Foto: renaPix

Tattoo-Session beim Dreamteam von Nautilus Ink

„Für mich ist ein Tattoo Schmuck und ’n bisschen Selbstausdruck”, sagt Ruffy, die „Nautilus Ink” im August 2015 in der Bremerhavener Lloydstraße eröffnet hat. „Nicht jedes Motiv muss eine Bedeutung haben, aber ich halte auch nichts davon, wenn du bei mir ankommst und aus’m Internet dieselben 20 Rosen ausgedruckt hast wie jeder andere auch.” Dann sage sie immer: „Lass uns das ein bisschen individualisieren.” Mindestens genauso individuell ist auch ihre bisher 28-jährige Lebensgeschichte.

Die Vintage-Couch, auf der ich Platz nehme, ist cool. Irgendwie besonders und einzigartig. Genau wie Ruffy und Rena, die mir gegenüber sitzen. Es ist Montagmorgen, 9 Uhr. Eine halbe Stunde, bevor die beiden den Laden offiziell aufmachen. Es ist Ruffys Laden, sie hat sich schon vor vielen Jahren als Tätowiererin selbstständig gemacht, sich seit nun schon 26 Monaten den Traum von einem eigenen Studio erfüllt.

„Vorher hatte ich einen kleinen Raum in der Alten Bürger untergemietet – bei einem Friseur. Ich war schwanger und konnte sowieso nicht Vollzeit arbeiten”, erzählt Ruffy, die eigentlich Raphaela heißt und zu diesem Zeitpunkt zarte 17 Jahre alt war. „Ich wollte erstmal gucken, ob ich überhaupt angenommen werde. In Ruhe und im kleinen Stil.” Vor zwei Jahren kam dann eins zum anderen: „Mein Geschäft lief gut und dann habe ich auf dem Weg zur Arbeit damals diese Location entdeckt.”

Von der STRASSE in die selbstständigkeit

Zum Tätowieren kam Ruffy aber wie gesagt früher. „Ich versuche es mal schön zu formulieren”, sagt die 28-Jährige. „Ich bin eine ehemalige Straßenpunkerin. Ich bin sehr früh von Zuhause abgehauen – mit 13 oder 14. Und als mein Sohn auf die Welt kam, dachte ich: Jetzt musst du mal was machen aus deinem Leben. Seitdem bin ich auch vernünftig.” Daraufhin hat sie sich in diversen Dingen ausprobiert. Als Frisörin zum Beispiel. „Da habe ich nach vier Monaten gedacht: Ich verblöde in dem Beruf”, sagt Ruffy.

Dann habe sie alle Schulabschlüsse nachgeholt. Hauptschule, erweiterte Realschule, sich dann im Einzelhandel umgesehen. „Das war mir aber auch zu doof”, sagt sie. „Dann habe ich Abi gemacht und anschließend doch eine Ausbildung angefangen, weil das Geld zum Studieren mit einem Kind nicht reicht.” Schlussendlich hat sie Buchhalterin gelernt. „Das Tätowieren war eigentlich nur ein Zufallsprodukt. So nebenbei.” Mittlerweile ist sie Mutter eines elf- und eines dreijährigen Jungen.

Und seit Sommer diesen Jahres ist Rena an ihrer Seite. „Durch Zufall”, sagt Ruffy. „Sie hat sich initiativ beworben. Und wir haben uns gleich verliebt. Das war Liebe auf den ersten Blick.” Rena managed den Laden, alles was anfällt, hält Ruffy den Rücken frei. „Ich habe nach einem Halbtags-Job gesucht, für den ich wieder in die Heimat kommen kann”, sagt die 33-Jährige. „Aber daraus ist jetzt 24 Stunden, sieben Tage die Woche geworden.” „24/7 – weißt du wie man das nennt? LIEBE”, ruft Ruffy.

Mit Jackass on tour

Auch Rena hat ’ne heftige Zeit hinter sich. 12 Jahre lang hat sie als Bandfotografin die Welt bereist, war mit den wildesten Jungs auf Tour. „Irgendwie bin ich da so reingerutscht”, blickt sie zurück. Zunächst hat Rena Medien- und Kulturwissenschaften in Düsseldorf studiert. Dort habe sie schon immer nebenbei auf Konzerten fotografiert, ist irgendwann nach Berlin gezogen, hat aber eigentlich die ganzen letzten Jahre aus dem Koffer gelebt. Auch mal in New York, Los Angeles, Helsinki. Vier Jahre davon war sie mit den Jungs von Jackass unterwegs. „Das war hirnverbrannt”, lacht sie. „Die ganzen Geschichten – das würde mir alles keiner glauben.” Eines der einschneidensten Erlebnisse? „Die haben auf unseren Tourbus geschossen, weil vermutlich einer wieder seine Drogen nicht bezahlt hatte.”

Rena und Ruffy. (Foto: Nina Brockmann)

Das erste Tattoo, das Ruffy übrigens gestochen hat, war ein kleiner schwarzer Stern im Nacken ihrer damaligen besten Freundin. „Richtig mit Maschine. Das hatte ich mir alles zusammengespart und gekauft”, sagt sie. Bei sich selbst hatte sie immer mal wieder Kleinigkeiten versucht. „Aber mein erstes eigenes war von jemand anderem: eine große, selbstgezeichnete Comicfigur auf meinem Rücken. Ich zeichne viel Manga – und dann habe ich da mal meinen Alter Ego gemalt. Ist aber nicht so gelungen – das wird noch gecovert.”

Renas erstes Tattoo ist schon längst weggelasert. „Du kannst alleine deswegen nichts falsch machen, weil du nicht 18 bist und vollkommen verblödet”, beruhigt sie mich in Bezug auf mein erstes Tattoo. „Die Phase habe ich überstanden – ich bin hart geblieben”, entgegne ich ihr. „Meins war auf dem Unterarm”, erzählt sie. „Ein Unendlichkeitszeichen mit einem Herz in einem Unendlichkeitszeichen.„ „Der Klassiker”, lacht Ruffy etwas schadenfreudig. „Das ist jetzt ja aber nichts, wofür man sich schämen muss”, werfe ich ein. „Ne, waren aber beschissene Erinnerungen.”

14 Tattoos – keins davon fertig

„Ich überlege schon so lange und kann einfach nicht aufhören, darüber nachzudenken”, gestehe ich, als wir uns die Motive für mein Tattoo ansehen. „Auch eine schöne Motivation”, sagt Ruffy. „Es ist einfach an der Zeit”, sage ich. Vor 2,5 Jahren kam mir das Motiv das erste Mal in den Sinn. Über ein Tattoo an sich denke ich schon viel, viel länger nach. „Ich finde: Muss man gemacht haben, muss man erlebt haben – zumal es ja auch etwas sehr persönliches ist. Deswegen glaube ich auch nicht, dass es bei einem bleiben wird”, vermute ich. Rena lacht: „Ich wollte auch nur eins.” „Und wie viele hast du jetzt?” Sie überlegt. Rechnet. „Sechzehn?” „Ich will aber nur viele kleine, vorsichtige”, sage ich. „Das wollte ich auch. Aber von Mal zu Mal werden sie größer.”

„Bei mir wird nix fertig”, sagt Ruffy über ihre Tattoos – auch rund 14 Stück. die Übersicht gestaltet sich schwierig. „Ich fange immer an, aber ich komm‘ ja zu nix. Wenn du hier abends irgendwann Schluss hast, hast du keinen Bock mehr. Dann hast du genug tätowiert.” Sie zählt nochmal nach. „Es sind 14 – und noch keins ist fertig.” „Aber das ist dann ja vielleicht ein Spiegel deines Lebens…”, vermute ich vorsichtig. „Super, ohne etwas zu Ende zu bringen. Toller Spiegel!” Wir packen uns weg. „Es wäre doch echt langweilig, wenn schon alles fertig wäre”, versuche ich die Situation zu retten. „Aber man wird irgendwann nervös”, wirft Rena ein. „Diese Unvollständigkeit nervt irgendwann.”

Ruffy tätowiert sich größtenteils selber – auch ein Grund, warum ihre Tattoos fast nie fertig werden. „Ich bin einfach zu perfektionistisch.” Was das für ein Gefühl ist, sich selbst diesen Schmerz zuzufügen, will ich wissen. „Ich finde es nicht so schlimm. als wenn jemand anders mich tätowiert. Ich hab’s ja selbst in der Hand”, begründet Ruffy ihren masochistischen Hang. „Ich könnte das nicht”, prustet Rena. Das einzige, was sie bis jetzt tätowiert habe, seien Orangen – zum Spaß, zum Üben. „Aber wenn ich überlege, dass der Schmerz, den du mir zufügst, ich mir selbst zufügen müsste? Keine Chance.”

Mops unter’s Kinn und los geht’s.Ruffy

„Ist es so ein heftiger Schmerz???”, frage ich geschockt. „Nein”, entgegnet Rena. Es komme drauf an, wo. An welcher Körperstelle. „Aber es zwiebelt halt so’n bisschen. Weil du wirst ja mit einer Nadel gepikst”, erklärt Rena. „Schon mal deine Beine epiliert?”, fragt Ruffy. Nope. „Das ist so ein feines Zupfen. Das finde ich persönlich schlimmer, einfach unangenehmer.” Die schlimmste Stelle befindet sich für Ruffy bei den Rippen. Dort hat sie sich ein kleines Zeichen selbst gestochen. Wie das geht? „Spiegel. Mops unter’s Kinn. Und los geht’s”, lacht sie. „Ich wollte es einfach mal ausprobieren. Ich kann ja absetzen, wenn ich es nicht mehr aushalte. Weißt wie ich mein‘?”

„Und was ist so das teuerste, das ihr mal gestochen habt?”, frage ich. „Die Leute wollen meistens nur ein kleines Tattoo. Und dann ist irgendwann der ganze Arm voll. Deswegen kann man das so nicht sagen”, so Ruffy. Man könne aber definitiv schon mal ein paar tausend Euro dafür ausgeben. „Du stichst ja nicht alles auf einmal. Die meisten kommen immer wieder. Lassen es zwischenzeitlich vier Wochen abheilen, machen weiter.“ Rund 1000 Tattoos wurden bei „Nautilus Ink” nun schon gestochen. „Ist das wie so’ne Sucht?”, frage ich. „Bei manchen”, sagt Ruffy. „Bei mir definitiv!”, lacht Rena. „Ich habe schon mit elf Jahren gesagt: Irgendwann bin ich voll”, schmunzelt Ruffy. „Klappt nur nicht.”

„Echt? Ist es euer Ziel – komplett voll zu sein?”, frage ich die beiden abschließend. „Nein. Aber es ist das Ziel, alles tätowieren zu lassen, was man so im Kopf hat”, sagt Rena. „Ich habe keine Tattoos, die mir nicht auch etwas bedeuten. Und auf meiner Liste stehen noch so einige Ideen drauf.”

All you need to know

Vor dem Tattoo: Gut frühstücken, eine gesunde Grundlage schaffen. // 24 Stunden vorher keinen Alkohol trinken. // Nicht zu viel Kaffee, schwarzen Tee oder Energy Drinks trinken. // Keine blutverdünnenden Medikamente nehmen.

Bei Krankheit den Tattoo-Termin lieber verschieben. „Das Immunsystem hat damit schon genug zu kämpfen”, sagt Ruffy.

Auch wenn man schlecht geschlafen habe, reagiere man empfindlicher, so Ruffy. „Die Nerven liegen im wahrsten Sinne des Wortes blank.”

Duschpflaster anschließend bis zu sechs Tage lang drauf lassen.

Waschen und cremen bis zu vier Wochen lang.

Bei großflächigeren Tattoos: Kein Sport während des Heilungsprozesses (bis zu vier Wochen).

Nachstechen sei eine „Ermessensfrage”, sagt Ruffy. „Ich persönlich steche lieber vorsichtiger als zu tief. Bevor es unter der Haut verläuft oder Narben gibt – dann lieber nochmal nachstechen.” „Oder so ein Blowout wie bei mir”, sagt Rena. Ein Farbverlauf unter dem Tattoo, der fast aussieht wie ein permanenter blauer Fleck. „Ist zu tief gestochen worden, die Farbe ist im Gewebe verlaufen.”

„Tattoos sind mittlerweile unbedenklich”, beruhigt mich Ruffy. „Zudem arbeiten wir größtenteils mit veganen Farben.” Das sei wesentlich risikoärmer was zum Beispiel Allergien angehe.

„Was kosten Tattoos generell?”, will ich noch wissen. „Von bis”, schmunzelt Ruffy. „Du musst immer die Zeit blocken, den Platz fertig machen, das Material bereithalten – das dauert auch für eine Kleinigkeit mindestens eine halbe Stunde. Deswegen sagen wir in der Regel: ab 50 Euro fangen wir an.”

Eine Woche später: Meine Mutprobe

Man muss dazu sagen: Ich bin eine entspannte Persönlichkeit. Wenn etwas Aufregendes ansteht, bin ich nie der Typ, der die Nacht zuvor nicht schlafen kann. Oder sich wegen allen möglichen „What ifs” Gedanken macht. Ich sehe die (ungewissen) Dinge oft positiv, eher als Bereicherung, und freue mich auf Veränderungen und neue Dinge. So war es auch bei meinem ersten Tattoo. Die „Aufregung” (eher in Form von Vorfreude mit minimaler Angespanntheit) kam erst, als ich das Tattoo-Studio betreten habe. Noch relativ entspannt haben wir uns meine verschiedenen Schriftzüge angeschaut, die ich mitgebrachte hatte – bis Rena und ich uns für den gleichen Favoriten entschieden hatten. Dann hat sie ihn auf dem Kopierer um 15% verkleinert und Ruffy hat es auf einer Art Transferpapier durchgepaust, um es mir auf die richtige Stelle zu setzen.

Mit dem ersten Versuch waren wir gleich zufrieden – ich durfte also auf dem riesigen, schwarzen Lederstuhl Platz nehmen. Nachdem wir uns für die dünnste Nadel entschieden haben, sticht Ruffy mir ein paar Mal ohne Farbe neben das Motiv. Um mir ein Gefühl von dem „Schmerz” zu geben – eine Art Generalprobe, damit ich bei der Premiere nicht zucke. Aber es tut nicht weh, es ist eher ein angenehmes Piksen – macht Spaß, als es zu Ende ist, bin ich fast traurig. Aber dass es geschafft ist, macht mich in dem Moment umso glücklicher,

Das Stechen an sich war in zehn Minuten getan. Der „Schmerz” war echt super auszuhalten und fast ein bisschen befriedigend. Ich habe mich aber auch in der ganzen Situation sehr wohl gefühlt, die Atmosphäre war entspannt, vertraut, lustig, spaßig. Alles in allem eine mega Erfahrung, die ich nicht missen, sondern viel eher so schnell wie möglich wiederholen möchte, um auch meine private Tattoo-Liste abzuarbeiten. Jetzt, wo der erste Schritt getan ist, kann die Sucht beginnen.

ÜBERBLICK

Nautilus Ink
Lloydstraße 18 in Bremerhaven
Öffnungszeiten: montags bis freitags von 9.30 Uhr bis 18.30 Uhr, samstags von 9.30 Uhr bis 16 Uhr.
Termine nach Vereinbarung. // Keine Kartenzahlung möglich.
Telefon: 0471/80997502
Facebook: @NautilusInk

Nina

Über Nina Brockmann

Foodie, Yogi und reiseverrückter Lifestyle-Junkie. Kann ohne Kaffee, Avocados und Lachen nicht leben. Steht auf Melancholie, aber nicht auf Mädchenkram wie Kleider oder Nagellack. Nur ohne Lippenstift geht sie äußerst selten aus dem Haus. Auch für Flechtfrisuren hat sie ein Faible. Nina hat NORDKIND mit ins Leben gerufen.

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