast in jeder Stadt.

Was hast du vorher gemacht? 
Ich bin den ganz klassischen Weg gegangen. Nach der Fachhochschulreife habe ich einen Ausbildung zur Immobilienkauffrau gemacht in einer Bremerhavener Hausverwaltung. Das ist eigentlich stinklangweilig und entspricht überhaupt nicht meinem Naturell. Damals war ich ein richtiger Trauerkloß, jetzt blühe ich mit der Arbeit auf. Ich sehe keinen Sinn darin, mich den ganzen Tag von Mietern am Telefon anschreien zu lassen. Ich finde, morgens gerne zur Arbeit zu gehen, ist wichtiger als das Gehalt. Aber damals hätte ich mir gar nicht zugetraut, selbst etwas zu gründen. Das ist erst später gekommen. Ich habe meinen Job gekündigt und angefangen, an der Hochschule Bremerhaven BWL zu studieren. Mein Praktikum habe ich bei Pielers gemacht, später war ich studentische Mitarbeiterin und heute bin ich Vollzeit angestellt.

Die beiden Gründerinnen Julia (links) und Lea arbeiten selbst gerne im Goethe-Camp. (Foto: Lothar Scheschonka)

Wen möchtet ihr mit dem Goethe-Camp ansprechen?
Gründer, Kreative, Freelancer und Studenten. Wir wollen ein Netzwerk schaffen. Man soll sich hier austauschen, Gleichgesinnte treffen, die auch kollaborativ arbeiten wollen. Dafür bieten wir die nötige Infrastruktur: Wlan, Verpflegung, Seminarräume, Arbeitsplätze und Flexibilität.

Wie finanziert ihr das Goethe-Camp?
Die Wirtschaftsjunioren fördern uns unter anderem. Und wir suchen noch ganz dringend Unterstützung, sonst gibt es uns nächstes Jahr nicht mehr. Denn ich sehe nicht ein, dass ausschließlich Gründer und Selbstständige diesen Space finanzieren. Dann kommt auch keiner, das funktioniert so nicht. Wir sind ein Nonprofit-Projekt, wir wollen nur die Ausgaben decken.

Was gefällt dir an dem Prinzip Co-Working so gut?
Co-Working kann eine Inspirationsquelle sein. Wir leben in einer extrem schnelllebigen Zeit, in der sich Dinge extrem schnell ändern. Und durch Austausch kann man auf dem neuesten Stand bleiben. Ich kann denjenigen, die noch mit Hängeablage und Register arbeiten, garantieren, dass viele Dinge auch schneller und einfacher gehen. Andererseits können wir natürlich auch von den erfahrenen Unternehmern viel lernen.

Warum habt ihr die Goethestraße ausgesucht?
In den Standort haben wir uns einfach verliebt. Das Haus ist ein Traum, wir sind in direkter Nachbarschaft zu dem Kreativhaus Goethe45 und wir haben einen tollen Vermieter, der uns eine dreimonatige Kündigungsfrist einräumt. Das ist nicht die Regel. Wir haben uns auch andere Räume angeschaut, aber oft gilt, dass man sich mit einem Gewerbe mindestens ein Jahr oder sogar fünf Jahre einmieten muss. Ich finde es furchtbar, dass Lehe von Unternehmern und Bremerhavenern so gemieden wird. Die Vorurteile sind nicht berechtigt. Wir wollen Leute herholen.

Ich habe tausend Ideen

Welche Pläne hast du für die Zukunft?
Ich habe tausend Ideen. Vielleicht werde ich auch noch was Eigenes gründen, da kann ich aber noch nichts Konkretes verraten. Im Goethe-Camp planen wir Veranstaltungen. Im November machen wir zum Beispiel bei der deutschlandweiten Gründerwoche mit und bieten abends in Kooperation mit der BIS Bremerhaven Seminare an für Leute, die ein Start-Up gründen wollen.

Co-Working in Bremerhaven

Goethe-Camp
Goethestraße 50A in Bremerhaven
Telefon: 04743-9559030
Mail: coworking@goethe.camp

Tagesticket: 8 Euro

Goethe45
Goethestraße 45 in Bremerhaven
Telefon: 0471-4190386
Kontakt über die Facebookseite

Tagesticket: 25 Euro