Foto: Nina Brockmann

Die Segelmacher: Jedes Stück ein Unikat

Was Eva Erkenberg anfasst, wird zum Lieblingsstück. Das ist ihre Philosophie und das Kerngeschäft ihrer maritimen Manufaktur „Bremerhavens Segelmacher”. Sie fertigt Taschen aus Dingen, die anderen Menschen am Herzen liegen. Ganz individuell aus Schnuffeltüchern, Fotos, Sakkos – die Liste ist lang und das Geheimnis: „Keine Tasche ist wie die nächste”, so Eva, die sich selbst als kreativen Kopf hinter den Segelmachern bezeichnet.

Doch der Titel „Segelmacher” wird ihrem Business gar nicht wirklich gerecht. Es ist so viel mehr als das. Eva fertigt aus allen möglichen Dingen Unikate. Vor allem aus – hauptsächlich maritimen – Materialien, die an anderer Stelle nicht mehr gebraucht werden. Trend derzeit: Taschen aus Rettungsinseln. „Wir hatten gerade Materialknappheit”, erzählt Eva. Daraufhin habe sie einen Aufruf auf Facebook gestartet, durch den sie an rund 10 Rettungsinseln gekommen ist. Daraus entstehen in ihrer Werkstatt in der Hafenstraße nun knallorangefarbene Taschen, die sie dann in ihrem Shop im Mediterraneo vertreibt. 300 Stück dürften es werden, schätzt Eva. Eine gummierte Variante aus dem Boden der Inseln sowie eine Variante aus dem Oberstoff. Gebrauchsspuren nicht ausgeschlossen. Rund 1,5 Stunden Arbeit stecken in einer Tasche. Darauf stickt sie selbstgemachte Patches mit nordischen Slogans wie „Moin” oder „Mien Büdel”, oftmals Anker oder andere Motive wie Fische und Flossen. „Auch Stempel sind gerade total angesagt”, weiß die 40-Jährige. „Die entwerfe ich abends statt fernzusehen.”

Eva Ekenberg ist der kreative Kopf hinter den „Segelmachern“. (Foto: Nina Brockmann)

Vor zehn Jahren hat sich Eva mit ihrem damaligen Lebensgefährten Jan Hoheisel selbstständig gemacht und die „Segelmacher” aufgezogen. Er hatte bereits in Hamburg in der Branche gelernt, sie war in der Verwaltung tätig, hat später mit behinderten Menschen gearbeitet. Die berufliche Erfüllung ist jedoch ausgeblieben. „Ich war einfach schon immer sehr kreativ und eine Querdenkerin”, sagt Eva. Den Rest, das Handwerk, habe sie über die Jahre von Jan gelernt. Heute steht ein ganzes Team hinter ihr. Bianca – zum Beispiel – ist Werkstattleiterin, Lutz gelernter Raumausstatter und Polsterer. „Wir brauchen auch Männer an Bord. Wir haben hier richtig zu ackern, das können wir Mädels nicht alleine stemmen. Teilweise haben wir Materiallieferungen von 250 Kilo.”

Hamburg ist mir zu unpersönlich.

Ihre Inspiration nimmt Eva aus dem Leben. Sie ist stolze Bremerhavenerin, geboren und aufgewachsen in der Seestadt. Ein Leben in einer anderen Stadt könne sie sich nicht vorstellen. Ab und zu fahre sie gerne nach Hamburg, um ein wenig „Großstadtluft zu schnuppern”. Und weil es eben die nächst größere Stadt sei, die auch maritimes Flair habe. Dennoch: Dort sei ihr alles zu unpersönlich. Sie sei immer wieder froh, in ihre Heimat Bremerhaven zurückzukehren. Gerne besucht Eva auch Flohmärkte – fragt sich bei allen Materialien und Kleinigkeiten, die ihr zwischen die Finger fallen, was man daraus machen könnte.

Im Regelfall bestehen ihre Taschen jedoch aus Segeltüchern oder LKW-Plane. Aber auch für Sonderaufträge aller Art sind die Segelmacher allzeit bereit. Ein aktueller Auftrag: „Aus alten, maritimen Werbebannern fertigen wir einen Windschutz für eine Terrasse“, berichtet Eva, während sie mir die unzähligen Rollen bedruckter LKW-Planen zeigt. Es soll ein großes Segel werden. „Wir stehen immer im Dialog mit den Kunden”, sagt sie. „Sichten gemeinsam das Material und schauen, wie wir was und wo am besten verwenden können.”

Genauso verfährt Eva mit einem Kunden aus dem Landkreis, der während unseres Gesprächs reinkommt, um – stolz wie Bolle – seinen neuen Seesack abzuholen. Dieser ist aus einem Familienerbstück entstanden – einem alten Mehlsack, auf dem der Nachname gedruckt ist. Eva hat einen runden Holzboden eingearbeitet und diesen außen herum mit einem dicken Leder verkleidet. Sieht schick aus. Zudem ist es ein einzigartiges Stück, in dem viel Persönlichkeit steckt. „Wir haben auch schon einen Heiratsantrag auf ein großes Segel gestickt”, erinnert sich Eva in diesem Zuge.

Je kleiner das Produkt, desto schwieriger wird die Produktion. „Bei Portemonnaies ist Schluss. Dafür ist das Material einfach zu robust.” Doch auch dafür habe sie sich eine Lösung einfallen lassen. „Ich habe Lederbörsen bestellt, die wir nun bestempeln”, auch an Rucksäcken tüftele sie gerade. Der Ablauf ist dann in etwa so: „Ich habe immer einen Block und einen Stift auf meinen Nachtschrank liegen”, beschreibt Eva, „Ich denke oft in den Abendstunden nach, da kommen mir die besten Ideen.“ Diese skizziert sie dann – egal zu welcher Uhrzeit. Ist die Idee ausgereift, wird ein Prototyp entwickelt, den sie erst einmal selber ausführt, bis auf Herz und Nieren testet.

Ein Hoch auf die Seefahrt

Zum Ende unseres Gesprächs schreibt Eva mir noch ihre E-Mail-Adresse auf ein Stück orangefarbenes Auftragspapier. „Walrus” kommt darin vor. Ich bin neugierig. „So hieß unser Schiff”, erzählt Eva mir. Fünf Jahre lang hat sie mit ihrem Lebensgefährten auf einem ausgebauten Fischkutter im Neuen Hafen gelebt. Direkt vor dem Lloyd’s. „Diese Zeit möchte ich nicht missen”, schwärmt sie.

Auch Walter Niemann, seit sieben Jahren bei Eva im Shop „abhängig beschäftigt” (er schmunzelt), erinnert sich mit Freude an diese Zeit zurück, während er hinter dem Tresen auf eine Taschen-Lieferung wartet. „Sowas kann man sich nicht kaufen. Das war spontan. Und das war schön”, sagt Walter. „Ab 21 Uhr fing das Schiff an zu leben”, ergänzt Eva. „Wir haben oft ein open ship veranstaltet. Es gab Shanty Musik, dänischen Aquavit oder Sherry vom Fass – wir haben die Seefahrt hochleben lassen.” Und genau das spiegelt sich auch in ihren Taschen wider.

ÜBERBLICK

Bremerhavener Segelmacher

Shop „Sailmade” im Mediterraneo Bremerhaven
Öffnungszeiten: montags bis samstags 10 bis 19 Uhr

Werkstatt in der Hafenstraße 94 in Bremerhaven
Öffnungszeiten: montags bis freitags 9 bis 13 Uhr
Telefon: 0471/9585598
www.bremerhavens-segelmacher.de

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Nina

Über Nina Brockmann

Foodie, Yogi und reiseverrückter Lifestyle-Junkie. Kann ohne Kaffee, Avocados und Lachen nicht leben. Steht auf Melancholie, aber nicht auf Mädchenkram wie Kleider oder Nagellack. Nur ohne Lippenstift geht sie äußerst selten aus dem Haus. Auch für Flechtfrisuren hat sie ein Faible.

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