Foto: Nina Braun

Think out of the box: Tim und seine Mission

Er bezeichnet sich als Durchschnittsstudent, ich würde sagen er ist ein Wunderkind. Mit erst 23 Jahren hat Tim David Müller-Zitzke bereits den Mut und den Willen gehabt, sich seinen Weg in die kreative Selbstständigkeit zu erarbeiten – als Fotograf und Filmemacher. Sein neustes Projekt: Eine Reisedoku über die Antarktis. Aber nicht über Pinguine. Sondern über seine ganz persönliche Meinung über die Berufschancen und Lebenseinstellungen von Millennials. Seine Mission: Think outside the box!

Tim, an welchem Projekt arbeitest du gerade?

An einer Reisedoku über die Antarktis. Gemeinsam mit meinem Filmkollegen Dennis Vogt und dem Polarforscher Michael Ginzburg. Michael ist eigentlich gelernter Biologe, arbeitet jetzt aber als Dokumentarfotograf. Er hatte irgendwann keinen Bock mehr darauf und ist dann in die Fotografie gegangen. Michael hat die Tour im Prinzip organisiert. Und so hat sich das dann ergeben, dass wir irgendwann gesagt haben: Dann tun wir uns zusammen und machen einen Film draus. Er arbeitet auch auf dem Expeditionsschiff „Ortelius”, auf dem wir jetzt mitfahren.

Worum wird es im Speziellen gehen?

Der Film (Arbeitstitel „Antarktis Film”) geht einerseits um die Reise an sich, das Abenteuer – wie es ist von Bremerhaven aus bis in die Antarktis zu reisen. Wir fliegen nach Argentinien und werden dort von Süden aus mit dem Schiff in die Antarktis fahren. Wir sind dann auch zwei Tage auf See.

Andererseits geht es auch um eine Sache, die uns persönlich am Herzen liegt: nämlich „Out-of-the-box-Denken”. Dass es auch Spaß machen kann, wenn man sein eigenes Ding macht und nicht nur: Abi – Bachelor – Master – Festanstellung. Sondern, dass man einfach selber was startet. Und sich vielleicht auch die Zeit nimmt, die man braucht, um das zu finden, was einem wirklich Spaß macht. Anstatt einfach nur den „easy way” zu gehen. Wir wollen die Leute mit dem Film zum Umdenken anregen.

Schöner Gedanke. Wann fliegt ihr los?

Mitte November geht’s los. Und dann sind wir für einen Monat in der Antarktis unterwegs. Wenn wir wieder hier sind, wird der Film geschnitten und bearbeitet. Dafür haben wir ein halbes Jahr eingeplant. Im Herbst 2018 wollen wir den Film fertigstellen – dann wird es eine Premiere geben. Anschließend gucken wir mal, ob wir ihn dann entweder übers Internet verkaufen oder in die Kinos bringen. Aber das ist alles noch nicht so spruchreif. Deswegen ist es schwierig, da etwas genaueres zu sagen.

Aber die Premiere findet schon in Bremerhaven statt?

Definitiv. Hier im Kino. Weil das Projekt auch in Bremerhaven geboren wurde. Wir leben und starten von hier. Auch viele Sponsoren des Films kommen aus Bremerhaven. Da fühlen wir uns einfach auch „verpflichtet”, das hier zu machen.

Was für Sponsoren? Habt ihr Crowdfunding gemacht?

Nein, es sind vor allem Sponsoren aus der Wirtschaft – regional als auch überregional. Zum Beispiel Softwarehersteller wie Adobe. Das ist ein großer Topf und alle haben was reingeschmissen. Einen großen Teil hat zum Beispiel der hier ansässige Kunst- und Kulturförderverein „Storm & Drang” gegeben. Die machen sehr viel und das ist cool. Sie unterstützen vor allem künstlerische Projekte in der Region. Bei einem anderen Projekt von uns waren sie auch schon einmal dabei, weil wir uns kannten. So ging das los.

Auf Instagram habe ich gesehen, dass du auch viel mit Adobe zusammenarbeitest…

Genau, da bin ich „Ambassador” – so eine Art Markenbotschafter oder Influencer. Ab und zu zeige ich mal Gesicht für die. Oder ich mache mal was mit den Produkten von denen oder gebe ein Interview über ein neues Programm.

Ich wollte unbedingt ans meer.

Das heißt, du bist seit dem Studium selbstständig?

Ich habe im Grunde ja schon im ersten Jahr meines Studiums nebenbei angefangen, Geld mit meinen Arbeiten zu verdienen. Eigentlich muss ich anders anfangen: Ich habe mit acht Jahren bereits fotografiert. Und dann habe ich so langsam – mit dreizehn oder vierzehn – meine ersten Jobs gehabt. Zum Beispiel habe ich auf Hochzeiten fotografiert. Das war alles noch klein und auch nicht für viel Geld. Aber wenn man ein Foto verkauft hat, war das halt cool. Und das hat einen ermutigt, weiterzumachen.

Während des Abis habe ich schon regelmäßiger mit Bildagenturen zusammengearbeitet – auch online. Damit habe ich nebenbei Geld verdient. Cool ist: Da kann theoretisch jeder mitmachen. Das ist ein völlig neues Berufsfeld. Wie viele Berufe, die neuerdings durchs Internet möglich sind. Nach dem Abitur habe ich noch Praktika – in einem Fotostudio und in einer Werbeagentur – gemacht und mir Zeit genommen, um das zu finden, was mir liegt. Dort habe ich das Beste aus zwei Welten kennengelernt. Und konnte dann sagen: „Okay, das ist die Richtung, die mir gefällt.”

Wo hast du Abi gemacht?

In Uslar, das liegt im Weserbergland. Zwischen Kassel und Göttingen.

Ach, du kommst gar nicht von hier?

Nein, ich bin seit vier Jahren – seit meinem Studium – hier.

Bremerhaven ist Tims Wahlheimat. (Foto: Tim David Müller-Zitzke)

Deine erste Wahl: Digitale Medienproduktion an der Hochschule Bremerhaven?

Bremerhaven war mein Favorit, ganz klar. Weil ich unbedingt mal ans Meer wollte. Und dann hat sich das irgendwie ergeben. Ich wurde auch noch in Köln angenommen, aber ich habe Bremerhaven vorgezogen. Weil ich auch irgendwie nicht so der Großstadt-Typ bin. Auch während des Studiums habe ich immer mehr nebenbei gearbeitet – als freier Mitarbeiter in einer Werbeagentur, die wir im dritten Semester zu viert aufgebaut haben. Damit haben wir Filmaufträge gemacht, auch größere Sachen. Zum Beispiel Werbefilme für Unternehmen in der Region.

Das krasse war, dass der Markt hier in Bremerhaven noch relativ schlecht erschlossen war. Es wurden immer irgendwelche Agenturen aus Bremen beauftragt. Und dann waren wir zum Beispiel mit die ersten, die eine Kameradrohne eingesetzt haben. Oder Slowmotion-Aufnahmen. Oder 4K-Kameras. Jetzt ist es zum Beispiel gerade Virtual Reality. Wir waren schon immer ziemlich experimentierfreudig, was die Technologien angeht. Dadurch haben wir relativ schnell viel Aufmerksamkeit bekommen und dadurch auch Aufträge.

Ergo haben wir während des Studiums immer mehr gearbeitet und auch Erfahrungen gesammelt. Was wir im Studium gelernt haben, konnten wir immer gleich anwenden. Gleichzeitig haben wir uns schnell auf das visuelle – Video und Foto – spezialisiert, weniger Design oder Informatik, was man im Studium auch lernt. Und dann hat es so seinen Lauf genommen.

Und dann bist du nach Hollywood gegangen…

Bald, ja. Im Studium habe ich Volker Engel kennengelernt. Er ist Dozent an der Hochschule und hat seine eigene Produktionsfirma „Uncharted Territory” in Los Angeles. Das fand ich super spannend – Visual Effects. Deswegen habe ich ihn gefragt, ob ich nicht mal rüberkommen könnte. Ursprünglich für ein Praktikum, weil das eh gerade anstand – ein Auslandssemester ist Pflicht im Studium. Das war erstmal gar nicht so einfach. Ich habe ihm meine Unterlagen rübergeschickt und dann kam erstmal nichts. Irgendwann hieß es dann plötzlich: „Wir haben deine Sachen gesehen. Finden wir gut. Wann willst du kommen?” Das war das Ticket nach Hollywood. Dann habe ich meine Sachen gepackt und bin für acht Monate nach L.A. gegangen.

Wie war das für dich?

Ich kannte niemanden in der Stadt. Aber es war eine super Erfahrung und unglaublich spannend, in so eine mega Metropole zu kommen. Sich in ein Feld zu stürzen, in dem man vorher noch nie unterwegs war. Das Interessante war auch, dass ich meine Fotografie-Erfahrungen gut einbringen konnte. Das war am Ende auch der Platz, wo sie mich einsetzen konnten – im „Compositing”. So bezeichnet man das Zusammensetzen der verschiedenen Bilder, des Materials. Du hast meistens einen Vordergrund mit Leuten, die vor einem Bluescreen stehen, und einen Hintergrund, der 3D-animiert ist. Und dann hast du verschiedene Effekte. Das alles zusammenzupacken, so dass es realistisch und echt aussieht, das war meine Aufgabe.

Wo hast du in L.A. gelebt und gearbeitet? Wie muss ich mir das vorstellen?

Ich habe direkt in Hollywood gearbeitet – Tür an Tür mit den großen Studios „20th Century FOX”, „Universal” und „Disney”. Ich hatte eine WG über Airbnb gefunden, direkt in den Hills – total Klischee. Wie man sich das vorstellt, mit dem Hollywood-Sign über unserer Straße. War aber auch teuer. 1000 Euro für ein Zimmer im Monat – für die Gegend ein Schnapper.

Bremerhaven ist ein Geheimtipp.

Hast du noch Kontakt zu den Leuten?

Ja, zu vielen habe ich noch Kontakt. Es ist ein sehr familiäres Unternehmen. Jeder kennt sich, teilweise auch schon seit Jahrzehnten. Und wenn du einmal da drin bist, verbindet dich ja auch was. Weil man sich auch nonstop sieht. Und auch alle an demselben Projekt arbeiten. Das ist nicht unbedingt normal für eine Produktionsfirma – viele sind gesplittet. Bei mir war es so: Dieser Film („Independence Day 2”) verbindet dich für immer mit deinen Kollegen.

Das Verrückte war auch, dass ich nach zwei oder drei Wochen zum „Visual Effects Artist” befördert wurde. Ich durfte zwar nicht so viel verdienen wegen des Studentenvisums, aber ich hatte halt den Titel. Und das ist immer wichtig. Gerade im Filmbereich – dass du im Abspann die richtigen Titel kriegst. Und dich dann für weitere Projekte damit auch bewerben kannst.

Wow – der erste Titel bevor du deinen Abschluss hattest. Den hast du dann wahrscheinlich mit Links gemacht…

Den habe ich noch gar nicht. Meine Kurse sind zwar alle vorbei (die habe ich auch alle mitgemacht), aber eine Hausarbeit steht noch aus. Und meine Bachelor-Arbeit wird dann das Antarktis Projekt. Gleiches gilt für Dennis.

Da schließt sich der Kreis.

Ich würde mich trotzdem nicht mehr so wirklich als Student bezeichnen. Ich mache vieles, aber der geringste Teil ist eigentlich Studieren. Vor einem Jahr war das auch schon nicht anders.

Aber nach deinem Abschluss willst du schon in Bremerhaven bleiben?

Ja, mir gefällt es, hier zu sein. Entgegen aller schlechten Vorurteile finde ich, dass sich die Stadt rausputzt. Ich bin jetzt schon vier Jahre hier – in dieser Zeit hat sich hier einiges getan. Für mich ist Bremerhaven ein Geheimtipp.

Ich war der Dreiste, der sich getraut hat.

Für mich auch. Und eigentlich ne geile Base so.

Das ist ein guter Ausdruck. Bremerhaven ist auch meine Base. Ich komme immer wieder hierhin zurück. Hier kann ich mich entspannen. Hier kenne ich ein paar Leute. Man trifft sich auch mal irgendwie beim Einkaufen. Es ist nicht so ganz anonym. Bisschen anders als L.A. oder so, aber da komme ich von hier ja schnell hin.

Was ist denn passiert, als du zurück warst aus L.A.?

Das war verrückt. Es gab total das Presse-Echo – womit ich gar nicht gerechnet habe. Wo ich dann irgendwie 30 oder 40 Interviews gegeben habe. Mit Fernseh- und Radiosendern, Zeitungen und Magazinen aus ganz Deutschland – darunter auch der SPIEGEL. Und irgendwie haben mich deswegen super viele Leute kontaktiert. Hätte im Rückblick nicht besser laufen können. Auch wenn ich nicht gedacht hätte, dass es so krass kommt. Ich meine, ich habe den Film ja nicht alleine gemacht. Ich war einer von vielen, aber das hat scheinbar gereicht.

Ich glaube, es hat den Leuten auch gefallen – die Idee von so’nem Typen, der das einfach mal probiert hat. Der so dreist war, als einziger zu fragen. Das hat so den Unterschied gemacht. Aber das ist bei vielen Sachen in meinem Leben so gewesen bisher. Dass ich immer der Dreiste war, der sich getraut hat.

Ich glaube auch, dass man so weiterkommt.

Ja, auch dranbleiben irgendwie. Wegen des SPIEGEL-Artikels wurde ich von einem Manager angeschrieben, der in Oxford an der Uni Kurse gibt. Er hat mich eingeladen, da eine Präsentation zu halten. In Oxford und in Cambridge habe ich dann im Grunde über mein Leben referiert. Dann habe ich da gestanden, letzten August war das – vor irgendwelchen Elite-Studenten. Und habe darüber gesprochen, wie man sich seine Träume erfüllt. Und seit Januar 2017 bin ich jetzt komplett selbstständig.

Wie würdest du dich bezeichnen?

Als Fotograf und Filmemacher. Und beim Film, wenn man das jetzt weiter definieren möchte, eher als Producer. Ich bin eher der, der alles organisiert, über alles drüber guckt. Eher Richtung Art Direction.

Wie sehen deine Aufgaben beim neuen Antarktis-Projekt aus?

Seitdem die Idee und das Basic-Sponsoring stehen, sind wir dabei, uns um Marketing, Vertrieb, die Story vom Film, Reisevorbereitungen und auch technische Vorbereitungen zu kümmern. Das sind so die fünf großen Schwestern. Diese Aufgaben haben wir zwischen uns aufgeteilt – wer was vertieft. Die letzten Monate haben wir uns viel ums Sponsoring und ein Marketing-Konzept gekümmert. Wir haben verschiedene Sponsoren, die Interesse haben könnten, gefragt, ob sie mit in das Projekt einsteigen wollen. Damit wir am Ende die Mittel haben, die Reise zu bezahlen.

Für gute aufnahmen tue ich so einiges.

Klingt auch viel nach „learning by doing”.

Ja, durch unsere vorherigen Projekte können wir die technischen Sachen schon ganz gut. Die Basics für Marketing und PR hat man nebenbei aufgeschnappt. Und jetzt wird es zeitlich schon ein wenig enger. Deswegen sind wir dabei, die Reise spezifischer vorzubereiten: Welche Übelkeitsmedikamente brauchen wir? Auch solche Sachen. Weil wir zwei Tage auf See sein und die stürmischte Seepassage der Welt durchkreuzen werden – vier Mal insgesamt. Da sind die Wellen teilweise 10 bis 20 Meter hoch, wenn’s richtig knallt.

Haste Schiss?

Ja, ein bisschen Respekt habe ich. Wir sind ganz gespannt, wie das wird. Weil wir auch die Aufnahmen gerne hätten.

Für deine Aufnahmen tust du schon so einiges, was?

Ja. Dort sind sogar schon Kreuzfahrtschiffe gekentert. Aber das wird schon.

Kommen noch mehr Leute mit oder „nur” ihr drei?

Da es ein Expeditionsschiff ist, sind natürlich noch mehr Leute an Bord. Aber das Schiff ist der Wahnsinn, wir haben da auch unser eigenes Schlauchboot drauf. Und es gibt zwei Hubschrauber, die wir nutzen werden, weil Drohnen in der Antarktis wegen des Schutzvertrages nicht mehr erlaubt sind.

Gibt Schlimmeres, oder?

Na ja, das ist teuer. Weil ein zweimotoriger Hubschrauber mindestens 40 Euro die Minute kostet. Da knallt son Budget schnell mal hoch. Und ein paar Flugstunden werden wir schon brauchen.

Ihr müsst echt gut organisiert sein.

Wir geben unser Bestes. Du machst halt viel Budget- und Zeitpläne und sowas am Anfang. Damit du absehen kannst, wie lange das alles dauert. Und parallel bist du mit deinem Team am verhandeln – du musst ja auch Verträge und alles machen. Auch extern die Musikleute reinholen, die Sounddesigner, Schnitt und sowas. Das ist schon viel Arbeit. Wir haben jetzt auch noch einen Social-Media-Strategen mit ins Boot geholt. Der macht dann den Facebook- und Instagram-Auftritt. Es wird dann eine Seite zum Film geben, aber der Name steht noch nicht fest. Wir wollen frühestens im Winter mit der Seite starten. Bis dahin wird alles über unsere eigenen Facebook-Accounts (TIM DAVID und DAN VOGT) gepostet.

Wie läuft das mit dem Sponsoring und dem Budget?

Je nach Sponsor ist das über verschiedene Raten gestaffelt. Du musst immer wieder einen Zwischenstand durchgeben und dann kriegst du die nächste Rate. Im Grunde ist es ein bombensicheres Konzept. Weil wir uns nicht selber verschulden müssen, um diesen Film zu drehen. Die Sponsoren bekommen ihren Auftritt und ihren Film auf jeden Fall garantiert. Somit sind alle irgendwann glücklich. Dann hast du diesen Nullpunkt und kannst rausgehen, das Ding verkaufen und vielleicht etwas Geld verdienen.

Arbeit muss keinen Spaß machen? Das ist einfach super falsch.

Und davon willst du dann leben bis dein nächstes Projekt läuft?

Wir sind jetzt nicht unbedingt darauf angewiesen – so hundertprozentig. Weil wir theoretisch auch noch andere Jobs machen könnten, wenn es nicht klappt. Wir gucken einfach mal, wir sind da ganz offen und entspannt.

Ist es dein persönlichstes Projekt?

Inhaltlich ist es ein Thema, was uns sehr am Herzen liegt. Weil wir sehen, wie viele Leute – zum Beispiel aus unserem Jahrgang oder Freundeskreis – irgendwie von ihrem Umfeld in dieses Muster „Mach bloß was Sicheres und was Vernünftiges” gedrängt wurden. Dann haben sie halt ihren vernünftigen Job, sind da aber nicht happy. Gehen jeden Tag zur Arbeit, haben aber keinen Bock drauf. Das sind super viele. Es gibt auch erschreckende Statistiken dazu. Ein Großteil der Leute in Deutschland sind mit ihrem Job nachweislich unzufrieden.

Ja, weil sie sich auch nicht in dem Sinne leidenschaftlich treiben lassen. Viele sind eher auf Sicherheit aus und nehmen dafür – so scheint es – Unzufriedenheit in Kauf.

Und weil dir überall suggeriert wird – auch schon in der Schule: Arbeit muss keinen Spaß machen. Soll auch keinen Spaß machen. So die Schiene. Das finde ich einfach super falsch. Weil das eine das andere ja nicht ausschließt. Wenn du Spaß hast, heißt es ja nicht, dass du nicht mehr arbeitest. Sondern eher ganz im Gegenteil: dann machst du deine Arbeit erst richtig gut.

Natürlich ist nicht immer alles geil. Aber viele Leute geben sehr schnell auf. Und sagen dann: „Okay, scheiß egal. Ich mach das jetzt halt bis zur Rente.” Aber was ist das für ein Leben? Wenn die drei Wochen Urlaub, die du im Jahr hast, deine einzige Insel ist, wo du mal happy bist. Ich war selber schon in so einer Situation und weiß, wie schrecklich das sein kann. Deshalb ist es uns mit dem Film wichtig, dass mal ein kleiner Gegenpunkt gesetzt wird. Dass es wirklich mal heißt: „Guckt mal, was euch wirklich interessiert und was es inzwischen alles gibt. Gerade die neuen Berufsfelder werden euch vermutlich nicht von euren Eltern oder der Großmutter vorgeschlagen.” Auch wenn die natürlich sonst sehr viele gute Tipps geben.

Gibt es schon Punkte, an denen ihr das fest macht?

Ganz praktisch wollen wir auch mal die Selbstständigkeit beleuchten. Dass es das gibt und dass man als Selbstständiger auch große Erfolge haben kann. Ohne dass man am Hungertuch nagen muss. Und wir wollen auch zeigen, dass die Kreativbranche nicht so aussichtslos ist, wie immer alle sagen. Das ist ein Mythos. Man muss sich halt einfach nur durchsetzen. So viele Leute haben mir gesagt: „Studier das nicht, da kriegst du keinen Job. Der Markt ist überflutet.” Das ist völliger Bullshit, wenn ich das mal so deutlich sagen darf. Der Markt ist überflutet mit Leuten, die etwas mit Medien studiert haben und die meinen, es würde ausreichen, dass sie eine gute Note im Abschluss und alle Kurse irgendwie bestanden haben. Aber das reicht nicht. Du musst viel mehr selber ausprobieren, Kontakte knüpfen, dein Netzwerk auf- und ausbauen. Dann kannst du dich locker durchsetzen. Und das sind halt so Sachen, die brennen uns ein bisschen unter den Fingern.

Was kommt nach dem Film? Oder denkst du nicht so weit?

Ich denke maximal ein halbes Jahr voraus. Ich habe mir das angewöhnt, weil sich immer so viele neue Sachen ergeben haben. Du lernst irgendwen irgendwo kennen und dann bist du auf einmal in irgendeinem Projekt mit drin. Oder andersrum: Irgendwas läuft super geil, was du gar nicht erwartet hättest und dann konzentrierst du dich weiter darauf. Oder irgendwas läuft gar nicht und dann schwenkst du um. Das ist immer ein Hin und Her.

Viele machen sich einen Zehn-Jahres-Plan. Die sind halt sehr zielstrebig und versteifen sich dann zum Teil darauf. Das ist einfach nicht so mein Ding. Ich bleibe lieber offen für (neue) Sachen. Das hört sich schon so alt an, aber meine persönliche Philosophie ist einfach dieses „Out-of-the-box-Denken”. Umdenken. Sachen anders machen. Und dann halt zu sehen: Es funktioniert. Du musst nicht erst zum Mond fliegen, um in den Medien zu landen oder sowas. Man denkt immer, dass man selber so langweilige oder unspektakuläre Sachen gemacht hat, aber es ist cool zu sehen, dass es Leute motiviert, selber was zu starten.

Man muss nicht leidend durchs Leben gehen. Das ist nicht nötig.

Ein Geben und Nehmen?

Ich bin einfach immer happy, wenn ich sehen kann, dass ich Leute zu irgendwas motiviert habe. Mir haben letztes Jahr sehr viele Leute geschrieben – nach den ganzen Newsartikeln. Das ist schon cool. Und das motiviert mich selbst, weiterzumachen und meine Erfahrungen zu teilen. Das ist auch die Mission in unserem Film. Sonst könnten wir auch einfach eine Doku über Pinguine machen.

Ich bin der Überzeugung, man kann es sich schon schön machen. Man muss nicht leidend durchs Leben gehen. Das ist nicht nötig. Zudem haben wir das Glück, dass wir hier in Europa aufwachsen. Und die guten Ausgangsbedingungen hier schätzen und auch wahrnehmen sollten. Ich bin auch nicht das „rich kid”, das fürs Praktikum zum Beispiel schon alles vorfinanziert hatte. Ich habe auch Bafög bekommen. Ich bin eigentlich son richtig schöner Durchschnittsstudent.

Das heißt, du denkst auch finanziell nicht so langfristig?

Wenn das nächste halbe Jahr save ist, ist alles gut. Andernfalls könnte man über freie Mitarbeiten oder eine Anstellung nachdenken. Doch bisher läuft ja alles.

Aber selbst, wenn du deinen Abschluss jetzt nicht mehr machen würdest, würde auch keiner mehr danach fragen…

Möglich. In Hollywood hatten wir einen Animation Supervisor, der hat gar nicht studiert. Und der war Supervisor über 20 Leute. Einen Abschluss in der Tasche zu haben, ist aber natürlich immer gut. Außerdem habe ich viele wichtige Kontakte in der Hochschule geknüpft. Trotzdem gab es letztens so eine Diskussion, die ich ganz cool finde: dass Personalmanager schon gar nicht mehr nach den Klassenbesten Ausschau halten, sondern nach Leuten suchen, die zwischenmenschlich was drauf haben.

Aber das muss man auch erstmal erkennen.

Leider liegt der Fokus oft noch auf den falschen Dingen. Und wenn dir schon deine Leute sagen: „Alles, was wichtig ist, ist der Schnitt. Egal, wenn du keine Freunde mehr hast.” Das ist halt einfach schlecht. Gerade im Silicon Valley wird mittlerweile viel nach soft skills rekrutiert. Und das finde ich echt gut. Das ist – meiner Meinung nach – das, worauf es am Ende wirklich ankommt. Die anderen Dinge kann man mit der Zeit alle lernen. Aber es kann niemand deine Persönlichkeit ersetzen.

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Nina

Über Nina Brockmann

Foodie, Yogi und reiseverrückter Lifestyle-Junkie. Kann ohne Kaffee, Avocados und Lachen nicht leben. Steht auf Melancholie, aber nicht auf Mädchenkram wie Kleider oder Nagellack. Nur ohne Lippenstift geht sie äußerst selten aus dem Haus. Auch für Flechtfrisuren hat sie ein Faible.

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