Foto: Markus Tedeskino

Nordlicht, Menschenrechtlerin und „Frau Europas“: Das ist Düzen Tekkal

Kriegsberichterstatterin, Menschenrechtsaktivistin – und nun auch noch „Frau Europas“: Düzen Tekkal wurde vor kurzem von der Europäischen Bewegung Deutschland (EBD) mit dem „Preis Frauen Europas“ ausgezeichnet. Die gebürtige Hannoveranerin reist seit Jahren immer wieder in den Nordirak und kämpft für die Jesidinnen, die vom „Islamischen Staat“ verschleppt wurden. Sie will ein Bewusstsein schaffen für das Leid, das der IS den Frauen angetan hat. Und immer noch antut.

Als Düzen Tekkal von der Auszeichnung erfährt, ist sie gerade im Irak. Sie ist oft dort. Zuletzt mit dem deutschen Entwicklungsminister Gerd Müller. „Ich war total überrascht und habe mich enorm gefreut. So ein Preis ist natürlich eine Bestätigung für das, was man tut. Das zeigt mir, dass ich weitermachen muss.“ Weitermachen. Für Düzen Tekkal heißt das, sich für die notleidenden Menschen einzusetzen, ihre Schicksale weiterzuerzählen.

Plötzlich ist sie Kriegsberichterstatterin

Eigentlich ist Tekkal Fernsehjournalistin, hat nach ihrem Studium der Politik- und Literaturwissenschaft als Autorin für RTL gearbeitet. Dann kündigte sie ihren Job. Und fuhr gemeinsam mit ihrem Vater in den Nordirak. Das war im August 2014. Da fing der sogenannte „Islamische Staat“ an, einen Genozid an den Jesiden zu begehen. Der IS-Anführer Al-Baghdadi hatte kurz zuvor in der Al-Nuri-Moschee sein größenwahnsinniges Khalifat ausgerufen. „Mossul war vor ein paar Jahren noch unbefahrbar. Wir konnten nur bis wenige Kilometer vor die Stadt fahren und dann war Schluss“, erinnert sich Tekkal. Damals wurde die 39-Jährige zur unfreiwilligen Kriegsberichterstatterin, zur Menschenrechtsaktivistin.

„Diese Erfahrung hat alles verändert“

Sie sprach mit Frauen aus IS-Gefangenschaft, hörte sich ihre Geschichten an. Über ihre Erlebnisse veröffentlichte Tekkal 2015 einen Film: „Hawar – Meine Reise in den Genozid“. „Ich hätte nie gedacht, dass diese Erfahrung mein Leben komplett auf den Kopf stellt. Alles verändert“, sagt Tekkal. „Das, was ich dort gesehen habe, kann man nur schwer in Worte fassen. Traumatisierte Frauen, gebrochene Männer, Kinder, die innerhalb weniger Minuten zu Vollwaisen wurden, zu Zeugen der Enthauptung ihrer Eltern.“ Ihr sei in diesem Moment völlig klar gewesen, „dass ich mehr tun muss, als nur darüber zu berichten“. So kehrte Tekkal schließlich als Menschenrechtsaktivistin nach Deutschland zurück.

Inzwischen hat sich in der einstigen IS-Hochburg viel verändert, die Terrormiliz ist militärisch zurückgedrängt. Über drei Jahre nach ihrer ersten Reise in die Krisenregion sah Tekkal nun zum ersten Mal das ganze Ausmaß der Zerstörung. Nicht nur die kaputten Häuser, sondern auch die menschliche Tragödie.

Der Wiederaufbau läuft

Tausende jesidische Frauen wurden einst nach Mossul verschleppt. Welche Gedanken gehen einem durch den Kopf, wenn man an einem Ort ist, an dem so viel Leid und Terror geschehen ist? „Ich wusste genau: Wenige Meter von der Stelle. wo ich stand, wurden Frauen auf Sklavenmärkten geknebelt und verkauft. Als ich daran dachte, wurde mir schlecht.“ Gleichzeitig sah Tekkal, wie in all dem Horror Hoffnung aufkeimt. „Die Menschen fangen wieder an, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Über eine Million, die aus Mossul geflohen waren, sind schon in die Stadt zurückgekehrt und fangen mit dem Wiederaufbau an.“

Noch immer sind 3000 Frauen in der Hand des IS

Von einer Aufarbeitung des Genozids, sagt Tekkal. sei man aber meilenweit entfernt. Noch immer sind 3000 Frauen in der Hand des IS. Es gehe jetzt auch um die Strafverfolgung der Täter, betont die Journalistin. „Wichtig ist, dass wir die Dinge anschieben. Und dass wir den Minderheiten vor Ort helfen, die Steine aus dem Weg zu räumen.“ Im März hat Tekkal mit ihrer Hilfsorganisation das Projekt „Back to life“ gestartet. Zurück ins Leben, ein hehres Ziel. Zwei Jahre läuft das Projekt, 800 Frauen sind dabei, Jesidinnen, Christinnen, Musliminnen.

„Die Frauen sind auf uns zugekommen und haben gefragt: Könnt ihr uns helfen? Wir wollen beschäftigt werden. Denen geht es nicht um Essen und Trinken. Die wollen ihre Stimme erheben und sich weiterbilden. Wir bieten ihnen Alphabetisierungs- und Nähkurse an.“

„Europa kann viel tun“

Und was kann Europas tun? „Viel“, sagt Düzen Tekkal. „Sehr viel.“
Europa müsse die Aufmerksamkeit auf die Schicksale der Frauen lenken, Entwicklungsprojekte an Bedingungen knüpfen und auf die Einhaltung der Menschenrechte pochen. „Es geht nicht nur um Betroffenheit, sondern vor allem um die Aktion, die sich daraus ableitet.“

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