Foto: Dörthe Schmidt

Schauspielerin Elif und der Ort der Verwandlung

Wie ein kleiner, schneller Motor klingt das Geräusch, das aus Elifs Mund kommt. Sie drückt ihre Lippen leicht zusammen und lässt die Luft hindurch flattern. Es ist 18.30 Uhr, in einer Stunde muss sie auf der großen Bühne stehen. Und dann soll jedes Wort klingen, als wäre es ihr eigenes. Die Zeit in der Maske nutzt sie, um sich zu lockern.

Schauspielerin Elif Esmen spielt an diesem Abend die Simone Berteaut, kurz Momone, in dem Stück Édith Piaf am Stadttheater Bremerhaven. Manchmal schlüpft sie innerhalb einer Woche an jedem Abend in eine andere Rolle. Die Maske, in der sie geschminkt und frisiert wird, ist ein wichtiges Ritual für die 31-Jährige.

Weißes Puder trägt Maskenbildnerin Stephanie Sommer großzügig auf Elifs Wangen auf, pinselt ihr fünf verschiedene Brauntöne auf die Augenlider und die langen, gewellten Haare dreht sie strähnenweise zu kleinen Schnecken. „Ich ’schneckel‘ die Haare, damit sie gleichmäßig am Kopf liegen und die Perücke nachher gut sitzt“, sagt Stephanie und steckt die letzte Strähne am Kopf fest.

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Was schon jetzt aussieht wie eine Hochsteckfrisur, verschwindet unter einer Art Strumpf. Elifs Kopf ist nun bereit für die Verwandlung. Ihre eigenen Haare haben Platz gemacht – heute Abend wird sie dreimal hinter der Bühne die Perücke tauschen und sich noch öfter umziehen. Trägt sie jetzt noch das Kleid eines Straßenmädchens, wird sie zum Schluss in einer langen, schimmernden Gala-Robe auf der Bühne tanzen.

„Ich kann mich hier entspannen und auf das Stück einstimmen“, sagt Elif. Mit jedem Pinselstrich wird sie mehr zu Momone, einer französischen Straßensängerin, die gerne und viel trinkt. Den Text der Figur hat sie zuvor wochenlang geübt und verinnerlicht.  Und auch schon mehrfach aufgeführt.

„Es dauert, bis ein Text in den Körper geht“

„Es dauert, bis ein Text in den Körper geht“, sagt sie. Sie spreche ihn immer wieder laut vor oder schreibe ihn auf. „Es ist unterschiedlich, wie lange es dauert, bis ich einen Text greifen kann. Es kommt auf die Sprache an. Und auch darauf, ob es Monologe oder Dialoge sind. Manche Stücke sind sehr verflochten geschrieben, wo jedes ‚auch‘ oder ‚doch‘ wichtig ist. Das ist schwer zu lernen.“ Aber sobald sie den Text einmal habe, sei er drin. „Dann kann ich mit dem Text jonglieren.“ So, als wären es ihre eigenen Worte. Aktuell hat sie die Texte für sechs verschiedene Stücke parat.

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Das Lernen geschieht lange vor der ersten Aufführung. Schon zu Beginn der fünf- bis sechswöchigen Probenzeit, soll der Text sitzen. Das bedeutet, dass sie auch in ihren sechs Wochen Sommerpause lernt. Und generell in ihrer Freizeit. Elifs Alltag besteht fast nur aus Theater: Vormittags wird vier Stunden geprobt, dann hat sie vier Stunden Pause und nachmittags wird um 18 Uhr wieder geprobt oder aufgeführt. „Wenn ich sieben Tage am Stück arbeite, muss ich dafür einen freien Tag bekommen.“ Schauspieler haben 48-Stunden-Wochen, das ist so üblich in der Branche.

Jetzt ist Sie Momone

Elif streift sich die Ärmel von ihren Armen und sitzt nur noch im Unterhemd vor dem großen Spiegel. Steffi, die Maskenbildnerin, befestigt ein feines Kabel an Elifs Stirn, das über ihren Hinterkopf bis an die Hüfte reicht. Dort trägt sie den Empfänger für das Funkmikro. Die Schauspielerin streift sich das Kleid wieder über und bekommt die Perücke aufgesetzt. Jetzt ist sie Momone – jedenfalls äußerlich.

Aus den engen Gängen zwischen Garderobe und Maske tritt Elif auf die Seitenbühne. Hier ist alles anders. Die Decken sind mehrere Meter weit oben in der Ferne. Bühne und Zuschauerraum sind riesig. Trotzdem hat man das Gefühl, man steht überall im Weg. Ein Bett voller Blumen steht neben großen Weihnachtsbäumen und anderen Requisiten. Hier verlieren sich Techniker, Schauspieler und Bühnenbildner zwischen Wänden und Vorhängen.

Foto: Dörthe Schmidt

Noch etwa 45 Minuten bleiben bis zum Vorstellungsbeginn. Mit drei Schauspielkollegen stellt sich Elif zum Singen auf. Sie üben das Lied Milord von Édith Piaf. Sie stemmen ihre Hände in die Hüften, das Orchester beginnt zu spielen und der große, leere Zuschauerraum wird erfüllt von französischen Liedzeilen.

Kurz vor Beginn, 15 Minuten vor der Aufführung, verschwindet Elif in ihrer Garderobe und schließt die Tür hinter sich. Sie will ihre Ruhe. Es sind ihre letzten Minuten, die sie mit sich allein hat. Gleich werden hunderte Augen auf sie blicken und ihr jedes Wort von den Lippen ablesen.

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