Foto: Colourbox

Wann hattest du zum letzten Mal eine verrückte Idee?

Wann warst du zum letzten Mal mit etwas unzufrieden und wolltest es ändern? Hattest sogar eine verrückte Idee, hast sie aber verworfen anstatt ihr nachzuspüren? Hast gedacht: „Das ist zu groß für mich“, „keine Zeit“, „irgendjemand wird’s schon machen“, „ich kann das eh nicht“? Aber was ist, wenn man mal alle Zweifel ignoriert, alles, was dagegen spricht, ausblendet, raus aus der Komfortzone geht und denkt, ich mach da jetzt was? Was soll passieren? Fake it `til you make it!

Angefangen hat bei mir alles damit, dass ich aus Amsterdam nach Bremerhaven gezogen bin und anfing, eine gewisse App schmerzlich zu vermissen. Die Rede ist von „TooGoodtogo“. Per App kauft man bei einem kooperierenden Restaurant oder Laden eine Mahlzeit für 3 bis 4 Euro. Zu der angegebenen Zeit schaut man dort vorbei, zeigt den „Kassenzettel“ in der App vor und bekommt die Mahlzeit. Meist liegen die Abholzeiten kurz vor Ladenschluss. Und die Lebensmittel, die man bekommt, wurden soeben vor dem Wegwerfen gerettet.

Für mich, die Überraschungen liebt, war es die App-Entdeckung des Jahres, ich lebte im Schlaraffenland. Ob Hummous, australisch-niederländische Küche, Leckereien von der Bäckerei, vom Fischhändler oder aus dem Bioladen, alles war mal dabei. Spielerisch entdeckte ich so die Restaurants und Läden in meiner Nachbarschaft und darüber hinaus.

Was wäre, wenn ich es selbst in die Hand nehme?

Ich könnte mich damit abfinden, dass hier in Bremerhaven eben nur eine einzige Kette mitmacht. Ich könnte drauf hoffen, dass es in nächster Zeit mehr werden. Aber was wäre denn, wenn ich es selbst in die Hand nehmen würde? Mal herausfinden würde, wie weit ich käme? Verrückt, oder?

Dann ist da plötzlich die Start-Up-Week im Goethecamp. Mein Plan: Mich in die letzte Reihe setzen und den Big Kids beim Spielen zuschauen. Mir dann sagen lassen, warum meine Idee hier nicht funktioniert und heimgehen. Dort die Idee begraben und weiter machen wie bisher.

Es kommt anders. Am ersten Tag der Start-Up-Week sind wir ein Haufen von ca. 10 Leuten. Ich bin fast die einzige mit einer richtig konkreten Idee. Am zweiten Tag sind wir nur noch zu dritt, nämlich genau mein Team. Darin: mein Partner in „Life and Crime“ Jan, und Aron, einem smarten Studenten der Hochschule Bremerhaven, Studiengang Gründung, Innovation, Führung. Wir machen das ganze Programm mit, das ganze Start-Up-101. Denglisch ist Amtssprache während der Woche.

Begeisterung und Bedenken

Eines der ersten Dinge, die wir lernen: Eine App entwickelt man nicht einfach so, ein Start-Up gründet man nicht, um etwas zu gründen. Simon Sinek, in der Start-Up-Szene sehr bekannt, prägte den Satz „Start with Why“, fang mit dem „Warum“ an. Erst an zweiter und dritter Stelle käme das Wie und das Was. Wenn da ein „Why“ ist, das dich reizt, ist das schon ein sehr starker Antriebsmotor. Ist unser „Why“ stark genug, um diesen Weg wirklich weiterzugehen? Es wird sich herausstellen müssen.

Start with Why

Wir durchlaufen das Programm in weniger als 20 Stunden, was eigentlich ein Prozess von Monaten oder Jahren ist. Erstellen erste Business Modelle, machen Umfragen auf der Straße und in Restaurants, um herauszufinden, ob unsere Idee denn überhaupt angenommen würde da draußen.

Und sind positiv überrascht. Es gibt Begeisterung und Bedenken, aber keiner sagt, „ne, lass mal, doofe Idee“. Im Gegenteil, eher bestärkende Worte im Sinne von „Ja macht mal, wir brauchen sowas.“ Völlig überrollt von den Entwicklungen stellt sich dann auch noch die Frage: Sollen wir am letzten Tag der Woche um 1000 Euro Startgeld pitchen? Statt „warum“ frage ich „warum nicht?“ in die Runde. Zu verlieren haben wir gar nichts.

Ein Tropfen auf dem heißen Stein

Innerhalb von 8 Minuten erklären wir einer Jury, warum wir die 1000 Euro für unsere Idee gewinnen sollten. Wir gewinnen sie nicht. Unsere Reaktion: Erleichterung. Hätten wir die 1000 Euro gewonnen, hätten wir anfangen müssen zu rennen ohne wirklich Boden unter den Füßen zu haben. Und es ist nicht als Entwertung unserer Idee anzusehen. Für uns wären die 1000 Euro einfach nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, denn eine App zu entwickeln kostet viel viel mehr.

Wenige Wochen nach dem Pitch treffen wir bei einem „Speed Dating“ für Businesses (und welche, die es werden wollen) einige Big Bosses von Unternehmen hier in der Region. Wir bekommen Visitenkarten und Kontakte, viele sagen uns: „Macht das, wenn wir können, unterstützen wir euch.“ Denn viele Unternehmen hier in der Region haben sich selbst der Lebensmittelrettung verschrieben.

Locker bleiben und weiter machen

Mit jeder Schulter, die etwas mitträgt von diesem Projekt, wären wir einen Schritt weiter weg vom Scheitern. Mit jedem vermittelten Kontakt, mit jedem Gespräch, mit jedem, der sagt „Wir brauchen das, macht mal“, hätten wir vielleicht ein bisschen was erreicht. Denn wir haben keinen Entwickler, keinen der sich mit dem Sammeln und Analysieren von großen Datenmengen auskennt, keinen mit viel Geld. Und leider selbst wenig Zeit. Ja, es spricht alles gegen uns. Aber dann ist da mein kleiner Trotzkopf, der fragt: „Kann man da nicht doch was machen?“ Kann man. Locker bleiben und weiter machen.