Foto: Lothar Scheschonka

Money Maker: Mut und Risikobereitschaft als Schlüssel

„Bremerhaven hat sich echt gemacht”, lobt Götz zu Beginn unseres Interviews. Für September habe er sich von hier aus schon eine kurze Kreuzfahrt nach Antwerpen gebucht. Aber heute sei er leider nur beruflich in der Stadt. Dr. Ralf-Joachim Götz ist Direktor und Chefvolkswirt bei der – nicht immer unumstrittenen – Deutschen Vermögensberatung AG (DVAG), ein Finanzvertrieb mit Sitz in Frankfurt am Main. Doch auch in unserem Einzugsgebiet zählt die DVAG rund 80.000 Kunden. Darunter auch wir – die rebellischen, anspruchsvollen und freiheitsliebenden Millennials. Warum wir in einer Zeit historischer Niedrigzinsen mutig und risikobereit sein sollten.

Wie nehmen Sie unsere Generation, die Millennials, wahr?

Ihre Generation ist im Kopf und auch räumlich viel beweglicher als früher. Damals sagte man zu mir: „Geh’ zu einer großen Firma, dann bist du vielleicht mit 50 Prokurist in einem angesehenen Unternehmen.” Wenn man clever ist, dann wird man heute viel schneller irgendwas. Das ist mir persönlich auch passiert. Ich war mit 38 Jahren einer der jüngsten Gesamtbankdirektoren der Dresdner Bank – aber kurz danach war die Bank weg. Heutzutage muss man sich noch mehr auf Veränderungen einstellen – die Lebensläufe sind gebrochener. Das zieht sich sowohl durch das private, als auch durch das berufliche Leben.

Man hat selten nur noch eine Stelle von Anfang bis Ende. Die Menschen sind mal Vollzeit tätig, dann kommt vielleicht eine Familienpause, danach ist man Teilzeit tätig. Auch die Selbstständigkeit ist ein großes Thema für viele. Es kann auch sein, dass man noch nebenberuflich arbeitet. Diese klassische Karriere beim selben Arbeitgeber – das wird immer schwieriger zu schaffen sein. Es ist sehr viel wahrscheinlicher als früher, dass Sie branchenübergreifende Berufe haben werden, vielleicht auch in verschiedenen Städten. Auch vor dem Hintergrund, dass man immer mehr auf das Thema Bildung achten muss. Um wettbewerbsfähiger zu sein und in Zeiten der Digitalisierung einen Vorsprung zu haben. Und diese Bildung ist nicht immer im Heimatort verfügbar. Deswegen werden Menschen sehr früh daran gewöhnt, den Ort auch mal zu wechseln.

Mit einer eigenen Immobilie sind große Emotionen verbunden.

Wie sieht es dann aus mit Investitionen? Macht zum Beispiel ein Wohnungskauf überhaupt Sinn für uns?

Ich frage junge Menschen oft danach, was sie denn für Ziele und Wünsche im Leben haben. Klar ist es bei vielen erstmal der Führerschein und dann vielleicht die erste eigene, gemietete Wohnung. Aber, wenn ich das so langfristig sehe, dann ist die eigene Immobilie – neben der Altersvorsorge, die meistens noch ein wenig nebulös ist für junge Leute – schon ein großes Thema. Und damit sind große Emotionen verbunden. Ich will davon auch gar nicht abraten, aber – Sie haben das Thema Mobilität bereits angesprochen – man sollte sich schon Gedanken machen: Wann im Leben macht man das? Und wenn man sich etwas kauft: Wie und wo?

Das ist anders, als wenn Sie zum Beispiel Aktien oder Investmentfonds erwerben, wo Sie immer einen bestimmten Kurs an der Börse bzw. einen Rücknahmepreis genannt bekommen, wenn Sie diese verkaufen wollen – der kann höher oder niedriger sein. Aber ein Haus oder eine Wohnung ist auch immer viel mit persönlichen Empfindungen verbunden. Wenn Sie einen bestimmten Zeitpunkt haben, an dem sie eine Immobilie veräußern müssen, weil Sie den Job wechseln oder andere familiäre Veränderungen haben, ist es nicht gesagt, dass Sie gleich am nächsten Tag jemanden vor der Tür stehen haben, der Ihnen dasselbe oder mehr gibt, als das was sie dafür bezahlt haben. Insofern muss man diesbezügliche Entscheidung ganz besonders sorgsam treffen und sollte sich dazu professionellen Rat einholen.

In manchen Ländern kommt es häufiger vor, dass private Immobilie nach einiger Zeit wieder verkauft werden. Man zieht beispielsweise von einem größeren in ein kleineres Haus und nimmt das restliche Geld als Rentenzuschuss. Auch hierzulande wird beim Vorsatz „Ich habe in meinem ganzen Leben einen einzigen Job und eine perfekte Immobilie dazu” die Wahrscheinlichkeit immer geringer, dass das klappt.

Ein Schlüsselfaktor ist das Thema Bildung.

Wohin dann mit meinem Geld – ins Kopfkissen? Wenn ich denn etwas übrig habe und es nicht für teure Miete, Reisen oder Kaffee ausgegeben habe?

Zunächst kann man einem Menschen nur wünschen, dass er viel übrig hat. Und dazu ist ein Schlüsselfaktor künftig auch das Thema Bildung, ganz klar. Wenn man etwas über hat, muss man das nicht gleich in eine Immobilie stecken. Auch nicht unbedingt unters Kopfkissen. Das ist zwar für manche mittlerweile die beliebteste Anlageform. So ist in den letzten Jahren die Bargeldhaltung der privaten Haushalte stärker gewachsen als andere Anlageformen, aber man muss sich doch folgende Gedanken machen: Was sind die wichtigsten Themen in meinem Leben? Welche Ziele will erreichen? Was habe ich für Wünsche? Und welches Risiko bin ich dafür bereit einzugehen? Und wie kann ich dafür am besten finanziell vorsorgen, zum Beispiel mit Versicherungen und Bankprodukten.

Also wenn Sie jetzt für den nächsten Urlaub sparen wollen, dann macht es Sinn, etwas Geld aufs Tagesgeldkonto zu legen. Vielleicht haben Sie es auch unterm Kopfkissen – der Unterschied ist zur Zeit ja nicht sehr groß. Wenn Sie aber für die eigene Wohnung, das eigene Haus oder das Alter sparen wollen, ist das weniger geeignet. Kurz: Je langfristiger Sie denken, desto sorgsamer sollten Sie Ihre persönliche Finanzplanung gestalten und sich dabei beraten lassen. Und umso mehr können Sie vorübergehend auch gewisse Risiken bei der Kapitalanlage eingehen. Mit dem Ziel, auch einen höheren Ertrag zu erzielen. Wenn ich nur kurzfristig denke, ist das natürlich schwieriger.

man muss dem risiko ins auge blicken.

Da haben wir’s. Unlängst habe ich gelesen, dass unserer Generation vorgeworfen wird, wir seien kurzsichtig, hätten unrealistische Erwartungen und dass wir nicht bereit seien, Risiken einzugehen. Wie passen Generation Y und Geldanlage dann nur zusammen?

Das Thema Kurzsichtigkeit kann ich so nicht feststellen. Was das Thema Erwartungen und Wünsche angeht, finde ich es schön, wenn man Träume hat – das spornt einen an, vielleicht auch mehr dafür zu tun. Und was das Thema Risiken angeht, finde ich schon, dass man sich mit dieser Theorie mehr beschäftigen sollte. Denn bei der Geldanlage ist es wirklich ein Thema: Gehe ich Risiken ein, wenn ich kurzfristig ein Ziel erreichen will? Wäre ich jetzt bereit, irgendwelche Aktien zu kaufen, wenn ich das Geld in einem halben Jahr brauche? Dann würde ich sagen: Vorsicht – keiner weiß genau, wo wir in einem halben Jahr stehen.

Wenn man zurückblickt und sieht, wie sich Märkte entwickelt haben, dann war es so, dass – wenn man mindestens 15 Jahre Zeithorizont und Aktien bzw. Investmentfonds gut gemischt hatte – das Risiko, über diese Zeit insgesamt Verlust zu machen, sehr gering war. Man konnte sogar sehr, sehr viel Gewinn machen. Seitdem der deutsche Aktienindex DAX (ein Korb aus den 30 wichtigsten Aktien, die aber auch immer wieder ausgetauscht werden) 1988 das erste Mal berechnet wurde, hat er im Schnitt einen Wertzuwachs von etwa neun Prozent pro Jahr gehabt, wenn man alle Ausschüttungen der Unternehmen auch gleich wieder angelegt hätte. Mit so einer Anlage konnte man theoretisch aus 1000 Euro über 12.000 Euro machen. Wenn Sie es auf ein Sparbuch gelegt hätten, wären da vielleicht 2000 Euro rausgekommen. Auf lange Sicht kann es sich also lohnen, Risiken einzugehen. Auf kurze Sicht wäre ich vorsichtig. Mein Appell lautet: Man sollte sich mehr damit beschäftigen, wie man mit Risiken umgeht.

Jeder Mensch muss sich entscheiden: Was will ich?

Sind Millennials geborene Aktionäre? Dadurch, dass wir einerseits nach finanzieller Sicherheit streben und andererseits ungebunden und frei sein wollen?

Sicherheit kostet systematisch „Rendite”. Gewinnchancen lasse ich mir damit entgehen. Das ist immer so im Leben: Wenn ich sicher sein will, lasse ich Chancen aus. Und wie definiere ich Freiheit? Freiheit würde bei einer Kapitalanlage bedeuten: Wenn ich ein Ziel habe, das ich in 25 Jahren erreichen möchte, dann könnte ich mir ein Produkt kaufen, dass die Zielerreichung am Ende möglicherweise garantiert. Aber was passiert, wenn ich vorher aussteigen will? Kann ich das, und wenn ja, zu welchen Bedingungen? Das wäre für mich Freiheit. Dass man die Freiheit hat, seine Wünsche und damit auch seine Kapitalanlagen zu ändern bzw. kurzfristig Liquidität zu schaffen. Aber diese Freiheit hat auch ihren Preis. Und so muss ich mir genau überlegen, was mir im Spannungsfeld von Sicherheit, Renditechancen und der jederzeitigen Verfügbarkarkeit von Anlagen besonders wichtig ist.

Wer kurzfristig hundert Prozent sicherheitsorientiert ist, dem kann ich keine Aktien empfehlen. Aber ich rate, auch langfristig zu denken und mit dem Thema Risiko richtig umzugehen. Dann lassen sich gute Erträge erzielen. Das ist – glaube ich – die Philosophie. Dabei sollte man darauf achten, nicht alle Eier in ein Nest zu legen, sondern Geld in verschiedene Anlagen zu streuen. Auch kann regelmäßiges Sparen – zum Beispiel in Fondssparplänen, die bereits ab 25 Euro monatlich möglich sind – helfen, Risiken zu verringern. Und man sollte auch vorbereitet sein, wenn man zum Beispiel ungeplante berufliche oder familiäre Veränderungen haben sollte. Und auch eine eigene Wohnung ist erstmal immobil, nicht mobil – deswegen heißt es ja auch so. Es ist für viele ein Wunsch, aber es muss zur Lebensplanung passen. Jeder Mensch muss sich entscheiden: Was will ich?

Es wird weniger und später vererbt.

Nun ja, vielleicht sehen wir das etwas lockerer, weil wir im Wohlstand unserer Eltern aufgewachsen sind – den Erben des Wirtschaftswunders.

Das ist doch immer so. Als ich früher zur Uni gegangen bin, hieß es: „Ach, euch geht’s ja gut, ihr gehört zur Erbengeneration. Eure Eltern haben eine Menge aufgebaut, ihr erbt sehr viel.” Platt gesagt: Die Menschen werden im Durchschnitt immer älter – jedes Schicksal ist allerdings anders. Die Erben, die vor vielen Jahren noch 30 waren, sind heute vielleicht 60, weil die Eltern im Durchschnitt viel älter werden – was ja auch sehr schön ist. Aber dann besteht die „Gefahr”, dass ein Großteil des Erbes bereits verfrühstückt wurde, weil die Altersvorsorge nicht reichte. Es muss – was viele nicht glauben wollen – zur gesetzlichen Rente noch sehr viel mehr getan werden an privater Altersvorsorge. Wer nicht zusätzlich vorsorgt, riskiert Altersarmut. Oft zeigt sich: Es wird weniger vererbt. Und später vererbt.

Heutzutage sollte man also selbst mehr zurücklegen. Wenn man nicht bereit ist, gewisse Risiken einzugehen, kriegt man danach auch nicht viel mehr zurück. Also wenn ich jetzt so plakativ sein darf und mich nur auf die aktuellen Sparzinsen beziehe und diese hochrechne, dann könnte ich vereinfacht sagen: Auf dieser Basis kann es Hunderte von Jahren dauern, bis man sein Kapital verdoppelt hat. Und das ist früher bei manchen festverzinslichen Wertpapieren – in super Zeiten für Sparer – mal in zehn oder weniger Jahren geschehen.

Stichwort langfristig denken. Stichwort eher auch Aktienanlage.

Wie stellt sich die Finanzwirtschaft auf diese neuen Kundengruppe ein?

Ich glaube, es geht gar nicht allein um eine neue Kundengruppe, denn die Wünsche und Ziele der jungen Menschen haben sich ja gar nicht so verändert. Die Wege dorthin sind anders. Früher konnte man immer sagen: Leg das aufs Sparbuch. So konnte man bei 3 Prozent sein Kapital in 25 Jahren verdoppeln. Wenn es heute nur noch 0,1 Prozent sind, dann dauert das so lange, dass wir das nicht mehr erleben werden. 700 Jahe um genau zu sein. Deshalb muss man heute mehr ins Risiko gehen. Stichwort: langfristig denken! Stichwort: eher auch aktienorientierte Anlagen! Und dazu schaut man auch auf staatliche Fördermöglichkeiten. Für junge Menschen, die noch am Anfang ihres Berufslebens stehen und noch nicht so viel verdienen, kann es zum Beispiel vermögenswirksame Leistungen vom Arbeitgeber geben. Für den Einstieg in die private Altersvorsorge ist für viele die Riester-Rente interessant.

Klingt nicht sexy, vermögenswirksame Leistungen beziehe ich aber auch. Ein mindestens genauso angestaubtes Image haben Bausparverträge, oder?

Finanzprodukte sind unterm Strich furchtbar langweilig. Und wenn ich die aktuelle Zinslage sehe, würde ich Ihnen Recht geben. Doch diese ist nicht in Stein gemeißelt, zumal es erste Anzeichen dafür gibt, dass die Zinsen wieder steigen könnten. Ein Bausparvertrag ist eine Art „Zinssicherungsgeschäft des kleinen Mannes”. Sie sichern sich ein Zinsniveau für eine Baufinanzierung in der Zukunft – egal, wie dann der allgemeine Kapitalmarktzins sein wird. Und das wäre für mich ein Aspekt, mir ein Stück Sicherheit zu kaufen. Auch wenn ich weiß: Aktuell könnte ich es auf dem freien Markt vielleicht günstiger bekommen. Es ist eben ein Baustein zur Verwirklichung eines Immobilenwunsches. Denn ich gehe auch davon aus, dass die Zinsen nicht so niedrig bleiben werden, wie sie derzeit sind.

Mut und Risikobereitschaft sind der Schlüssel.

Studien besagen: Wir haben immer nur unseren unmittelbaren Finanzbedarf im Blick. Amerikaner in unserem Alter zum Beispiel geben angeblich sogar mehr Geld für Kaffee aus als sie in ihre Rente einzahlen. Droht uns ein böses Erwachen?

Es war bisher schon so, dass die Leute sich nicht allein auf ihre gesetzliche Rente verlassen, sondern zusätzlich gespart haben. Heute müssen sie persönlich noch viel, viel mehr tun, um ein finanzielles Ziel zu erreichen. Denn früher war es durch die hohen Zinssätze viel einfacher, ein Vermögen zu bilden. Es ist brutal, was mittlerweile Zins und Zinseszins bedeuten. Doch die Kehrseite ist zum Beispiel auch, dass das Eigenheim zwar teurer ist als früher, aber die Einkommen sind auch deutlich angestiegen. Sie brauchen sich wenig Sorgen machen, wenn Sie zwei Dinge im Hinterkopf behalten: Mut und bewusste Risikobereitschaft.

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