Millennials zwischen Weltrettung und Weltschmerz

Eine ganze Generation ist erwacht: „Woke Millennials“ heißen sie – junge Menschen unter 30 mit erwachtem Bewusstsein. Für alles Mögliche. Sie hinterfragen Dinge, die lange Zeit selbstverständlich waren, und rütteln an den Grundpfeilern unserer Wohlstandsgesellschaft. Das ist oft unbequem. Auch für die Millennials selbst. Was geht in ihren Köpfen vor? Wie funktioniert so ein Millenial-Gehirn? Wie sieht die Gefühlswelt aus? Theresa Görs, Junior-Nachhaltigkeitsmanagerin der Stadt Geestland, gibt ein Blitzlicht in ihre Welt.

Nachhaltigkeit: der Punk der Millennials

Der Luxus in den Industriestaaten ist zur Gewohnheit geworden. Mehr noch: Er ist furchtbar gemütlich – und auszusteigen, ist anstrengend. Das spürt Theresa Görs aus Langen. Die 21-Jährige brachte aus ihrem Auslandsstudium in Thailand eine Menge neuer Gedanken und eine große Portion Idealismus und Tatendrang mit: „Ich kam zurück und sagte: ‚Ok, Mama, ich wechsel jetzt mein Studium. Ich werde Nachhaltigkeit studieren.‘ Und habe angefangen, beim Bürgermeister in Geestland als Junior-Nachhaltigkeitsmanagerin zu arbeiten. Das alles war schon sehr radikal“, erzählt Theresa Görs. Damit ist sie in guter Gesellschaft – Radikalität und Nachhaltigkeit sind der Punk der Millennials.

Schneckentempo reicht nicht mehr

Erderwärmung, Klima- und Umweltschutz, Artensterben, Naturkatastrophen, Massentierhaltung, Plastikmüll in den Meeren, unstillbarer Konsumhunger – die Liste mit den Problemen unserer Zeit scheint unendlich. Das meiste davon hängt zusammen. Einfache Lösungen gibt es nicht, aber schnell müssen sie sein. Die älteren Generationen interessieren sich nur so mittel oder vertrauen auf das System, doch den Millennials, im digitalen Zeitalter aufgewachsen, reicht das Tempo, mit dem die Politik auf drängende Fragen unserer Zeit reagiert, nicht. Das Konzept „So weiter wie bisher“ bietet für viele junge Menschen nicht die passenden Lösungen im richtigen Tempo. Ihnen geht alles schlichtweg zu langsam. Das haben die letzten Wahlergebnisse bestätigt. Die unter 30-Jährigen wählten bei den Europawahlen mit über 30 Prozentpunkten grün.

Weltschmerz

Da steht sie nun also, die „erwachte“ Jugend – mit einer guten Portion Weltschmerz, Radikalität, Idealismus aber auch mit Überforderung und Frustration. Die Last, die Welt zu retten, scheint auf ihren Schultern zu liegen. Das eigene Konsumverhalten zu reflektieren, kann schmerzliche Erkenntnisse bringen. Von Konsum auf Nachhaltigkeit umzuschalten, tut an der einen oder anderen Stelle vielleicht auch weh.

Theresas Blitzlicht in ihre WElt

“Nachhaltigkeit ist ein Wort, das man in jedem Lebensbereich anwenden kann. Etwas, das du jetzt tust und das in der Zukunft weiter bestand hat. Auf die Umwelt bezogen meint es, dass wir unsere Welt so weit erhalten, dass auch meine Urenkel hier leben können und weltweit ein gewisser Lebensstandard herrscht.

Mein Traum

In meiner Wunschvorstellung streben alle Menschen danach, nachhaltig zu leben. Ich habe das Bild von einer tollen Gesellschaft im Kopf, in der jeder das Ziel verfolgt, diese Welt zu erhalten. Manchmal macht es mich ganz depressiv, wenn ich darüber nachdenke, wie schlecht die Welt eigentlich ist, wie schlecht man sich selbst manchmal verhält und Teil dieser Gesellschaft ist. Denn mal ehrlich: Wir leben ein ziemliches Luxusleben. Wir haben alles, was wir brauchen und noch mehr. Und es macht mich krank, wenn ich merke, dass ich jetzt nur die Möglichkeit habe, bio, fair, unverpackt zu kaufen, weil ich das Geld dazu habe. Gleichzeitig ist es aber auch Geld, dass ich sparen oder in etwas anderes investieren könnte.

Boden der Tatsachen

Manchmal komme ich in dieses Wunschdenken: ‚Ich lebe nachhaltig, meine Freunde machen das – dann macht das bald bestimmt jeder.‘ Meine Mutter holt dann mich zwischendurch auf den Boden der Tatsachen zurück: ‚Nur weil du jetzt so lebst, rettest du nicht die Welt.‘ Manchmal hasse ich mich aber auch dafür, nachhaltig Leben zu wollen. Oft sitze ich auf dem Fahrrad und denke mir ‚Wie sehr würde ich jetzt lieber in meinem Auto sitzen.‘ Ich bin dann hinterher aber stolz auf mich. Genau so gibt es aber auch andere Momente. Wenn ich im Auto sitze weil es sehr stark regnet und mir vorgenommen habe, mit dem Fahrrad zu fahren, dann ärgere ich mich, dass ich doch wieder das Auto genommen habe.

 

Aber ich bin auch nur ein Mensch.

Welche Entscheidung triffst du?

Ich habe schon manches mal mit erhobenem Zeigefinger da gestanden und gesagt ‚Das, was du da gerade machst, ist eigentlich ziemlich schlecht.‘ So etwas mache ich heute nicht mehr. Trotzdem denke ich, dass das Vorleben wichtig ist, um Bewusstsein zu schaffen. Und dass Menschen diesen Moment erleben, in dem sie darüber nachdenken, welche Entscheidung sie gerade treffen. Sich fragen:‚Gibt es eine Alternative?‘ Dieser Gedanke ist wichtig. Ich glaube, dass man dann automatisch eine bessere Entscheidung trifft.”

Theresa Görs, Junior-Nachhaltigkeitsmanagerin Stadt Geestland.

Theresa Görs, Junior-Nachhaltigkeitsmanagerin Stadt Geestland. (Foto: Privat)