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Freunde, Liebe, Hoffnung: Und an was glaubt ihr?

Neulich habe ich auf ZEIT Campus einen Artikel über Gott gelesen. Darüber, dass er in unserem Alltag höchstens noch vorkomme, wenn es in der WG-Küche um den Kirchenaustritt geht. Dass nach der intensiven Zeit mit Religions- und Konfirmationsunterricht quasi Schluss mit ihm ist. Dennoch glaube ich, dass ich noch immer mit ihm zusammen bin. Nur in einer anderen Form. Eine Form, die mir nicht vorgegeben oder vorgelebt wird, so wie es früher vielleicht war. Sondern eine Form, die ich über die letzten zehn Jahre selbst für mich gefunden habe.

Ich bin längst aus der Kirche ausgetreten. Aber nicht, weil ich nicht an „Gott” als solches glaube oder Geld sparen will, sondern weil ich die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde nicht brauche, um in meinem Leben an etwas zu glauben. Genauso, wie ich kein Grab brauche, um an meinen Opa zu denken oder um ihn zu trauern. Markaberer Vergleich, mag man denken, aber so ist es doch. Ich brauche kein Denkmal, keinen Raum oder Ort. Ich brauche nur mich und meine Gedanken.

Jedoch sollte natürlich jeder aus seinem Glauben machen, was sich für ihn am besten anfühlt. Das wichtigste ist dabei meiner Meinung nach: Es sollte einem Halt geben. Unsichtbaren Halt. Glaube lässt einen nicht allein sein, so allein man (menschlich) auch manchmal ist. So allein gelassen man sich trotz Freunden und Familie immer mal wieder fühlen kann. Gerade in solchen Momenten glaube ich daran, dass es dort oben nicht unbedingt einen „Gott” gibt, aber eine höhere Macht ganz bestimmt. Dass das Universum über jeden einzelnen von uns herrscht. Für jeden einzelnen von uns da ist, der dem Glauben schenkt. Es kann sich quasi milliardenfach teilen. Das Schicksal jedes einzelnen von uns sein. Es wacht dort oben über uns und weist uns den richtigen Weg. Nur vor gewisse Entscheidungen stellt es uns – die wir dann selber treffen müssen.

The decision to believe is the most important decision you will ever make.

Irgendwie finde ich es rückblickend auch erschreckend, wie intensiv ich mich schon als Kind mit Gott beschäftigen „musste”, ohne wirklich die Wahl oder eine Meinung dazu zu haben. Man wird da irgendwie so reingeboren, wächst damit auf. Wieso kann das nicht warten, bis man selbst bereit ist, sich seinen Glauben auszusuchen? Heute kann man ihn zwar ändern, aber das, seien wir mal ehrlich, machen doch die wenigsten. Die meisten akzeptieren es einfach so, wie es ist. Als sei auch das Schicksal.

Denn man wird von Anfang an „gezwungen” sich mit seiner – vor Ort verbreiteten – Religion zu beschäftigen, bevor man andere kennenlernt. Ich war bereits konfirmiert, bevor ich auf dem Gymnasium ein Referat über den Islam halten durfte. Das wäre jetzt nicht unbedingt meine Religion. Aber erst zu diesem Zeitpunkt bin ich mit anderen Religionen in Berührung gekommen, als ich mich schon längst passiv entschieden haben musste. Und in Bezug auf meinen Glauben sehe ich zum Beispiel fast stärkere Parallelen zum Hinduismus oder Buddhismus wie zu meiner eigentlichen Religion, dem Christentum.

Aus Glaube wächst gemeinschaft

Ist es verwerflich, sich aus jedem Glauben gewisse Aspekte zu ziehen und daraus seinen eigenen zu formen? Darf ich mich dann quasi auch nicht mehr als Christin irgendwo eingetragen wissen? Auch, wenn ich gerne weiterhin Weihnachten feiern wollen würde? Denn ich finde, es ist nur das, was einen wirklich erfüllen kann. Man kann sich doch nicht zu Feiertagen zwingen, an die man gar nicht glaubt. Ich behaupte, die meisten Menschen feiern Ostern und Weihnachten, aber interessieren sich für andere christliche Feiertage wie den Reformationstag oder auch Pfingsten nicht wirklich. Freuen sich einfach nur über die freien Tage. Was mich zu der Frage führt: Macht das ganze Glaubenskonstrukt überhaupt Sinn?

Was ich positiv am kirchlichen Glauben finde, ist vor allem die Gemeinschaft, das Beisammensein, das Zusammenkommen. Während meiner Konfirmandenzeit habe ich die Kirchengemeinde in meinem Heimatort sehr ins Herz geschlossen, dank der Menschen dort. Es gab jeden Donnerstag einen Jugendtreff – wir haben gekickert, Billard gespielt, sind zu Subway gegangen. Was Jugendliche eben so tun. Jeden Donnerstag war das unser Highlight der Woche. Ich verbinde mit der Zeit unglaubliche Jugenderinnerungen. Die Menschen dort sind meine Jugendfreunde, was wir geteilt haben, das werde ich nie wieder bekommen und das weiß ich für immer zu schätzen.

You will become what you believe.

Doch jeden Donnerstagabend gab es auch einen offiziellen Teil – den Jugendkonvent. Dort ging es um aktuelle Anliegen in der Gemeinde, ehrenamtliche Aufgaben wurden verteilt, auf die wir alle immer richtig Bock hatten. Weil es um die Leute ging, mit denen man sie zusammen gemacht hat. Ob es das Organisieren und Durchführen von kirchlichen Veranstaltungen war, die Vorbereitung von Gottesdiensten oder Nachmittage mit Kindern. Highlight waren für jeden von uns die Kirchenfreizeiten. Am Ende habe ich sogar mit meiner damaligen besten Freundin eine eigene Konfirmandengruppe geleitet, war eine von drei Konventssprechern und durfte bei einigen Konfi-, Kinder- und Teeniefreizeiten sowie einer zweiwöchigen Jugendfreizeit nach Dänemark als Betreuerin mitfahren. Das hat mir unglaublich viel gegeben, auch viel Kraft und Selbstvertrauen – allein durch die Menschen und den Spaß an dieser gemeinschaftlichen Arbeit. Und das wiederum verdanke ich in erster Linie meiner – nicht selbst ausgesuchten – Religion.

Natürlich ging es bei all diesen Veranstaltungen, Ausflügen und Freizeitfahrten auch immer darum, den Menschen Gott und die Religion auf eine junge, lässige, lustige, unverbindliche und spaßmachende Weise nah zu bringen. Aber rückblickend stand das gar nicht im Fokus. Sondern einfach, gemeinsam an etwas zu glauben, etwas zu erarbeiten, zu bewegen und zu verändern. Und sich gegenseitig Halt zu geben. Wenn ich gerade während des Schreibens an diese Zeit zurückdenke, bin ich unglaublich glücklich. Fühle mich unglaublich erfüllt. Und bin so dankbar für alle Momente, die ich zusammen mit meinen Freunden in der St.-Petri-Gemeinde Langen teilen durfte – darunter auch mein erster Kuss und meine erste große Liebe. Ich bin mit euch erwachsen geworden, zu dem guten Menschen, der ich heute bin. Und ihr werdet immer ein Teil von mir bleiben. Glaube hin oder her.

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Nina

Über Nina Brockmann

Foodie, Yogi und reiseverrückter Lifestyle-Junkie. Kann ohne Kaffee, Avocados und Lachen nicht leben. Steht auf Melancholie, aber nicht auf Mädchenkram wie Kleider oder Nagellack. Nur ohne Lippenstift geht sie äußerst selten aus dem Haus. Auch für Flechtfrisuren hat sie ein Faible.

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