Foto: Janina Kück

Kriegsgeschichten: „Meine Oma hat dem Tod ins Auge geblickt“

2. Februar 1943. Ein psychologischer Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. Es geht um Stalingrad. Wenn die Stadt fällt, so das Kalkül von Nazi-Deutschland, fällt auch Stalin. Das weiß auch die Sowjetunion. Die Rote Armee mobilisiert ihre Kräfte und zwingt die deutschen Truppen an diesem Tag zur Kapitulation. Der Anfang vom Ende des Ostfeldzuges. Ein Tag, der Schicksale geschrieben hat. Schicksale, die auch die Menschen hier in der Region bis heute bewegt.

Jüngstes Gericht hat sie diese Zeit immer genannt“, berichtet Alla Ostropolska-Schulz aus Bremerhaven über die Erfahrungen ihrer Großmutter. Efrosinia Kolomyj war als Ukrainerin rund fünf Jahre im Kriegseinsatz, vier Monate davon im hart umkämpften Stalingrad.
„Einmal hat sie mir von einem Weg erzählt, auf dem sie nicht mehr laufen konnte, weil überall Leichen lagen.“ Diese Vorstellung jagt ihr noch immer Schrecken ein, sagt Enkelin Alla. „Wobei man sich die Ausmaße des Krieges sicherlich nicht mal ansatzweise vorstellen kann, wenn man nicht selbst betroffen ist.“

Als der Kampf um Stalingrad am 2. Februar 1943 endet und die Truppen der deutschen Wehrmacht kapitulieren, sind es letztlich fast eine Million Menschen, die dort ihr Leben ließen – erschossen, erfroren, verhungert. Für die deutschen Soldaten ist ihre Kapitulation ein Alptraum. Zu traumatisch ist die Vorstellung, in russische Kriegsgefangenschaft zu geraten. Draußen ist es kälter als minus 30 Grad. Aus heutiger Sicht ist ihre Kapitulation jedoch nicht nur ein Wendepunkt an der Ostfront, sie ist der Anfang vom Ende der Nazi-Herrschaft und des Kriegsterrors.

Kaffee, Eis und Kriegsgeschichten

Ich treffe mich mit Alla in Bremerhaven-Lehe. Sie hat dort eine Apotheke. Gebürtig kommt sie aus Kiew, zog aber 1999 nach Hamburg um, wo sie von Tiermedizin auf Pharmazie umsattelte. Das Wetter heute ist trüb, ein Regenschauer folgt auf den nächsten. „Gut, dass ich noch meine dicke Winterjacke anhabe“, begrüße ich sie. „So ist wenigstens mein Pullover trocken geblieben.“ Bei meinen Beinen sieht es leider anders aus.

Foto: Privat

Alla wirkt auf mich zugegeben ein bisschen wuselig, als sie beginnt, mir einen Kaffee zu machen. Sonst benutzt sie eigentlich nur Pads, sagt sie, aber in der Wohnung ihres Mannes gibt es nun mal nur die Maschine. Ratter, ratter. Immerhin läuft letztere jetzt. Allerdings kommt kein Kaffee raus. Alla hat den Deckel der Kanne vergessen. Der Kaffee läuft nicht richtig ab.

Ich folge Alla in den Wintergarten, wo der Regen ununterbrochen auf das gläserne Dach prasselt. Gemütlich ist es hier. „Ich hole uns noch schnell ein Eis“, sagt sie und verschwindet wieder. Fünf Minuten später kommt sie zurück, mit besagtem Eis, Himbeeren und Kaffee im Gepäck. Ich habe mich in der Zwischenzeit mit ihrem Kater Nero beschäftigt. Komisch finde ich, in so einer wohligen Umgebung über den Krieg zu sprechen. „Als ich noch ein Kind war“, erzählt Alla, „fand ich es am schlimmsten, dass meine Oma während des Krieges so wenig geschlafen hat. Das ging nicht in meinen kleinen Kopf. Nur auf Stühlen oder einfach auf dem kalten Boden hat sie geschlafen. Ohnmächtig ist sie vor Erschöpfung geworden, aber immer wieder rechtzeitig aufgewacht.“

Als Studentin in den Krieg

Efrosinia Kolomyj war Anfang 20, als sie über Umwege nach Stalingrad gelangte, um dort als medizinische Hilfskraft zu arbeiten, erzählt Alla und zeigt mir ein Foto von ihrer Oma. Das einzige, was sie hier in Bremerhaven habe, der Rest sei in der Ukraine bei ihrer Familie. „Wann genau das Foto entstanden ist, weiß ich nicht mehr. Aber es muss kurz vor ihrem Tod gewesen sein, 2009.“ Auf dem Foto trägt Efrosinia eine grüne Strickjacke mit all ihren Kriegsauszeichnungen. Orden über Orden. „In ihrer Panzerdivision in Stalingrad ist sie die erste gewesen, die ausgezeichnet wurde“, erzählt Alla,  „noch vor den Männern.“ Trotz der Orden fällt mein Blick zuerst auf Oma Efrosinias Augen. „Sie sah gütig aus“, erwidere ich spontan.

„Oma war noch Studentin als sie in Stalingrad war“, erzählt Alla. Aber es hätte nun mal keine andere Möglichkeit damals gegeben: „So viele waren schon gestorben und jeder der etwas machen konnte, musste helfen.“ Im Einsatz hätte ihre Oma vor einer bitteren Entscheidung gestanden, fährt Alla fort: „Eigentlich sollte sie sich um Amputationen von erfrorenen Gliedmaßen kümmern, aber das wollte sie nicht.“ Efrosinia leistete unter Beschuss Erste Hilfe und operierte schwer Verwundete in provisorischen Lazaretten.

„Sie wusste ganz genau, worauf sie sich einlässt. Spätestens als sie die Giftkapsel um den Hals binden musste, um nicht in Gefangenschaft zu geraten und dann auch noch selbst verwundet wurde. Aber sie hatte Mitleid. Und zwar mit allen“, sagt Alla. Sie scheint ihre Großmutter sehr zu bewundern. Das merke ich schnell. „Meine Oma hat im Krieg gesehen, dass wir alle Menschen sind. Deutsche, Russen – jeder besteht aus Fleisch und Blut.“ Auch wenn die Propaganda in ihrem Land etwas anderes über den Feind behauptete. „Natürlich war sie im Einsatz für ihr Land. Natürlich hat sie mit Russland gewonnen und ist später dafür ausgezeichnet worden.“ Aber das änderte ja nichts an ihrer Einstellung.

Krieg ist Krieg

Alle Ideologien sind verwerflich, findet Alla. Und das hätte ihre Oma auch so gesehen. „Nationalsozialismus, Sozialismus. Kommt alles auf’s Gleiche raus, Das konnte man ja in Stalingrad sehen.“ Leider gibt es in Osteuropa immer noch Menschen, berichtet sie, die Stalin verehren und diese Einstellung auch gegenüber Putin haben. Deswegen habe ihre Mutter übrigens auch Angst, mit der Geschichte von Oma Efrosinia an die Öffentlichkeit zu gehen: „Ich habe meiner Mutter erzählt, dass wir beide uns heute treffen. Sie war anfangs etwas unsicher“, berichtet Alla. Sie und ihre Familie seien wegen ihres jüdischen schon öfter in der Vergangenheit angefeindet worden. In Kiew und in Bremerhaven. „Ich möchte die Geschichte meiner Oma trotzdem erzählen. Weil ich stolz auf sie bin und weil sie mich geprägt hat.“

Ob Efrosinia später unter den Kriegserlebnissen gelitten hat, möchte ich von Alla wissen. „Nein, ganz im Gegenteil. Sie war ein fröhlicher und inspirierender Mensch, der dankbar war für die kleinen Dinge im Leben. Lachen, Vögel, Brot, Sonnenschein – für all das.“ Bis ins hohe Alter hat Efrosinia noch medizinische Hilfe geleistet, sagt Alla, und sich vor allem um Kinder gekümmert. „Oma hat im Privaten leider viele Rückschläge einstecken müssen. Die Ehe mit meinem Opa zum Beispiel. Er war sehr eifersüchtig und hat sie unterdrückt. Erfüllung hat sie in ihrer Arbeit gefunden. Denn sie war stolz darauf, dass sie so vielen Menschen helfen und manchen sogar das Leben retten konnte. Das hat auch mich bei meiner eigenen Berufswahl beeinflusst.“

 

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