Foto: Hanseatic Help

Spenden auf Festivals: Dein Zelt kann ein Zuhause sein

Dominik weiß, wie es ist, kein Dach über dem Kopf zu haben. Seit elf Jahren lebt er immer wieder auf den Straßen von Hamburg. Wie er jetzt anderen Bedürftigen hilft und zusammen mit Freiwilligen Spenden auf Festivals sammelt.

Unter dem Titel „ANKERSCHMERZ” bloggt Dominik Bloh darüber, wie es ist, auf der Straße zu leben. Er ist mit 16 zu Hause rausgeflogen und war danach regelmäßig obdachlos. Ein Jemand, der es früher scheinbar nie geschafft hat, richtig anzukommen. Nach einem steinigen Lebensweg hilft der Hamburger jetzt Menschen mit gleichem Erfahrungshintergrund: Dominik ist Mitglied von „Hanseatic Help”, einem Verein aus Hamburg, der 2015 aus einer Freiwilligeninitiative heraus entstand und es sich zur Aufgabe gemacht hat, Bedürftigen im In- und Ausland zu helfen.

Hanseatic Help sammelt Kleidung, bietet ehrenamtliche Sprachkurse an und gibt Freiwilligen die Möglichkeit, sich zu engagieren – um nur ein paar selbstgesteckte Aufgabenfelder des Vereins zu nennen. Das Attribut „hanseatisch“, findet Dominik, ist dabei eine gute Umschreibung ihres Leitbildes: „Wir helfen unaufgeregt, aus vollem Herzen, gründlich und weltoffen.“ Es gehe schließlich nicht darum, großes Aufheben um die eigene Sache zu machen. Helfen soll einfach einfach sein, so die Idee. Ohne große Anmeldung, ohne Bürokratie, ohne Verpflichtung und ohne Blick auf Herkunft, Religion oder politische Einstellung. „Unser Verein möchte dort helfen, wo es am Nötigsten ist. Und das am besten langfristig, nachhaltig und mitreißend. Ein bisschen Spaß soll es schließlich auch noch machen.“

Die Idee, auf Festivals zu sammeln, stammt von Dominik selbst. Nachdem Hanseatic Help schon 2016 auf dem Hurricane Spenden gesammelt hatte, war der Verein in diesem Jahr sogar auf zwei norddeutschen Festivals unterwegs. Zum Hurricane gesellte sich der Deichbrand. Wie eine großangelegte Spenden-Aktion auf einem Festival aussieht, hat Dominik im Interview verraten.

Letztes Jahr auf dem Hurricane: Dominik in Aktion. (Foto: Hanseatic Help )

Dominik, du weißt selbst was es heißt, obdachlos zu sein. Jetzt hilfst du  anderen Menschen und sammelst für sie. Wie bist du auf die Aktion gekommen und warum hast du dir gerade Festivals dafür ausgesucht?
Meine Idee war es, zwei verschiedene Gedankengänge zusammen zu führen: Müllvermeidung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit auf der einen Seite und Humanität auf der anderen. Ich möchte mit den Dingen, die Festivalbesucher nicht mehr brauchen, anderen helfen.

Jetzt weiß ich aber noch nicht, was das Besondere an einem Festival ist. Aus eurer Perspektive, meine ich.
Nach einem Festival bleibt unglaublich viel Müll zurück, der bisher einfallslos entsorgt wurde. Selbst vollständige und nutzbare Zelte. Genauso wie Isomatten, Schlafsäcke und Konserven.

Wir kommen hier an Warengruppen heran, die wir in unserem Alltag nicht unbedingt in größeren Mengen vorrätig haben. Zelte und Iso-Matten werden nun mal seltener gespendet als Kleidung zum Beispiel. Wenn wir als Truppe auf einem Festival unterwegs sind, können wir uns natürlich auch sicher sein, dass die Sachen, die wir dort einsammeln, nicht nur auf dem Müll landen, sondern tatsächlich bei den Menschen ankommen. die sie brauchen. Die ganze Atmosphäre mit den Bands mitzubekommen, ist natürlich ein netter Nebeneffekt für uns.

Und wie läuft die Spenden-Aktion ab? Macht ihr die Campingplätze auf dem Festival-Gelände unsicher oder gibt es einen festen Stand von euch, bei dem Besucher und Camper ihre Spenden abgeben können?
Im Allgemeinen läuft es so ab, dass wir herumlaufen und mit den Leuten auf den Campingplätzen sprechen. Wir fragen sie, ob sie ihre Zelte und andere Teile ihrer Ausrüstung zurücklassen, oder ob sie sie spenden wollen. Wenn das der Fall ist, markieren wir die Sachen und sammeln sie nach dem Festival ein. Wir gucken dann auch, ob noch weitere brauchbare Sachen zurückgelassen wurden.

Einen Stand, an den man sich wenden kann, gibt es also nicht?
Doch, doch. Den gibt es auch. Im letzten Jahr konnten sich Besucher an unserem Stand zum Beispiel über unsere Arbeit informieren oder sich mit skurrilen Spenden vor einer Fotobox fotografieren lassen.

Jetzt haben wir über die Zeit während des Festivals geredet. Was passiert denn hinterher – nachdem ihr fleißig gesammelt habt?
Die ganzen Sachen werden nach Hamburg gebracht und dort gereinigt oder gewaschen. Danach werden sie den Bedürftigen zur Verfügung gestellt. Das sind zum größten Teil natürlich Obdachlose in und um Hamburg.

Das klingt alles sehr ambitioniert und passioniert. Sahen die Veranstalter der beiden Festivals das auch so oder musstet ihr erst mal Überzeugungsarbeit leisten, bevor ihr euch in die Organisation einklinken durftet?
Da gab es gar keine Probleme. Die Resonanzen waren durchweg positiv. Der Festival-Veranstalter FKP Scorpio hat sofort zugesagt. Und auch Deichbrand und Hurricane waren schnell dabei. Die beiden haben uns nach Kräften unterstützt. Wir konnten außerdem viele Helfer animieren, auf und vor den Festivals mit anzupacken. Beim Hurricane waren es ungefähr 50.

Erzähl doch mal von deiner alltäglichen Arbeit im Verein. Was macht ihr, wenn nicht gerade ein Festival ansteht?
Angetreten sind wir im August 2015, um einer großen Anzahl von Geflüchteten in den Hamburger Messehallen zu helfen. Wir haben damals schnell gemerkt, dass Hamburg nicht nur im Spenden, sondern auch im Helfen groß ist. Es kam sehr, sehr viel zusammen, mit dem wir auch anderen Geflüchteten in Hamburg helfen können. Außerdem Obdachlosen, Frauenhäusern und Kinderheimen.

Einen Verein zu gründen, war also nur die logische Konsequenz aus diesen Erlebnissen. Es braucht einfach einen verlässlichen Ansprechpartner, um mit Großspendern in Kontakt zu kommen, mit Stiftungen zusammenzuarbeiten oder Büros und Lagerräume anzumieten. Für all diese organisatorischen und finanziellen Geschichten eben. Mit einem Verein gibt es auch eine juristische Grundlage.

Es ist schwerer geworden, etwas zu finden, was einen erfüllt.

Arbeitet ihr auch mit anderen Institutionen zusammen?
Ja, mit der Heilsarmee zum Beispiel. Wir haben im letzten Jahr 14 Container ausgebaut, in die später Obdachlose eingezogen sind. Die Obdachlosen haben nun endlich eine feste Bleibe und etwas Sicherheit. Auf unserer Homepage gibt es noch mehr Infos über das und andere Projekte von uns.

Wir organisieren außerdem immer mal wieder Hilfstransporte mit, die in Krisengebiete geschickt werden, in den Nordirak etwa. Dorthin gehen vor allem Sachen, von denen wir in Hamburg große Mengen haben und von denen wir wissen, dass der Absatz in unserer Region bei weitem kleiner ist, als die Spenden-Menge.

Mein Vater hat letztens seinen Schrank ausgeräumt. Angenommen, ich möchte einen Beutel mit seiner alten Kleidung spenden: Wie läuft der Prozess bei euch ab? Von der Organisation bis hin zur Weitergabe.
Wenn man es nur auf Kleiderspenden bezieht, passiert Folgendes: Der  Spender oder die Spenderin kommt zu uns in die Große Elbstraße in Hamburg und gibt seine Sachen ab. Wie du ein paar Hosen und Pullover für Herren vielleicht. Das läuft über unsere Annahme, wo die Pullover anschließend auch von Helfern geprüft werden. Die Helfer gucken, ob die Kleidung schmutzig oder kaputt ist. Es gibt dazwischen nämlich auch Dinge, die wir nicht an unsere „Kunden” weitergeben können oder wollen. Verfassungsfeindliche Symbole, Waffen, Kriegsszenarien oder so etwas.

Im Anschluss werden die Pullover und Hosen nach Geschlecht getrennt und in verschiedene Kisten gelegt. Sozusagen die erste grobe Sortierung. Wenn eine Kiste voll ist, kommt sie in die entsprechende Abteilung (Herren, Damen, Kinder, Betten und so weiter) und wird feinsortiert.  Nach Größe und Art. Konkret heißt das: mit Kapuze, ohne Kapuze, lang, kurz, Sport et cetera.

Klingt nach logistischem Aufwand…
Ja, ist es auch. Aber dieser Aufwand erleichtert uns später die Arbeit. Seitdem wir ein Warensystem haben, haben wir über 5 Millionen Spenden-Teile ausgeliefert und über 70 Hilfstransporte in die ganze Welt geschickt. Darunter: Irak, Haiti, Kenia und viele mehr.

5 Millionen ist in der Tat eine beeindruckende Zahl. Dann erzähl mir mehr aus eurem Warensystem-Dschungel. Wir waren eben bei der Feinsortierung…
Nach diesem Schritt gibt es zwei Wege: Ist die Kiste voll, wird der Inhalt in Kartons verpackt, gezählt und mit einem Packzettel beklebt. Auf dem Packzettel sind wiederum Kategorie, Anzahl und Größe vermerkt. Der Karton wird nun in die Registrierung gebracht und in unser eigens entwickeltes Warenwirtschaftssystem eingepflegt. Er bekommt einen in unserem Lager festgelegten Platz, der für die entsprechende Kategorie und Größe zur Verfügung steht.

Wenn eine Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete zum Beispiel vier Pullover und drei Hosen für Herren und in verschiedenen Größen benötigt, kann der Helfer in die Herrenabteilung gehen. Wird er dort nicht fündig, sieht er im Lager nach. Die entsprechende Menge wird dann herausgenommen und anschließend umgebucht oder aus dem System entnommen und neu registriert. Mit neuem Karton und neuer Anzahl.

Zum Schluss sagen wir dem Besteller Bescheid, dass wir seine gewünschten Sachen zusammen haben. Bei kleinen Mengen kommt er selbst, bei größeren bringen wir sie vorbei.

Helfen ist sicherlich – und Gottseidank – in Mode.

Stichwort „einfach“: Du hast vorhin gesagt, dass ihr nicht nur helfen wollt – ihr wollt das Helfen an sich einfach machen und damit Freiwilligen die Chance geben, sich zu engagieren. Bei dieser Formulierung liegt der Umkehrschluss nahe, dass Helfen nicht so einfach ist, wie man denkt.

Doch. Helfen ist noch immer einfach. Es ist meiner Meinung nach nur schwerer geworden, etwas zu finden, was einen erfüllt. Anforderungen an den Einzelnen und Bedürfnisse der Gesellschaft sind ganz andere als noch vor zwei Jahren. Vieles hat sich aus meiner Sicht verkompliziert. Damals konnte man direkter helfen, indem man Hosen gefaltet hat oder so was. Heute geht es hauptsächlich um Integration, Lebenshilfe und Unterstützung im Alltag.

Das stimmt. Eine politische Schreckensnachricht jagt die andere. Immer mehr Menschen müssen fliehen. Und das weltweit. Würdest du sagen, das Thema „Helfen“ ist dadurch wichtiger denn je?

Ja und nein. Anderen Menschen oder Tieren zu helfen, ihnen beizustehen und ihnen in schwierigen Zeiten etwas von ihrer Last zu nehmen, ist immer wichtig.

Für mich gingen die meisten Signale für Integration und Willkommenskultur von den Bürgern und Bürgerinnen unseres Landes aus. Insofern ist „Helfen“ ein wichtiges Signal – auch für die Politik: Hilfsbereitschaft und Wille zum freiwilligen Engagement sind da. Das will auch unser Verein verdeutlichen, damit entsprechende politische Entscheidungen getroffen werden können. „Wir schaffen das“, hat schließlich mal jemand gesagt.

Ich habe manchmal aber auch das Gefühl, dass Helfen zu einer Mode-Erscheinung verkommt und sich viele diese Tätigkeit aus Coolness-Gründen auf die Fahnen schreiben. Siehst du das auch so?
Natürlich gab es dieses Phänomen. Helfen in der Messehalle ist cool. Aber ich glaube, dass das nur die halbe Wahrheit ist: Viele Menschen sind auf der Suche nach einer sinnstiftenden Tätigkeit. Berufliche Herausforderungen werden wie gesagt komplexer und diffuser. Da ist es eben schön, bei seinen eigenen Taten einen direkten Effekt beobachten zu können. Ganz platt gesagt: „Diese Kiste habe ich sortiert und gepackt. Kinder, denen es nicht so gut geht, haben deswegen jetzt eine warme Jacke und müssen nicht frieren.“

Insofern also doch. Helfen ist sicherlich – und Gottseidank – in Mode.
Es gibt übrigens viele Firmen, die ihren Mitarbeitern „Social Days” spendieren. Heißt: Sie dürfen bei voller Bezahlung einen Tag lang freiwillig irgendwo helfen. Das ist eine tolle Entwicklung.

Mir fällt auch noch etwas in puncto Berufswelt ein: Du findest, dass berufliche Herausforderungen komplexer werden und viele Menschen daher auf der Suche nach einer sinnstiftenden Tätigkeit sind. Schlägt sich das auch in eurem Team nieder? Habt ihr, mal ganz clichéhaft gefragt, auch Bänker unter euren Freiwilligen?
Wir sind in der Tat ein sehr bunter Haufen. In unseren Reihen sind Selbständige, Rentner, Geflüchtete, Angekommene und staatlich Unterstützte. Aber auch Akademiker, Studenten, Medienschaffende sowie Beamte. Und so weiter und so fort. Die einen bringen Wissen mit ein, das sie von Berufswegen haben, die anderen sind froh, sich ganz konträren Aufgaben widmen zu können. Wir hatten mal einen amerikanischen Studenten der Raketentechnik bei uns, der sich in der Damenabteilung sehr wohl gefühlt hat. Er hat fleißig Kleider und Leggings sortiert.

Was uns eint, ist der Zweck unseres Tuns. Jeder versucht sein Bestes einzubringen und Hanseatic Help damit voranzubringen

Kontakt

Hanseatic Help e.V. 
Große Elbstraße 264 in 22767 Hamburg
Telefon: 040/210919070
Öffnungszeiten: wochentags 10 bis 20 Uhr, samstags und sonntags 12 bis 18 Uhr, mittwochs geschlossen
www.hanseatic-help.de

Gemeinnützige Träger und Organisationen können sich per Mail (info@hanseatic-help.org) mit ihrem aktuellen Bedarf an Hanseatic Help wenden. Am Standort in der Großen Elbstraße können keine Einzelpersonen mit Kleidung versorgt werden.

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