Foto: Peter Wendt/Unsplash

Foodsharing: Weil Essen zu wertvoll für die Mülltonne ist

Deutschland hat ein Problem: Lebensmittel, die eigentlich noch genießbar sind, werden oftmals großzügig aussortiert. 82 Kilogramm pro Jahr und Person landen so laut dem Bundeszentrum für Ernährung im Müll. Der Bremerhavener Markus Schliemann will das aber nicht einfach hinnehmen. Er betreibt Foodsharing und sammelt auf Wochenmärkten das unverkaufte Obst und Gemüse ein. Seit einiger Zeit hat er dafür ein Lastenrad, das er sich im vergangenen Jahr über eine Crowdfunding-Aktion finanziert hat. Über das Lastenrad erfahrt Ihr in der nächsten Woche mehr. Hier ist ein Rückblick auf das Gespräch, das wir damals mit ihm geführt haben.

Jeden Sonnabend wird Markus zum Essensretter. Dann schwingt der 29-Jährige sich auf sein Fahrrad und klappert die Wochenmärkte in Lehe und Geestemünde ab. Er sammelt bei den Händlern Obst und Gemüse, das nicht verkauft wurde. Die Lebensmittel verschenkt Markus anschließend.

„Seit über einem Jahr mache ich das jetzt schon“, sagt er. Anfangs verteilte Markus die Lebensmittel an seine Nachbarn, doch irgendwann hatte er so viel gesammelt, dass es selbst für die Hausgemeinschaft zu viel wurde. Markus verschenkt die Lebensmittel, die er vor der Mülltonne gerettet hat, inzwischen in der „Alten Bürger“. Vor dem „Café Findus“ steht sein Tisch, „und jeder, der vorbeikommt, kann sich etwas mitnehmen“, sagt er. Anders als bei der Tafel muss bei ihm auch niemand nachweisen, dass er bedürftig ist.

Schon 800 Kilo Essen gerettet

800 Kilogramm Lebensmittel hat Markus mit seinen Sammlungen vor der Mülltonne bewahrt. „Ich finde das gut“, sagt Manfred Jabs, Chef der Bremerhavener Tafel, auch wenn er über die Mengen schmunzelt. Die Tafel sammele täglich etwa 40 Kisten Obst und Gemüse ein, die von Supermärkten nicht mehr verkauft werden, pro Jahr sind das etliche Tonnen. Aber selbst von Privatpersonen gingen täglich Lebensmittelspenden ein. Versorgt werden im Monat 11 000 Bedürftige in der Region.

Markus Schliemann (Foto: Jürgen Rabbel)

Auf die Idee, Lebensmittel vor der Mülltonne zu retten, kam Markus durch einen Bericht in einer Zeitschrift. Mittlerweile komme es immer mehr in den Köpfen der Menschen an, dass sich etwas ändern muss an der Verschwendung, glaubt er. „Wir schmeißen einfach zu viel weg, während Menschen in anderen Ländern gar nichts zu essen haben.“

Das findet auch Jabs, deutschlandweit hätten die Tafeln schon vor Jahren die Aktion „Zu gut für die Tonne“ gestartet. Das Konsumverhalten der Menschen trage dazu bei, dass fast sieben Millionen Tonnen Lebensmittel in Deutschland pro Jahr entsorgt werden. Beinahe die Hälfte davon sind Obst und Gemüse. 2012 setzte sich der Bundestag das ambitionierte Ziel, bis 2020 die Verschwendung von Lebensmitteln zu halbieren. Der Bundesrat hat sogar eine Gesetzes-Initiative gestartet, dass der Handel Lebensmittel nicht mehr wegwerfen darf.

Die Resonanz auf seine Sammlung sei von Anfang an positiv gewesen, sagt Markus . „Ich musste allen Händlern natürlich erst einmal die Sache erklären, aber danach waren die meisten bereit, mitzumachen“, erzählt er. Ab und zu „tauscht“ er die Lebensmittel auch ein. „Manchmal nehme ich Apfelkuchen mit und schenke ihn den Händlern“, sagt er. „Schließlich bekomme ich ja auch etwas.“

Strenge Auflagen für Supermärkte

Auch bei großen Supermärkten hatte er anfangs um Unterstützung bei seiner Foodsharing-Mission gebeten, dort aber wurde sein Anliegen abgelehnt. Aus rechtlichen Gründen könnten sich Supermärkte an solchen Aktionen nicht beteiligen, sagt Lebensmittel-Händler Joachim Rewerski. „Das hängt mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum zusammen“, sagt Rewerski. Läuft das bald ab, wird der Preis reduziert, sei es aber abgelaufen, müssten die Waren vernichtet werden. „Das ist vom Gesetzgeber so vorgesehen“, sagt Rewerski. Er bedauere die strengen Auflagen, in seinem Supermarkt an der Elbestraße müssten etwa drei Prozent der Waren aus der Obst- und Gemüseabteilung jedes Jahr vernichtet werden.

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Sophia

Über Sophia Welbhoff

Besitzt über 50 Teesorten, die sie am liebsten bei Musik genießt – und diese darf, auch wenn man es ihr nicht ansieht, gerne laut und metallisch sein. Sophia krault gerne Hunde und Katzen und hat eine Vorliebe für Reisen in skandinavische Länder.

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