Foto: Fenja Harms

#fuckcancer

Fenja macht gerade „Pause“ von ihrem bisherigen Leben. Wie lange genau, das weiß die 22-Jährige noch nicht. Wahrscheinlich ein Jahr, vielleicht auch ein bisschen länger, das muss man dann sehen. Was nach einem spaßigen Sabbatical klingt, ist todernst – im wahrsten Sinne des Wortes. Die erschreckende Diagnose kam kurz vor Weihnachten: Leukämie. Bis dahin hat Fenja ein ganz normales Leben geführt. Die gebürtige Wremerin geht gerne shoppen, ist für jeden Spaß zu haben und studiert „Medien und Information“ in Hamburg – eigentlich. Doch seit einigen Wochen ist das Krankenhaus in Bremen-Mitte ihr neues Zuhause. Gegen die Langeweile im Krankenhaus bloggt sie auf ihrer Internetseite „fenjaharms.com“. Mit ihren Beiträgen will sie anderen Betroffenen Mut machen.

Moin, Moin. Ich bin Fenja. Ein absolutes Küstenkind und komme direkt von der Nordsee. Wie alle kleinen Blogger-Mäuschen stehe ich auf Mode und Essen. Ich meine, wer tut das nicht?“ So stellt Fenja sich ihren Lesern vor. Das klingt erstmal nach einem ganz normalen Blog einer ganz normalen 22-Jährigen. Doch dann schreibt Fenja über Haarausfall, die Sehnsucht nach dem eigenen Bett und davon, wie schwer es ist, seine Familie und Freunde nicht in den Arm nehmen zu dürfen.

Es fing mit einer harmlosen Erkältung an und endete mit der Diagnose Blutkrebs. „Irgendwie wollte man das gar nicht realisieren, dass sie das wirklich hat. Aber irgendwann muss man das ja“, beschreibt Fenjas Freund Christopher seine Reaktion nach der erschreckenden Nachricht – die er übrigens per WhatsApp erhielt. Noch am selben Tag musste Fenja ins Krankenhaus. Das war wie ein Schlag ins Gesicht, schreibt sie auf ihrem Blog: „Jeder hat mal Pech, nun habe ich halt einfach mal richtig viel Pech gehabt. Und gerade ist es halt besonders Scheiße.“ Sieben Wochen lang bestimmten von da an Untersuchungen und die Chemotherapie ihren Alltag. Fenjas Besuch durfte ihr Zimmer meistens nur mit Mundschutz betreten und musste möglichst Abstand halten. Alles zu ihrem Schutz: „Bei der Chemo wird mein Immunsystem ziemlich heruntergefahren“, erklärt sie. Wenn sie sich mit irgendwelchen Viren anstecken würde, wäre das fatal für Fenja – es würde die ganze Therapie verzögern.

#nohairdontcare

Über 2000 Follower verfolgen Fenjas Weg auf Instagram. Auf dem „Schöne-Welt-Netzwerk“ zeigt sie die nackte Wahrheit: „Wenn ich mit meiner Krankheit schon in die Öffentlichkeit gehe, dann will ich auch die Realität zeigen und dazu gehört eben auch meine Glatze.“ Ohne Haare, aber stärker denn je – so präsentiert sich das hübsche Nordkind auf einem Foto zum Weltkrebstag. Schläuche hängen ihr aus dem Hals – ihr zentraler Venenkatheter. Darüber werden die Medikamente – „das Gift“, wie Fenja es nennt – direkt ins Blut gepumpt. „Krebs ist ein Arschloch!“ schreibt sie unter dem Post.

„Nach den ersten sechs Wochen im Krankenhaus ist mir die Decke auf den Kopf gefallen. Das war wirklich das Schwerste bisher. Da dachte ich die ganze Woche nur, ich will nach Hause, ich will nach Hause, ich will nach Hause, ich will hier nicht mehr sein, ich will nach Hause.“

#Heimat

Gerade genießt Fenja die Zeit mit ihrem Freund in Bremerhaven. Der Venenkatheter ist vorerst raus, am Hals bleibt eine Narbe zurück. „Zuhause fühle ich mich wie die alte Fenja, nicht wie die Kranke“. Nach feiern, so wie früher, ist ihr trotzdem nicht zumute. Fenja will einfach ganz normale Dinge machen: kochen, Serien schauen und spazieren gehen. Selbst den Geschirrspüler auszuräumen gibt ihr das Gefühl, ein ganz normales Leben zu führen – zumindest bis Anfang März. Dann zieht Fenja wieder zurück ins Krankenhaus, ihrem anderen, neuen Zuhause. Dort hat sie schon Weihnachten, Silvester und ihren eigenen Geburtstag verbracht. Und es werden dieses Jahr über noch viele Tage folgen. „Alle meine Freunde studieren oder arbeiten und ich kann gerade nichts machen“, sagt Fenja etwas bedrückt. Wie es nach ihrer Therapie weiter gehen soll, weiß sie daher schon ganz genau. Erstmal will sie ihr Studium abschließen und danach arbeiten. Und darin sind Christopher und Fenja sich einig: „Wir wollen zusammen in eine schöne Wohnung ziehen. Halt einfach ein ganz normales Leben führen.“

„Du scheiß Krankheit, du nimmst mir jetzt vielleicht ein Jahr weg, aber mehr auch nicht!“

„Warum ich?“ Fenja hatte bisher genug Zeit im Krankenhaus, um darüber nachzudenken. „Auf das ,Warum ich?‘ habe ich tatsächlich keine Antwort gefunden, denn die Form von Leukämie, die ich habe, die kann jeden treffen. Meine Ärztin hat einmal gesagt, das war eine Zelle in meinem Körper, die quasi durchgedreht ist und der sind dann ganz viele weitere Zellen gefolgt.“ Fenja verträgt die Chemo zum Glück gut. Klar, manchmal ist sie schlapp, da wird schon das Anziehen zur Herausforderung. Aber Fenjas Körper schlägt auf die Medikamente an. So gut, dass sie wahrscheinlich keine Stammzellenspende benötigt. Doch sie erlebt im Krankenhaus immer wieder mit, wie andere Leukämie-Erkrankte sehnlichst auf den passenden Stammzellenspender warten. Darum liegt ihr die Registrierung möglichst vieler Menschen in den Spenderdateien am Herzen.

Bald beginnt Fenjas dritter Chemoblock. Wie lange sie dieses Mal im Krankenhaus bleiben muss, ist noch unklar. Fenjas Familie, Christopher und ihre Freunde fahren also bald wieder regelmäßig nach Bremen. Die 22-Jährige war bisher keinen Tag mit ihrer Krankheit allein. Jeden Tag wurde Fenja im Krankenhaus besucht. Das hilft ihr, mit der Situation umzugehen und in die Zukunft zu blicken: „Mein größter Wunsch ist, dass wenn ich mit der Chemo durch bin, auch wirklich durch bin und nie wieder in meinem Leben mit der Krankheit zu tun habe.“