Foto: Hartmann

Auf den Planken der „Eye of the Wind“

Hinter dem Auswandererhaus klirren die Ketten eines Kinderkarussells. Ein paar Meter weiter poliert eine Frau in pinkfarbener Jogginghose die Wand einer Imbissbude. Das Seestadtfest in Bremerhaven steht vor der Tür. Der Himmel ist grau und der Wind pfeift mir um die Ohren, als ich an Deck der „Eye of the Wind“ springe.

Moin“, sagt Kapitän Fabian Klenner, die blaue Mütze tief ins Gesicht gezogen. „Lass uns reingehen“, sagt er, „ist kalt hier draußen.“ Er öffnet eine schmale, holzvertäfelte Tür mit einem kleinen Bullauge, und ich folge ihm. Links befindet sich eine kleine Kombüse, von der niedrigen Decke über der Durchreiche hängen silberfarbene Tassen. In der Messe stehen zwei Holztische, drum herum Sitzbänke mit grünen Polstern. Zu beiden Seiten sind Fenster in die Holzwände eingelassen. Es ist ein bisschen so, als säße man im Schädel von Pinocchio.

emissionsfreier warentransport

Klenner greift zwei der Tassen und schenkt uns Kaffee ein. Er ist 44 Jahre alt und seit dem 14. Mai Kapitän der „Eye of the Wind“. „Vorher habe ich emissionsfreien Warentransport gemacht“, erzählt Klenner. „Das war cool.“ Auf großen Cargoschiffen ohne Motor ist er die klassische Route zwischen Europa und der Karibik gefahren. Von der Karibik kam er in die Werft von Harlingen, dort nahm er das berühmte Segelschiff mit den zwei Masten und den roten Segeln vom vorherigen Kapitän entgegen. Er wollte zurück zum Segeln, und die „Eye of the Wind“ habe ihn immer fasziniert. „Der vorherige Kapitän hatte aufgehört, also war was frei.“

Aufmerksamkeit in Hollywood

Die „Eye of the Wind“ wurde 1911 in Brake auf der Lühring-Werft gebaut. Damals lief sie als Gaffelschoner vom Stapel und wurde auf den Namen „Friedrich“ getauft. Seither trug der Zweimaster viele Namen und diente verschiedenen Zwecken. 1955 strandete sie als „Merry“ in einem Orkan an der schwedischen Westküste. Das Wrack wurde geborgen, repariert und wieder in Fahrt gebracht. 1970 vernichtete ein Feuer Achterschiff und Maschinenraum.

1973 kaufte der Brite Anthony Timbs das Schiff und baute es mit anderen Liebhabern vier Jahre lang zur Brigantine auf. Der Zweimaster kam zu seinem heutigen Namen „Eye of the Wind“. Die erste Reise führte gleich rund um den Globus. Kurz darauf diente das Schiff unter der Schirmherrschaft von Prince Charles als Flaggschiff für die „Operation Drake“, einer zweijährigen Expedition. Später erregte das eindrucksvolle Segelschiff in Hollywood Aufmerksamkeit. 1980 schaffte es die „Eye of the Wind“ in dem Abenteuer-Klassiker „Die Blaue Lagune“ auf die Leinwand. 1996 diente sie als Kulisse des Ridley-Scott-Films „White Squall“ mit Jeff Bridges. Und heute liegt sie in Bremerhaven.

Eine frau hängt über der reling

Nach dem Kaffee zeigt Kapitän Klenner mir zusammen mit seinem Steuermann den Rest des Schiffes. An Backbord hängt eine junge Frau über der Reling und überstreicht den schwarzen Lack in hellen Farben. Sie erklärt mir auf Englisch, dass sie die vom Rost angegriffen Stellen zuerst farbig überstreichen. „Sonst sehen wir irgendwann nicht mehr, wo wir schon überstrichen haben.“

willst du mal hoch?

Dann schaue ich an den Masten hinauf. „Willst du mal hoch?“, fragt Klenner. Ich überlege ein paar Sekunden, dann sage ich: „Klar.“ Der Kapitän nickt, verschwindet und kommt mit einem Klettergurt zurück. Und mit Ayla. Sie ist 22, nach dem Abitur hat sie bei der „Eye of the Wind“ als Trainee angeheuert. Das war vor zweieinhalb Jahren. Heute ist sie „Deckshand“. „Ich mache das so lange, bis ich keine Lust mehr habe“, sagt Ayla. Sie schlüpft in ihren Klettergurt, ich in meinen, und zusammen klettern wir die Takelage hoch. Von oben sieht der Hafen gar nicht so groß aus.