Grafik: Martin Rost

Der Knochen und der Teich

Am 4. Dezember hat meine Kollegin einen Beitrag veröffentlicht. „Wann hattest du zum letzten Mal eine verrückte Idee?“ Witzig, dachte ich. Kenn ich. Aus Gründen, die mir selbst größtenteils schleierhaft sind, habe ich ein ausgeprägtes Gespür für verrückte Ideen. Vielmehr entpuppen sie sich erst später als verrückte Ideen. Anfangs klingen sie gut und einfach und richtig. Und sieben Stunden später findet man sich dann auf einem Schlachtfeld wieder. Wie neulich. Inmitten von Steinen, Dreck, Unkraut, Plastikmüll, gefährlichen Metallen und einem mysteriösen Knochen. Dabei wollten mein Nachbar und ich nur mal kurz in den Garten …

Zuerst einmal wollten wir uns einen Überblick verschaffen. Das war der Plan. Den Überblick hatten wir schnell. Um das Gartenprojekt nun angemessen und gebührlich anzugehen, war es wichtig, den verkommenen Gartenzaun zu entfernen und unsere Gärten zu einem großen Ganzen zu verschmelzen. Das war gar nicht so leicht. Irgendwelche Hobby-Idioten hatten die Maschen vieler unterschiedlicher Zäune miteinander verflochten und die Pflöcke derart tief und fest im Boden verankert, dass ich nach einer halben Stunde bereits heftig am fluchen war. Die Reste des Zauns und der Pflöcke schmissen wir in die straßennahe Ecke des Gartens, wo wir jeglichen Schrott und Schund sammeln wollten. Dann einmal Sperrmüll im Frühjahr und gut.

On Fire

Nach der Geschichte mit dem Zaun waren wir heiß. On fire. Wir waren drin. Jetzt ging es Schlag auf Schlag. Scheiß auf den Plan, dachten wir – wir haben die Schrottecke. Das war der neue Plan: Nicht verwertbares Material auf den Haufen schmeißen. Ja, genau. Das war der neue Plan. Bevor das nicht erledigt war, konnten wir uns sowieso nicht an den Boden machen, der als nächstes dran war. Der war mit einer Art Kletterpflanze überwuchert, die man nur mit einer großformatigen Fräse würde beseitigen können. Außerdem konnte man neuen Rasen eh erst im Frühjahr säen. Also fingen wir an, den Garten aufzuräumen.

Mein Nachbar machte sich daran, unter altem Laub verborgenen Müll freizuschaufeln und in Säcke zu stopfen. Das allein war schon absurd. Wer vergräbt seinen Müll im Garten? Mein Nachbar hatte die Vermutung, dass der Müll hierhergeflogen und zufällig hier liegengeblieben ist. Wer weiß, dachte ich. Dann ging ich zu jener kleinen Mulde im vorderen Teil des Gartens, die später dann mal eine Feuerstelle werden sollte. Ich sagte, wir sollten das Loch einfach mit Steinen zuballern und gut. Aber mein Nachbar belehrte mich eines Besseren. Er erinnerte mich an eine alte Weisheit, die besagt, dass man die Dinge richtig machen soll, wenn man sie schon macht. Aus Faulheit oder einer bösen Vorahnung heraus hatte ich das vergessen. Als ich die kleine Mulde vom Unkraut und Laub befreit hatte, wurde mir schlagartig klar, dass ich mich in einem Teich befand, der trockengelegt war. Unter dem Unrat befanden sich Steine. Klar. Große, schwere Steine. Die galt es nun, aus dem Loch zu befördern, damit ich die Plane, die an einigen Stellen schon sichtbar geworden war, entfernen konnte. Als ich so um die 3000 Steine aus dem Loch gehievt hatte und mein Kreuz schmerzlich brannte, fiel mir eine andere Weisheit ein, in die mich ein Landschaftsgärtner einmal eingeweiht hatte: „Einen Teich zu entfernen ist ein riesen Haufen Scheißarbeit.“

Er hatte recht. Zumal die tüchtigen und kreativen Vormieter einen unscheinbaren Zulauf zum Teich kreiert hatten, der aus dem Boden ragte wie der Buckel eines launischen Naturzwischenfalls. Eine Art Wassersturz. Schön. Unter dem Grün des wilden Gartens sah dieser Sturz irgendwie friedlich und harmlos aus. Bei dem kräftezehrenden Unterfangen, den Wassersturz, der natürlich auch mit Steinen untermauert war, von eben diesen zu befreien, rutschte ich plötzlich weg und versank knietief in einer kalten Flüssigkeit. Früher musste das einmal Wasser gewesen sein. Jetzt war es ein von blauem Plastik umschlossenes, stinkendes, schwarzes, modriges Loch. Und dieses Loch steckte nun in meinem Gummistiefel und drohte, mich zu verschlingen. Das musste die Rache für meinen alten Freund Karlo gewesen sein, dachte ich direkt, den ein Kumpel und ich mal hinterhältig im Alter von elf Jahren in so ein Loch hatten laufen lassen. Warum? Weil wir sehen wollten, ob es wirklich klappt. Es hatte ausgezeichnet funktioniert und das war jetzt die Rache, dass ich mich selbst in so ein unheilvolles Stink-Loch verunglückt hatte. Ich ging ins Haus und wechselte meine Kleidung. Dann zurück in das Scheißloch. Es gab kein Zurück. Wie gesagt, wir waren mittlerweile zu tief drin, um aufzuhören. Außerdem war es noch hell.

Was war das überhaupt für ein knochen?

Nach einer Weile hatte ich so gut wie jeden Stein aus dem brutal-innovativen Konstrukt der Vormieter entfernt und auf einen Haufen geschmissen. Der war jetzt in etwa so hoch, wie das Loch tief war. Dann machte ich mich daran, das große schwarze Speisfass, das als Sammelbecken für den Wassersturz gedient haben musste, aus dem angehäuften Erdreich zu befreien. Mit berstender Gewalt riss ich das Fass aus der Erde. Das Fass war in eine Plane eingewickelt gewesen, die ich mit einigem Zerren aus der Erde lösen konnte. Was nun zum Vorschein kam, überraschte mich tatsächlich noch mehr, als alles andere, das ich an diesem grauen Tag schon erleben durfte. Es geht eben doch immer noch ein bisschen mehr. Passt ja auch zu unserem Lifestyle. Mehr. Und siehe da: mehr. Unter der Plane des Speisfasses verbarg sich ein Konglomerat an Umweltverschmutzung, das selbst vietnamesische Riesenbaustellen wie Vorbilder in Sachen Umweltschutz aussehen ließen.

Wenn ich mir überlege, mit welcher Raffinesse und Sorgfalt unsere Vormieter ihren unnützen Scheiß – Elektronik, Werkzeug, Müll – in diesem Erdhaufen verbuddelt hatten, kann ich ihnen das Vorhandensein eines rational arbeitenden Organs nicht aberkennen. Vielleicht waren sie einfach nur unwissend. Vielleicht hatten sie den Teich erbaut, bevor Umweltverschmutzung ein öffentliches Thema war und nicht nur von bekloppten Hippies praktiziert wurde. Vielleicht hatten sie nur Gutes im Sinn. Und, mal ehrlich, wer weiß denn schon, ob die ganze Scheiße, die so im Müll landet, nicht auch einfach nur irgendwo verbuddelt wird? Oder in den Weltraum geschossen? Erst neulich habe ich gelesen, dass nur knapp zehn Prozent allen Mehrwegplastiks tatsächlich recycelt werden. Und der Rest?Und wenn ich mir den Gartenschuppen so ansehe, den sie uns außerdem noch hinterlassen haben, denke ich, die hätten einen größeren Teich bauen und den mit Zement ausgießen sollen. Jetzt haben wir die Scheiße an der Backe. Sägeblätter, Stromkabel, Stromschaltungen, Tonkrüge, Fliesen, Seile, Schraubenzieher, Feuerzeuge, Joghurtbecher, Gartenschaufeln, ein Bügeleisen und sogar einen Knochen fand ich an diesem Tag. Allein unter dem Speisfass. Was war das überhaupt für ein Knochen? Was oder wem diente er? Wie viele vermisste Schweine gibt es im Landkreis Cuxhaven, die nie gefunden wurden?