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Wirklich nachhaltig? Dieses Fisch-Siegel ist fragwürdig

Wir Norddeutschen lieben Fisch. Der Lachs auf dem Brötchen, die Forelle in der Pfanne oder die Krabben vom Kutter – von Fisch bekommen wir nicht genug. Das Problem: Inzwischen gelten laut der Umweltschutzorganisation WWF 30 Prozent der kommerziell genutzten Fischbestände als überfischt und 57 Prozent als maximal genutzt. Viele achten deshalb im Supermarkt auf das sogenannte MSC-Siegel. Der Marine Stewardship Council verspricht, dass nur nachhaltig gefangener Fisch das blaue Siegel bekommt. Darauf können Verbraucher jedoch nicht vertrauen, erklärt Thilo Maack, Biologe bei Greenpeace, im Interview.

Ein blaues Logo mit einer Fisch-Silhouette auf der Verpackung, das zeigt mir: Hier steckt Nachhaltigkeit drin. Zumindest theoretisch. Doch die MSC-Zertifizierung steht massiv in der Kritik. Zu Recht?
Aus unserer Sicht ist es so, dass die MSC-zertifizierten Fischereien letztlich immer noch besser sind als die, die nicht zertifiziert sind. Der Verbraucher kann jedoch nicht absolut sicher sein, dass der Fisch tatsächlich auch nachhaltig gefangen wurde. Der MSC zertifiziert prozessorientiert. Wenn eine Fischerei einen Plan vorlegt, wie sie nachhaltiger werden will, bekommt sie schon das Siegel – also Vorschusslorbeeren für ein Versprechen auf dem Papier. Aus Greenpeace-Sicht ist das Verbrauchertäuschung. Denn das ist so, als würde ein Arzt einen schwer Übergewichtigen für normalgewichtig erklären, wenn dieser ihm nur einen Diätplan präsentiert.

Thilo Maack, Biologe bei Greenpeace (Foto: Greenpeace)

Seit 2014 dürfen die Fischer in der EU Beifang nicht mehr über Bord werfen. Eine Studie hat ergeben, dass fast ein Viertel der untersuchten MSC-Fischereien nicht den Anforderungen dieser Anlandepflicht entsprechen.
Das Problem ist, dass es bestenfalls stichprobenartige Kontrollen gibt. Und die Strafen sind so gering, dass die Fischer sie nach wie vor in Kauf nehmen. Womit sie sich aber ins eigene Fleisch schneiden. Sie werfen in erster Linie Jungfische zurück und die Wissenschaftler, die die Fangquoten festsetzen sollen, wissen später nicht, wie hoch die Bestände in Wirklichkeit sind. Das ist der eine Aspekt. Der andere ist das sogenannte Highgrading: Ein Fischer behält nur die Speisefischarten, die ihm das meiste Geld einbringen. Wenn er die Laderäume mit hochpreisigem Fisch befüllen kann, dann wird er den Fisch, der eigentlich perfekt essbar, aber weniger wert ist, einfach zurückwerfen – tot oder sterbend. Diese Praxis ist in in einigen Teilen der EU immer noch gang und gäbe. Es gibt aber auch positive Beispiele: In Norwegen wird die Anlandepflicht rigoros kontrolliert, Verstöße werden drakonisch bestraft.

Wenn so viele Fischereien gegen die Anlandepflicht verstoßen: Wieso entzieht der MSC ihnen das Siegel nicht wieder?
Weil der MSC mit den Zertifizierungen viel Geld verdient. Und die Zertifizierer werden bezahlt von den Fischereien. Das heißt, der Zertifizierer hat ein Interesse daran, dass eine Fischerei MSC-zertifiziert wird. Dieses System ist ein großer Fehler.

Wie könnte man die Anlandepflicht effektiver kontrollieren?
Letztendlich weiß die Wissenschaft, welche Arten von Beifängen die Fischerei erzeugt. Wenn ein klassischer Schollenfischer, der mit einem Grundschleppnetz fängt, ohne Beifang, ohne Kabeljau und Stint an Land kommt, kann das nicht mit rechten Dingen zugehen. Hat er keine anderen Fische im Netz, muss er zahlen. Der Königsweg wäre der, dass man Pufferzonen im Meer schafft, in denen gar keine Fischerei stattfindet. Wo sich die Meernatur regenerieren kann.

Der MSC zertifiziert auch Fischereien, die umstrittene Fangmethoden wie bodenberührende Grundschleppnetze verwenden. Was sagen Sie dazu?
Solche Grundschleppnetze, die nachweislich den Meeresboden schädigen, sind nicht mit einem Nachhaltigkeitssiegel vereinbar. Wir brauchen dringend selektivere Fangmethoden. Die schwedischen Fischer etwa setzen Dorschfallen ein, mit denen sie ausschließlich Dorsche fangen. Andere Fische springen nicht auf die Köder an oder passen nicht in die Öffnung der Fallen. Das ist aus unserer Sicht eine vollkommen nachhaltige Fangmethode.

Die EU hat sich das Ziel gesetzt, bis 2020 ein Ende der Überfischung zu erreichen. Für wie realistisch halten Sie das?
Das Ziel wird verfehlt, garantiert. Als die Fischereireform im Januar 2014 in Kraft getreten ist, haben wir gefeiert. Es war das erste Mal, dass das EU-Parlament einen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit gegangen ist. Man legte fest, dass die Fangquoten nur so hoch sein dürfen, wie es die Wissenschaft empfiehlt. Die Realität sieht heute leider anders aus.

Woran kann ich denn nun als Verbraucher nachhaltig gefangenen Fisch erkennen – wenn nicht durch das MSC-Siegel?
Wir haben dafür einen Einkaufsratgeber entwickelt mit Empfehlungen. Greenpeace schaut: Welche Speisefische sind auf dem Markt? Wie geht es den Beständen? Und wie werden sie gefangen? Wenn der Verbraucher den Ratgeber nicht in der Tasche oder keine Zeit hat für lange Überlegungen an der Fischtheke, dann sind die MSC-zertifizierten Produkte im Zweifel immer noch die beste Wahl.

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