Foto: Talitha

Wolle, Widder und die Wirtschaft

Von klein auf hatte ich ein Lieblingsschaf. Wolle. Wolle lebt auf einer Schafswiese in meinem Heimatdorf, nicht weit vom Grundstück meiner Eltern entfernt. Die Schafe dort gingen früher regelmäßig auf Hütehunde-Turniere und waren waschechte Wettkampf-Schafe. Jedes Jahr gebaren sie niedliche Lämmer. Zu der Schäferin hatte jeder Hundebesitzer im Dorf einen guten Draht, denn jeder passte auf, ob die Schafe gesund waren, Strom auf dem Zaun war und jedes Schaf innerhalb der Wiese noch lebte. Viele von ihnen gibt es heute nicht mehr.

Wolle ist etwas kleiner und zierlicher als die anderen, hat kleine dunkle Augen und ein weiches Fell, welches immer akkurat unter dem Bauch aufhört und niemals dreckig wird. Nicht einmal im tiefsten Matsch. Außerdem hat Wolle etwas, was sie von den anderen Schafen unterscheidet: Sie trägt flauschige Wolle auf dem Kopf. Rief ich früher ihren Namen, dann hob sie den Kopf. Neben Wolle lebt noch der Widder mit seinen gewaltigen Hörnern auf der Wiese. Der schnauft böse und stampft mit dem Huf, wenn sich jemand seiner Herde nähert.

Als ich noch bei meinen Eltern lebte, besuchte ich die Schafe jeden Tag mit den Hunden und den Pferden. Ich meldete Verletzungen, wenn es denn welche gab, fing Schafe ein, wenn sie mal ausgebüxt waren, befreite sie aus Zäunen, wenn sich mal eines verheddert hatte, und schimpfte mit jedem, der ihnen etwas Böses wollte. Irgendwann zog ich bei meinen Eltern aus und bemerkte nicht, dass die Lämmer von Jahr zu Jahr weniger und die Rufe der Schäferin schwächer  wurden und die Herde kleiner. Ganz still, leise und heimlich.

Mit Tränen in den Augen

Letztens war ich wieder zu Besuch in der Heimat und ging mit dem Hund meine alte, gewohnte Runde an den Schafen vorbei. Es war kalt, die Wiesen waren nass und Nebel hing über den Bäumen. Ich rief nach Wolle. Da prustete der Widder mich warnend an, ein paar Meter weiter hob Wolle den Kopf und sah in meine Richtung. Es war wie immer. Jedenfalls hatte es den Anschein …

Dann rollte langsam ein Auto über den holprigen Wiesenweg und stoppte. Die Schäferin stieg aus. Müde, abgeschlagen und mit Augenringen. Es war nicht mehr die vor Energie pulsierende, fröhliche Frau, die ich damals als Kind kennengelernt hatte. Mit Tränen in den Augen erzählte sie mir, dass sie ihren Betrieb hatte aufgeben müssen.

Durch die Milchpreise hatten sie bei der kleinen Anzahl der Kühe, trotz zwei Nebenjobs und mehr als 12 Stunden Arbeit pro Tag, die laufenden Kosten des Betriebs nicht mehr decken können. Den Betrieb zu vergrößern, war auch nicht möglich gewesen. Dafür hatten der Platz und die finanziellen Mittel gefehlt. Sie hatten alle Nutztiere auf dem Hof zum Schlachter bringen und die Turnierschafe weiterverkaufen müssen. Nur die alten Schafe waren verschont worden und sollten nun in Ruhe ihre Schafsrente genießen.

Sie sind dem Schlachter knapp entkommen

Nun war jedoch vor Kurzem der Hütehund überraschenderweise gestorben. Ein neuer Hütehund wäre auf Grund der neuen Arbeitsstellen der Schäferin und ihres Mannes nicht möglich gewesen. Aber ohne Hund konnte man keine Schafe halten … Die alten Schafe, denen eigentlich eine schöne Rente versprochen war, hatten kurz davor gestanden, auch zum Schlachter geschickt zu werden. Hätte sich im letzten Augenblick nicht eine Bekannte gemeldet und bereit erklärt, ihren eigenen Hund der Schäferin für die Kontrollen zur Verfügung zu stellen.

Die Schafe dürfen in Ruhe auf der Wiese weiterleben. Dennoch stimmte mich dieses Treffen nachdenklich. Also begann ich, mich in meiner Heimatregion mehr mit dem Thema zu beschäftigen. Ich fand viele Höfe, auf denen die Landwirtschaft aufgegeben wurde oder nur noch in kleinen Teilen als Hobby weitergeführt werden kann. Und ich denke, in vielen Regionen des Landes gibt es ähnliche Beispiele.

Es passiert direkt neben uns

Und das brachte mich zu der Frage: Wie können wir so viel konsumieren, dass am Ende so wenig für den Landwirt übrig bleibt; dass er trotz Nebenjob nicht einmal seine eigenen Ausgaben decken kann? Wie kann es sein, dass Menschen, die ihren Beruf und ihre Tiere lieben, ihn nicht mehr ausüben können, wenn sie nicht umstrukturieren, reinvestieren und auf Masse arbeiten?

Es geht hier nicht um eine Predigt, wie wichtig gut bezahlte, regionale Landwirtschaft ist. Das wissen wir mittlerweile alle. Es geht mir um Wolle und den Widder, die beinahe geschlachtet werden mussten, weil ihre Besitzer nicht mehr die Möglichkeit hatten, ihnen und ihrer Herde ein Leben zu ermöglichen. Es geht mir darum, dass wir die Augen aufmachen müssen, damit das Sterben der kleinen Höfe endlich aufhört. Schließt ein Hof, so stirbt ein Traum. Und das  betrifft uns alle, egal ob Fleischesser, Vegetarier oder Veganer. Denn es passiert direkt neben uns. Jetzt.