Foto: Ruben Neugebauer

Weil er Menschen rettete, drohen ihm 20 Jahre Haft

Hendrik Simon hat Menschenleben gerettet. Insgesamt sechs Mal war der Seenotretter aus Bremen im zentralen Mittelmeer im Einsatz. Weil er die Nachrichten und Bilder von den ertrunkenen Geflüchteten nicht länger ertragen konnte. Deshalb fuhr er mit anderen Helfern vor die libysche Küste, steuerte das Beiboot, verteilte Schwimmwesten und brachte die Menschen zum Rettungsschiff. Dafür drohen dem selbstständigen Software-Entwickler jetzt 20 Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft in Italien ermittelt gegen ihn und weitere Mitglieder der „Iuventa“-Crew. Der Vorwurf: Beihilfe zur illegalen Einreise. Hendrik Simon versteht die Welt nicht mehr. Menschen aus Seenot zu retten, das soll illegal sein? Der 43-Jährige ist überzeugt: „Wir haben das Richtige getan.“

Dass gegen ihn und weitere Mitglieder der „Iuventa“-Crew persönlich ermittelt wird, hat Simon im Juli 2018 erfahren. „Scheiße. Das war mein erster Gedanke, als ich den Brief von der Staatsanwaltschaft gelesen habe.“ Mittlerweile hat er den ersten Schock verdaut. „Wir gehen jetzt in die Offensive“, sagt er. „Wir werden diesen Prozess führen, und zwar so öffentlich wie möglich.“

Rettungsschiff wurde beschlagnahmt

Es war die Nacht zum 2. August 2017. Hendrik Simon hat das Datum noch genau im Kopf. Die italienischen Behörden beschlagnahmten damals die „Iuventa“, das Rettungsschiff der deutschen Hilfsorganisation „Jugend Rettet“. Mit der Begründung, die Nichtregierungsorganisation (NGO) mache mit den Schleppern auf dem Mittelmeer gemeinsame Sache. Die „Iuventa“ rettete seit Juli 2016 mehr als 14.000 Menschen das Leben. Und sie könnte noch mehr retten, sagt Simon. Könnte. „Das Schiff liegt zurzeit in einem Hafen von Sizilien an der Kette, festgesetzt, darf nicht auslaufen.“

Die Anwälte in Italien haben ihm und den anderen Helfern geraten, vorerst nicht mehr aufs Mittelmeer zu fahren. „Dann nämlich wären wir Wiederholungstäter und könnten in Untersuchungshaft kommen.“ Insgesamt sechsmal war Hendrik Simon zwischen September 2016 und Mai 2018 im Einsatz auf dem Mittelmeer – auf drei verschiedenen Schiffen. Freunde von Simon, die eine NGO gegründet hatten, fragten ihn, ob er mitfahren wollte. „Für mich war es klar, dass ich helfe. Denn ich bin selbstständig, habe die Zeit dafür.“

Menschen waren dehydriert

Er erinnert sich noch gut an seinen ersten Einsatz. Die Bilder von den Menschen in den Schlauchbooten haben sich in seinen Kopf gebrannt. Sie waren dehydriert, erzählt Simon. Weil sie schutzlos, der prallen Sonne ausgesetzt, stunden-, tagelang auf dem Wasser trieben. „Einige hatten Schusswunden. Andere hatten schwere Verbrennungen von einem Gemisch aus Salzwasser und Benzin, das sich am Boden der Boote gesammelt hatte. Das verätzt die Beine, das Gesäß.“ Der erste Mensch, den Hendrik Simon an Bord nahm, war ein junges Mädchen. Zuerst dachte er, sie sei bewusstlos. Ein Irrtum. Sie war tot, wahrscheinlich schon mehrere Stunden zuvor erstickt.

Hendrik Simon sagt, die Einsätze auf dem Mittelmeer hätten sein Leben verändert, seine Sichtweise auf manche Dinge. „Ich sehe viele Sachen in meinem Alltag jetzt deutlich entspannter. Mir wurde bewusst, in was für einer privilegierten Gesellschaft wir leben und dass unsere Probleme eigentlich keine sind. Die Menschen, die auf den Booten im Mittelmeer schippern, die haben essenzielle Probleme und nicht wir.“

Solange es keine legalen Einreisewege nach Europa gibt, brauchen wir eine europäische Seenotrettungsmission.

Mit jedem Einsatz wuchs auch die Wut bei Hendrik Simon. Auf die Politik und auf eine Europäische Union, die den Menschen tatenlos beim Ertrinken zusieht. „Ich bin aufs Mittelmeer gefahren im Wissen, dass die EU verantwortlich ist für das, was da passiert.“ Am 26. Mai ist Europawahl und wer Hendrik Simon nach seinen Forderungen an die europäische Politik fragt, der hört eine klare Antwort. Erstens: die Entkriminalisierung der Seenotrettung – „die Schiffe müssen wieder auslaufen dürfen“. Zweitens: „Solange es keine legalen Einreisewege nach Europa gibt, brauchen wir eine europäische Seenotrettungsmission.“ Und drittens: „Es muss Schluss sein mit dem Gefeilsche um die Geretteten.“

Dass die EU im Frühjahr angekündigt hat, die Seenotrettung mit Schiffen im Rahmen der „Sophia“-Mission einzustellen, kam für Simon wenig überraschend. „Das ist nur eine logische Konsequenz aus den vergangenen Monaten. Ja, die Mission hat Menschen gerettet. Aber das Hauptziel war immer die Bekämpfung der Schleuser“, betont Hendrik Simon. Jetzt also werden die Aktivitäten der Schleuser nur noch aus der Luft beobachtet. Das heißt? „Die EU sieht die Boote und informiert die libysche Küstenwache, die die Menschen dann zurückschleppt in das Elend und in die Folterlager, aus denen sie geflohen sind.“