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Organspende: Fragen, Ängste und Bedenken

Nur Dank einer Organspende lebt die 14-jährige Madeleine heute noch. Vor ein paar Wochen habe ich über sie berichtet. Der Artikel hat bei euch ein paar Fragen aufgeworfen, die ich in diesem Artikel beantworten möchte:  Wer sagt, dass ich dann auch wirklich tot bin? Wer bekommt meine Organe? 

Eins vorweg: In diesem Artikel geht es nicht darum, euch zum Spenden zu animieren. Ich möchte einzig und allein Fragen beantworten. Wenn ich euch  überhaupt zu etwas bewegen will, dann dazu, eine Entscheidung zu treffen. Denn wenn ihr sie nicht trefft, müssen das eure Angehörigen tun, nachdem ihr gestorben seid. Und das wünsche ich wirklich niemanden. Auch dafür ist der Organspendeausweis da: Ihr könnte darauf eintragen, dass ihr keine Organe spenden wollt. In einigen Ländern (ganz neu die Niederlande) funktioniert es übrigens andersherum. Nur wer zu Lebzeiten widersprochen hat, kommt nicht als Spender infrage.

So sieht der Ausweis von vorne und hinten aus: Man kann eintragen, was man spenden würde, dass man gar nicht spenden möchte, oder dass das ein Angehöriger entscheiden soll.

So sieht der Ausweis von vorne und hinten aus: Man kann eintragen, was man spenden würde, dass man gar nicht spenden möchte, oder dass das ein Angehöriger entscheiden soll. (Foto: Organspende-Info)

Vertrauen und Weltanschauung

Das Thema ist sehr persönlich. Denn ob ich meine Organe spende, hat viel mit Vertrauen zu tun und ist abhängig von meiner Weltanschauung. Außerdem muss man sich mit dem eigenen Tod beschäftigen. Ich vermute, dass vor allem letzteres ein Grund dafür ist, warum die Spenderzahlen so niedrig sind. Doch die Skandale tragen sicher  auch ihren Teil dazu bei. Denn Deutschland hat, was das angeht, einen Tiefpunkt erreicht:  Auf 1 Million Einwohner kommen 10 Spender – so wenig wie seit 30 Jahren nicht.

Wer bekommt mein Organ?

Auf die Spenderliste kommen Patienten, wenn Ärzte sie darauf setzen. Sie werden je nach Dringlichkeit eingestuft. Das beurteilt nicht nur ein Arzt, sondern mehrere Fachleute. Ein Alkoholiker muss übrigens mindestens sechs Monate trocken sein, um auf die Liste zu gelangen.

Die Ausnahme bilden die Lebenspenden. Niere, Teile von Leber, Lunge, Dünndarm und Bauchspeicheldrüse kann man spenden, während man noch lebt. Diese Spende ist in Deutschland nur unter Verwandten erlaubt oder bei Menschen, die sich offenkundig nahestehen.

2012 gab es einen großen Organspende-Skandal in Deutschland, den hat die Süddeutsche Zeitung aufgedeckt. Ärzte haben Krankenakten gefälscht, um ihre Patienten weiter oben auf die Liste zu setzen. Nach Veröffentlichung brachen die Spenderzahlen ein.

Tun Ärzte dann nicht mehr alles, um mein Leben zu retten?

Rund ein Fünftel der Nicht-Spender nennen diese Sorge als Grund, warum sie einer Organentnahme widersprechen. Und diese Frage kann ich natürlich nicht beantworten. Aber ich kann mich einer Antwort nähern: Ein Mensch muss in sehr guter körperlicher Verfassung sein, um als Spender infrage zu  kommen. Außerdem müssen nach dem Transplantationsgesetz zwei Ärzte vor einer Organentnahme unabhängig voneinander den Hirntod des Spenders feststellen – man gilt als Tod, wenn das Hirn nicht mehr funktioniert. Dazu müssen die Mediziner mehrere Tests machen. Sie überprüfen unter anderem, ob die Spontanatmung und alle Hirnstammreflexe ausgefallen sind.

Nichtsdestotrotz: Erstens geschehen dort, wo Menschen arbeiten, immer auch Fehler. Und zweitens beweisen Skandale, dass das System keine hundertprozentige Fairness garantiert. Es beruht auf Vertrauen. Die Ärzte entscheiden.

Wie handhaben andere Länder die Organspende?

Zustimmungslösung: So wie in Deutschland müssen die Menschen auch in Dänemark, Großbritannien, Litauen, Niederlande, Rumänien und der Schweiz einer Entnahme zugestimmt haben. Wenn keine Zustimmung vorliegt, können Angehörige mutmaßen, was der Wunsch des Verstorbenen gewesen wäre.

Widerspruchslösung: Genau umgekehrt funktioniert es zum Beispiel in Belgien, Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Luxemburg, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Slowenien, Slowakei, Tschechien, Türkei, Ungarn, Zypern und seit Jahresbeginn auch in den Niederlanden. Man muss einer Organentnahme ausdrücklich widersprochen haben. Wenn das nicht der Fall ist, kommt man automatisch als potentieller Organspender infrage.

Ich finde es gruselig, dass ein Teil von mir weiter lebt.

Niemand weiß, was nach dem Tod geschieht. Und es glaubt vielleicht auch nicht jeder daran, dass man mit Versagen des Hirns tot ist. Vermutlich ändert sich die eigene Einstellung dazu schnell, wenn ein Mensch, der uns nahe steht, ein Organ braucht. Aber sich zu gruseln ist in Ordnung und niemand wird gezwungen, zu spenden. Bemerkenswert finde ich es aber trotzdem, dass mehr Menschen Organe annehmen würden, als sie bereit sind, selbst zu spenden. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat eine Studie mit rund 4000 Teilnehmern durchgeführt und herausgefunden, dass 69 Prozent selbst spenden würden, hingegen aber 86 Prozent eine Spende selbst annehmen würden. Das liegt vermutlich in der Natur des Lebens.

Spenden

Organspendeausweis: Den Ausweis kann man sich hier runterladen oder sich zuschicken lassen.

Blut spenden kann man zum Beispiel beim Deutschen Roten Kreuz, hier findest du Termine in deiner Nähe. Doch auch Unikliniken nehmen Blutspenden an.

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Dörthe

Über Dörthe Schmidt

Besitzt mehr Ohrringe als sie zählen kann und hat auch schon mehr davon verloren, als sie je zugeben würde. Isst schon seit Jahren vegetarisch, wird jedoch schwach bei Marshmallows am Lagerfeuer. Liebt die Natur, Handarbeit und Weltverbesserer.

One Comment

  1. Jan

    Hallo Dörthe,

    vielen Dank, dass du offene Fragen und etwaige Unklarheiten nochmal in diesem seperaten Artikel beantwortet hast.
    Nachdem ich mir deine Artikel 2-3 mal durchgelesen hatte, hat mich das ganze Thema sehr nachdenklich werden lassen. Ich habe mir viele Gedanken über Moral, Hilfsbereitschaft, etc. in unserer Gesellschaft gemacht und bin zu dem Entschluss gekommen fortan möglichst oft im Jahr (also 4-6 mal wenn es gut läuft ;)) Blut spenden zu gehen. Mir ist bewusst geworden, dass ich mit meiner Spende Gutes tun und anderen helfen kann.
    Mit der Organspende hadere ich noch etwas, aber vielleicht bin ich irgendwann auch mental dazu bereit.
    Danke, dass du das Thema so intensiv behandelt hast und ich freue mich auf weitere Artikel von dir 🙂

    Liebe Grüße

    Jan

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