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Nach dem Abi-Chaos: Träume leben oder Geld verdienen?

Frei und leicht wie eine Feder. So hab ich mich gefühlt in der Zeit zwischen meinen Abiprüfungen und dem Abiball. Es ist eine Zeit des Dazwischen-Seins: Das Schulende ist so nah, dass man sich darum nicht mehr sorgen muss. Und der nächste Abschnitt hat noch nicht begonnen. Es geht nur noch um simple Dinge: Abikleid finden, Partys und Pläne mit Freunden für den Sommer schmieden. Später merkte ich: Die schwierigen Dinge habe ich mir zu einfach gemacht.

Bei mir ist das schon neun Jahre her, aber Rabea, mit der ich telefoniere, steckt mitten drin in dieser Phase. „Der Abiball soll ein unvergesslicher Abend werden“, sagt sie. Seit etwa zwei Wochen ist sie mit allen Prüfungen durch. Die Ergebnisse ihrer schriftlichen Prüfungen liegen zwar noch nicht vor, aber wer macht sich darum schon wirklich Sorgen? Vor ihr liegt nun der Abiball in Bremerhaven, die Abifahrt nach Lloret de Mar und der Abschied von ihren Mitschülern. Wir haben telefoniert, weil ich einen Artikel über verschiedene Abibälle schreibe. Und wenn ich ihre euphorische Stimme höre, komme ich nicht drumherum, auch an meinen eigenen Abiball zu denken. Unvergesslich? Ja, irgendwie schon.

Mein Abi liegt neun Jahre zurück. Ich erinnere mich zwar auch noch an den Abiball und wie wir auf der Bühne zu Peter Fox‘ „Der letzte Tag“ getanzt haben. Aber die Zeit verschwimmt in meinen Erinnerungen: Party auf einem Grillplatz im Wald. Bier trinken in der Sonne vor der Schule. Im Autokorso über die Dörfer – irgendjemand hat mitten auf die Landstraße gepinkelt und wurde dabei fotografiert.

Noch nicht bereit für die Welt

Ich erinnere mich aber auch noch an das Gefühl von Druck und noch nicht bereit zu sein für die Welt. Ich hatte damals einen Auslandsaufenthalt in Peru geplant. Mir war also klar, was ich direkt im Anschluss machen würde. Aber danach? Ich wusste nichts. Ich hatte überlegt, Konditorin zu werden. BWL zu studieren. Ich hatte keinen Plan, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Und welche davon für mich in Frage kommen.

Erst mal muss ich Geld verdienen, dann kann ich ja immer noch machen, worauf ich Lust habe.

Je näher der Abschluss rückte, desto mehr machte sich in meinem Jahrgang eine ganz konservative Stimmung breit: Meine Mitschüler und ich dachten, wir müssen „vernünftige“ Wege wählen. Karrieren, in denen man etwas verdient. Ich erinner‘ mich noch, dass ich oft mit Überzeugung gesagt habe: „Erst mal muss ich Geld verdienen, dann kann ich ja immer noch machen, worauf ich Lust habe.“ Und ähnliche Dinge höre ich nun auch wieder von den Abiturienten, mit denen ich spreche. So als würden plötzlich sämtliche Sicherungen durchbrennen.

Verrückte Dinge ausprobieren

Heute würde ich mir mein 18-jähriges Ich gerne mal vorknöpfen. Ich würde ihr sagen: „Du wirst Wege finden, um Geld zu verdienen. Finde erst mal heraus, was du gerne machst. Und dann mach das!“ Und das würde ich heute gerne jedem Abiturienten sagen. Lieber verrückte Dinge ausprobieren, statt sich in irgendein Korsett zu zwängen. Denn manchmal verbaut man sich Wege selbst, die sich eigentlich schön und groß vor einem ausbreiten.

Damals hab ich das nicht so klar gesehen. Und letztendlich habe ich eine Zwischenlösung gewählt: ein Germanistikstudium mit Nebenfach Spanisch. Keine Herzensentscheidung, keine Vernunft, sondern einfach der Weg der geringsten Widerstände. Trotzdem geht es mir heute gut. Vielleicht ist das ein Argument dafür, dass es ganz egal ist, welchen ersten Schritt man macht. Irgendwann findet man wohl seinen Weg.

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