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Flower Power 5.0: Blumenkinder und das Lebensgefühl der Millennials

Wer sind wir Millennials eigentlich und was wollen wir? Diese Frage lässt sich gar nicht so einfach beantworten und es kommt auch immer ein wenig darauf an, wen man fragt. Was unsere Generation von anderen unterscheidet, ist unter anderem unser neu entdecktes Bewusstsein für Gesundheit und Umweltschutz. Doch auch das ist keine neue Strömung, denn vor rund 50 Jahren, während des berühmten „Summer of Love“, waren diese Themen schon einmal in den Fokus der jungen Leute gerückt. Hier lest Ihr, was die gesundheitsbewussten Millennials von heute mit den Blumenkindern von damals eigentlich noch zu tun haben.

 Lang währte der Summer of Love in Kalifornien nicht. Zwei kurze Jahre, von Anfang 1966 bis Ende 1967, lebten Blumenkinder aus ganz Amerika ihre Vision von freier Liebe, Gewaltlosigkeit und Gemeinschaftlichkeit, dann war die Hippie-Bewegung bereits am Ende. Das Woodstock-Festival von 1969 gilt für viele als Inbegriff des Hippie-Lebensgefühls, war tatsächlich aber nur noch ein Ausläufer der Bewegung.

Doch die Flower-Power-Idee fiel in Kalifornien auf fruchtbaren Boden: Der Summer of Love gilt als Geburtsstunde des Silicon Valley, mit dem Burning Man Festival wird jedes Jahr in der Wüste Kaliforniens für ein paar Tage eine Hippie-Stadt aufgebaut und auch die größte Bio-Supermarktkette der USA gäbe es in dieser Form wohl nicht ohne die Bewegung von 1967.

Jimi Hendrix, Janis Joplin und The Who

Vor 50 Jahren war der Summer of Love auf seinem Höhepunkt angekommen. Tausende von Hippies waren nach San Francisco gepilgert, propagierten radikale Forderungen nach Liebe, Frieden und Gemeinschaftlichkeit. Das „Monterey Pop Festival“ machte Musiker wie Jimi Hendrix, Janis Joplin und The Who praktisch über Nacht berühmt. Die Blumenkinder waren überzeugt, einfach nur durch puren Willen und Liebe die Welt zum Positiven verändern zu können. „There’s a whole generation with a new explanation, people in motion“, sang Scott McKenzie. Sein Song „San Francisco“ wurde zur Hymne des Sommers der Liebe.

Wenige Monate nach „Monterey“ flachte die Bewegung ab. San Francisco war überlaufen, Negativschlagzeilen setzten die Hippies unter Druck, die im Herbst schließlich die Flower-Power-Bewegung in einem Trauermarsch symbolisch zu Grabe trugen.

Hippie-Touren in San Francisco

Noch heute sonnt sich San Francisco gerne im Glanz von damals, viel ist jedoch nicht übrig geblieben. Touristen können „Hippie-Touren“ durch die Stadt buchen, die Häuserfassaden sind bunt bemalt. Doch im Szene-Viertel Haight Ashbury, vor 50 Jahren das Zentrum der Hippie-Bewegung, sind Mietpreise selbst für Gutverdiener in schwindelerregende Höhen geschossen, Künstler können sich das Leben im teuren San Francisco nicht mehr leisten. Obdachlose bestimmen das Bild in Haight Ashbury.

Doch die Saat der Visionen von 1967 ist nicht völlig verloren gegangen. Sie hat Wurzeln geschlagen, aus denen ganz neue Triebe gewachsen sind und deren Verbindung zur Flower-Power-Bewegung auf den ersten Blick nicht offensichtlich ist.

So kann man den Summer of Love etwa guten Gewissens die Geburtsstunde des Silicon Valley nennen, dem bedeutendsten Standort für High-Tech-Entwicklungen, der seinen Sitz in der San Francisco Bay Area hat. „Die Hippies wollten den Traum eines vernetzten Bewusstseins verwirklichen“, sagt Kulturhistoriker Fred Turner im Interview mit dem Fernsehsender 3sat, „eine Welt, in der LSD das Bewusstsein erweitert und Menschen virtuell miteinander verbindet.“

 Computer statt Drogen

Die Idee fand Anklang in der Welt der Computertechnologien. Die Ideale der Hippies waren die Grundlage für unsere moderne Netzwerkgesellschaft bis hin zu den sozialen Medien, die die Menschen heute miteinander verbinden.

Die Verschmelzung von Hippie-Kultur und Technologie fand bereits 1968 statt, als Hippie und Technikvisionär Stewart Brand den „Whole Earth Catalog“ ins Leben rief. Dieser Katalog war insbesondere bei Hippie-Kommunen beliebt, in die sich die Blumenkinder nach 1967 zurückgezogen hatten. Er bot Werkzeuge und sogar die ersten Personal Computer an, Kunden konnten Rezensionen zu den Waren schreiben – eine Frühform der Vernetzung untereinander. Apple-Gründer Steve Jobs bezeichnete den Katalog einmal als „Bibel der Gegenkultur“, also der Hippie-Bewegung.

Change the World

Die Technik-Affinität der Hippies und ihre Visionen ebneten den Weg somit für die Entwickler des Silicon Valley, deren Anspruch auch heute lautet: „Change the World“ – „Verändere die Welt“.

Tausende Unternehmen haben ihren Sitz im Silicon Valley, eines davon ist der Internet-Gigant Google. 2016 gab das Unternehmen seine Pläne für den Neubau des Hauptquartiers bekannt. Experten waren sich damals einig, dass die futuristisch anmutenden Pläne der Struktur von Hippie-Kommunen aus den 60ern ähneln – und somit ihre Wurzeln in der Flower-Power-Bewegung und deren Zukunftsvisionen hätten. Das Design ist zu großen Teilen von einer Glasmembran bedeckt, nicht nur Gebäude, sondern ganze Bereiche des Campus liegen darunter geschützt. Das Design hat damit große Ähnlichkeit zu den Kommunen der Blumenkinder, die sich in den 60ern außerhalb von San Francisco auf dem Land ausbreiteten und deren Gestaltung durch bunte Kuppeln geprägt war.

Und das ist nicht das einzige, was Google zum „Hippie-Konzern“ des Silicon Valley macht. Denn darüber hinaus werden Mitarbeiter, die sich für den Kauf eines umweltschonenden Hybridfahrzeugs entscheiden, von ihrem Arbeitgeber mit 5000 Dollar unterstützt. In seinen Kantinen serviert Google ausschließlich Bio-Lebensmittel, die bei der Supermarktkette „Whole Foods“ eingekauft werden.

 „Liebevolle“ Meetings

Auch „Whole Foods“ hat die Prinzipien des Hippie-Lifestyles verinnerlicht. Die größte Bio-Supermarktkette der USA hat sich auf Lebensmittel natürlicher Herkunft spezialisiert und ist damit das Mekka für Verbraucher, die einen gesundheits- und umweltbewussten Lebensstil pflegen. Auch diese Strömungen haben ihren Ursprung im Summer of Love.

Außerdem lebt das Unternehmen in seiner Firmenpolitik die Ideale der Hippie-Kultur, die Liebe, Gleichberechtigung und Gemeinschaftlichkeit forderten: Stehen Entscheidungen an, die das ganze Unternehmen betreffen, hat die gesamte Belegschaft ein Mitspracherecht. Niemand – nicht einmal Geschäftsführer John Mackey – verdient mehr als vierzehnmal so viel wie der Mitarbeiter mit dem niedrigsten Lohn. Und geschäftliche Besprechungen des Managements enden stets damit, dass die Teilnehmer alle etwas Nettes zueinander sagen – Love, Peace and Understanding, Freunde!

Eine Stadt aus dem nichts

Auch das jährlich in der Black-Rock-Wüste stattfindende Burning Man Festival vertritt Prinzipien, die ganz eindeutig an die Mantras der Alt-Hippies aus den 60ern erinnern. Jedes Jahr wird in der Wüste eine Stadt aus dem Nichts aufgebaut, nach dem Festival verschwindet sie wieder.

Das Spektakel, bei dem mehrere Tage lang Kunst und Musik zelebriert werden und zu dessen Abschluss eine gigantische Statue in Brand gesetzt wird, lockt bereits fast so viele Besucher an wie der Summer of Love 1967. Damals waren rund 100.000 Hippies nach San Francisco gekommen. Zum Burning Man Festival waren in den vergangenen zwei Jahren 70.000 Besucher angereist. Für mehr ist (noch) kein Platz in der Black Rock City.

Die Veranstaltung bezeichnet sich zwar selbst nicht als „Erbe“ der Hippie-Bewegung, die Parallelen sind jedoch nicht zu übersehen. Denn Burning Man folgt strikt zehn Prinzipien. Zu ihnen gehören unter anderem die „radikale Inklusion“ aller Teilnehmer, gegenseitiges Schenken, „radikale Selbstentfaltung“ und gemeinschaftliches Engagement. Ebenso wichtig ist das „Leave no trace“-Prinzip, der Anspruch, nach dem Festival keine Spuren zu hinterlassen. Das Veranstaltungsgelände wird im Anschluss aufgeräumt und in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Damit ist Burning Man möglicherweise die Bewegung, die den Geist der Flower-Power-Bewegung und die Ideale der Blumenkinder von 1967 am besten in die Jetztzeit weitergetragen hat.

 

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Sophia

Über Sophia Welbhoff

Besitzt über 50 Teesorten, die sie am liebsten bei Musik genießt – und diese darf, auch wenn man es ihr nicht ansieht, gerne laut und metallisch sein. Sophia krault gerne Hunde und Katzen und hat eine Vorliebe für Reisen in skandinavische Länder.

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