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Mit 22 noch Jungfrau: „Es hat mit Selbstschutz zu tun“

Ich bin 22 Jahre alt, Studentin, stehe quasi mit beiden Beinen mitten im Leben, habe viele Freunde um mich herum und Maße, die beinahe perfekt in das europäische Barbie-Idealbild passen. Ich bin extrovertiert und offen. Was ich damit sagen möchte ist, dass ich ein Mädchen wie jedes andere bin. Ich habe Freunde, ich gehe raus, ich lache und habe Spaß am Leben. Mir fehlt es an nichts und trotzdem fehlt es mir an etwas. Sex. Damit stoße ich immer wieder auf große Augen.

Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Gefühl, dass diese bewusste Keuschheit von anderen wie eine Krankheit angesehen wird. Gerade jetzt, beim Schreiben dieses Textes, fühlt es sich so an, als würde ich einen Ratgeber schreiben, wie man mit diesem Phänomen umgeht. Von Freunden werde ich bereits als „Einhorn“ betitelt, weil wohl Menschen, die über 20 sind und noch nie Sex hatten, so selten sind wie Einhörner.

Dabei höre ich von so vielen Menschen, dass sie eigentlich noch nicht bereit und zu jung waren für Sex. Und ich bin stolz auf mich selber, dass ich so stark war, nicht mit der Masse mitzugehen. Chancen hätte ich genügend gehabt, aber getan habe ich es nie. Warum, fragt ihr euch jetzt sicher, oder?

Erst einmal geküsst

Es hat viel mit der Persönlichkeit und Selbstschutz zu tun. Es ist nicht nur so, dass ich noch nie Sex hatte, ich hatte auch noch nie einen Freund und geküsst habe ich auch erst eine Person. Nicht, weil irgendeine Anziehung zwischen uns war, sondern eher aus reiner Verzweiflung. Ich hatte eine OP an meinen Zähnen vor mir und eine Zahnwurzel lag so ungünstig, dass ich vielleicht das Gefühl in meiner Lippe verlieren würde. Vorher wollte ich gerne noch wissen, wie es sich anfühlt, jemanden zu küssen.

Als ich die OP nicht weiter aufschieben konnte, stand da auf einmal dieser Kerl vor mir. Es war Sommer, sein letzter Tag an diesem Ort und ich ließ es auf mich zukommen. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass es nicht schön war, aber etwas hat für mich gefehlt.

Berührung wie ein Stromschlag

Ich nehme Reize viel intensiver wahr, als die Menschen um mich herum und verarbeite sie deutlich länger. Das liegt daran, dass ich zu den Hochsensiblen gehöre. Geräusche, aber auch Bewegungen und vor allem Berührungen nehme ich viel deutlicher wahr. Je nach Tagesstimmung fühlt sich eine Berührung manchmal schon wie ein Stromschlag an. Richtig unangenehm, dabei bin ich eigentlich super harmoniebedürftig. Ein echter Zwiespalt.

Hochsensibilität (manchmal auch Hochsensitivität, Hypersensibilität oder Überempfindlichkeit) beschreibt ein Phänomen, bei dem die Betroffenen Sinnesreize viel eingehender wahrnehmen, als der Durchschnitt der Bevölkerung. Weil die Forschungen in diesem Bereich noch am Anfang stehen, gibt es bisher noch keine anerkannte neurowissenschaftliche Definition.

Bis zu einem bestimmten Punkt bin ich sehr offen mit den Menschen. Aber nur wenig lernen mich wirklich komplett kennen, denn je mehr Mauern ich einreißen lasse, desto verletzlicher und angreifbarer bin ich. Ich habe Angst davor, wirklich verletzt zu werden.

Sex ist für mich vor allem ein Mix aus Vertrauen, sich fallen lassen und sich gegenseitig achten. Sex reißt für mich die letzte Mauer ein und lässt zwei Körper zu einem verschmelzen.  Mir ist bewusst, dass wir in keiner fluffigen, rosaroten Welt leben, aber trotzdem möchte ich denjenigen, mit dem ich einmal schlafe, kennen lernen, bevor wir uns einen Körper teilen, Und zwar richtig kennenlernen.

Den Passenden noch nicht gefunden

Ich möchte wissen, wie er tickt, wie er denkt, was er fühlt und was ihn ausmacht. Mich interessiert seine Stärke, seine Schwächen, sein Charakter. Und so einen Menschen, der mich bis in das letzte Detail fasziniert, habe ich bisher einfach noch nicht gefunden.

Sicher bin ich neugierig, wie Sex genau funktioniert oder wie man denn nun überhaupt einen Menschen küsst. Aber würde ich nicht auf einen dieser Menschen warten, bei denen die Connection stimmt, dann wäre ich nicht glücklich. Bei Freundinnen habe ich gesehen, dass es sonst sehr schmerzhaft werden kann, und darauf verzichte ich gerne.  Wenn mir Freundinnen von ihren Bettgeschichten erzählen, freue ich mich mit ihnen. Und wenn mal ein komischer Spruch kommt, kann ich auch zurück pfeffern. 😉

Er wird mir zeigen,  was ich verpasst habe

Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass ich erst auf einen Menschen warten werde, der mich fasziniert. Für mich steht die Persönlichkeit im Vordergrund und das Vertrauen –  nicht der körperliche Akt. Wenn alles passt, dann wird er dieses Fehlen an Erfahrung akzeptieren und mir die Welt zeigen, die ich bisher verpasst habe. Darauf vertraue ich einfach.

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