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Erde an Rassist: Geht‘s noch?

Heute Morgen ist mir der Kaffee im Hals stecken geblieben, den ich gemütlich im Bett bei geöffnetem Fenster getrunken habe. Denn so wurde ich unfreiwillig Zeuge einer verletzenden Unterhaltung meiner Nachbarn. Am Freitag hatte sich mein Mann ausgesperrt, mein türkischer Nachbar – ein netter, hilfsbereiter Schnackertyp hat das mit bekommen. Davon erzählte er heute Vormittag dem anderen Nachbarn, der gerade im Innenhof war. Vom Balkon im zweiten Stock tönte er herunter: „Der Bimbo aus dem ersten hatte sich ausgesperrt, haha.” Vielleicht wollte er damit seine Belustigung über die Schusseligkeit meines Mannes zum Ausdruck bringen, wäre da nicht folgendes Detail: Mein Mann ist Schwarzafrikaner.

Im ersten Moment will ich auf den Balkon gehen und ihn zur Rede stellen, doch ich halte mich zurück. Es bringt doch eh nichts, sage ich mir. Komm, du willst keinen Ärger, steh einfach drüber. Doch so einfach ist es eben nicht. Warum muss immer ich drüber stehen, wenn Rassisten sich daneben benehmen? Klar, ich bin nicht gemeint gewesen, aber es verletzt und entsetzt mich, wenn so über meinen Mann gesprochen wird.

Das ist nicht das erste Mal. Wir sind seit knapp 18 Monaten zusammen, seit sechs verheiratet und in dieser Zeit habe ich eine Seite von Deutschland kennengelernt, die mich entsetzt. Rassismus ist viel allgegenwärtiger als wir glauben. Bewegt man sich nur unter Weißen bekommt man das einfach nicht mit (außer die Kollegen bieten dir – haha – einen Negerkuss an).

Am Samstag zum Beispiel war der Cousin meines Mannes zu Besuch. Die beiden sind in die Stadt gefahren, weil sie Schuhe kaufen wollten. In einem großen, teuren Geschäft hat ihnen ein Paar gefallen, doch es gab nicht die richtige Größe. Also hat mein Mann die Verkäuferin gefragt, ob sie die Schuhe noch auf Lager hat. Anstatt zu antworten, hat sie sich zu ihrer Kollegin umgedreht. „Pass auf die beiden auf, die sind mir nicht geheuer”, hat sie zu ihr gesagt. Mein Mann war so entsetzt, dass er sofort den Laden verlassen und mich angerufen hat. „Die waren so rassistisch, da setze ich nie wieder einen Fuß rein”, sagte er zu mir. Sein Nachmittag war verdorben, zum Schuhe kaufen hatte er keine Lust mehr.

Hautfarbe als Identität

Ich verstehe ja, dass Menschen in Schubladen denken. Das ist halt schön einfach fürs Weltbild (der afrikanische Drogendealer, der stehlende Pole, der stinkende Türke, der arme Bulgare). Aber wo bitte bleibt da die Menschlichkeit? Ich merke doch, ob jemand mich bestehlen will oder eine ernsthafte Kaufabsicht hat. Es ist die Vorverurteilung aufgrund äußerer Merkmale, die mich traurig macht.

Denn es geht hier nicht um ein Kavaliersdelikt oder eine einfache Beleidigung. Die Hautfarbe ist Teil der Identität, die kann man nicht einfach ablegen oder umfärben. Wer jemanden aufgrund seiner Hautfarbe verurteilt, nimmt ihm die Würde. Er handelt respektlos und stellt sich über den Anderen.

Die Triebe der Kolonialzeit sind noch immer spürbar. Der zivilisierte Weiße hält den barbarischen Schwarzen für rückständig, kriminell, ungebildet – einen „Bimbo” eben. So bezeichneten die Kolonialherren die Afrikaner unter ihren Karikaturen, zeichneten sie mit dicken Lippen, krausen Haaren und Baströckchen.

„Was willst du mit dem Affen?” – dieser Satz traf mich so unvermittelt, ich konnte gar nicht reagieren. Wir saßen im Zug von Göttingen nach Hannover, hatten ein schönes Wochenende mit Freunden verbracht. Ein Mann, der irgendwo im Nirgendwo aussteigen wollte, schmetterte mir im Vorbeigehen diesen Satz entgegen. Er wollte einfach böse sein. Anders kann ich mir so ein Verhalten nicht erklären. Der Rassist in ihm musste mal kurz raus, ihm ging es danach wohl besser, mir ging es schlecht. Mein Mann hat Gott sei Dank nichts mitbekommen, er hat geschlafen.

Fucking refugees go home, nobody wants you here.

Aber ich kann ihn nicht vor allem schützen. Weitere Beispiele: In die Metallfahrstuhltür unseres Wohnhauses ritzt jemand „Nigger Nutte”. Er hat sich Mühe dabei gegeben, die Buchstaben sind so tief im Metall versunken, dass man sie nicht weg bekommt. Mein Mann ist daraufhin nur noch ungern alleine im Haus, geht nicht mehr alleine in den Keller zum Wäsche waschen. Wir beide fühlen uns beobachtet und bedroht. Die Hauswartin setzt sich für uns ein, wir sind ihr unendlich dankbar.

Als mein Mann auf dem Nachhauseweg an einer großen Straße entlang läuft, verlangsamt ein Auto neben ihm das Tempo. Ein Mann kurbelt das Fenster runter und schreit ihn an: „Fucking refugees go home, nobody wants you here.”

Im Supermarkt nimmt ihn der Ladendetektiv zur Seite, mein Mann muss den Rucksack ausräumen, den Kassenbeleg vorzeigen. Seitdem lässt er sich immer den Bon geben.

So einfach wie unangenehm

Die Polizei kontrolliert ihn ständig. Insbesondere im Bremer Viertel und am Mannheimer Neckarufer muss er sich jedes Mal ausweisen – manchmal die Hosen runter lassen. Einfach nur, weil er ins Raster passt. Schwarz, dünn, jung, moderne Klamotten ist gleich Drogendealer. So einfach wie es für die Polizei ist, so unangenehm ist es für meinen Mann. Er nimmt jetzt andere Wege, wenn möglich.

Mir bleibt nur, ihn zu trösten, so viel wie möglich zu erklären und das Thema öffentlich zu machen. Alltagsrassismus ist genau das: Alltag. Nicht für uns Weiße, aber für die Schwarzen (und alle anderen die ein bisschen anders aussehen) schon. Mich macht das traurig. Drüberstehen will ich nicht mehr. Das nächste Mal – habe ich mir vorgenommen – stelle ich den Nachbarn zur Rede. Ich mag ihn ohnehin nicht mehr.

Anmerkung: Der Mann der Autorin bezeichnet sich selbst mit Stolz als „schwarz”, deswegen hat sie das so übernommen.

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