Foto: Carolin Brandes

Wenn Gefühle zeigen einer Gratwanderung gleicht

Wer kennt es nicht – Nach der anfänglichen Zeit des Kennenlernens stellt man fest: „Oh, die Person gegenüber finde ich ja gar nicht mal so schlecht.” Nun bloß nicht nervös werden und Druck aufbauen, denn mit Druck seitens einer interessierten Person, mit der man jedoch nicht zusammen ist, kann heutzutage kaum noch jemand umgehen. Man will sich schließlich alle Optionen offen halten und nicht eingeengt werden. Schon gar nicht am Anfang.

Also versuche ich cool zu bleiben, was mir natürlich in den seltensten Fällen gelingt. Meistens wird alles eher schlimmer, da ich verkrampft bin und mich total absurd verhalte. Vielleicht geht es euch da auch anders, weil ihr so viel Selbstbewusstsein besitzt, dass ihr siegessicher voranschreitet. Ich mutiere jedoch eher zu Raj aus „The Big Bang Theory” und kann kaum noch einen vernünftigen Satz herausbringen. Meine Gesichtszüge habe ich auch eher weniger unter Kontrolle. Meistens kommt sowas natürlich nicht wirklich gut an, da der Gegenüber nur denkt: Was stimmt bei der denn nicht?

Bitte keine Klischeesprüche mehr

Am Ende hat man den Karren wieder vor die Wand gefahren, steht da mit seinen unausgesprochenen Gefühlen. Denn wer mich kennt, weiß: Über Gefühle zu reden ist überhaupt nicht mein Ding. Ich überlege dann, wie ich es wieder zurecht biegen kann – aber eins vorweg: in den meisten Fällen gelingt es mir nicht. Aber Hollywood sagt uns ja, dass wenn man für etwas kämpft, man auch belohnt wird. Oder aber meine Freunde sagen: „Ach komm, du hast ja eh nichts mehr zu verlieren.” Solche Phrasen sind immer besonders aufmunternd, weil man weiß, auch sie glauben eigentlich nicht mehr daran, aber man sollte einfach alles auf eine Karte setzen. Die restlichen Klischeesprüche spare ich mir an dieser Stelle, da ich sie selbst einfach nicht mehr hören kann.

Wie dem auch sei – anstatt das einzig Richtige zu tun und den Kontakt abzubrechen, wenn man merkt, der Mann hat – nach einer sehr verrückten und intensiven gemeinsamen Zeit – anscheinend wirklich kein Interesse mehr, kam ich nicht umhin, dann doch noch einen Versuch zu starten. Immerhin hat man viel zusammen erlebt und sich dann doch immer mal wieder getroffen, argumentiere ich. Ich konnte einfach nicht glauben, dass bei ihm keine Gefühle mehr vorhanden waren. Zitternd habe ich also eine Nachricht verfasst, auf die ein fast zweistündiges Gespräch folgte. Da ich ihm jedoch noch nie – und generell auch erst ein einziges Mal in meinem Leben – gesagt habe, wie ich für ihn empfinde und mir das schon sehr lange auf dem Herzen lag, habe ich ihm meine noch vorhandenen Gefühle gestanden. Das Interessante nun: Wie hat er geantwortet? Man möchte meinen, es kommt eine wohlüberlegte Antwort, aber stattdessen erhielt ich ein: „cool”.

Maturity is learning to walk away from people and situations that threaten your peace of mind, self-respect, values, morals or self worth.

Da nimmt man seinen Mut zusammen, ist ehrlich und erhält nur ein einziges, nichtssagendes Wort als Antwort. Das dies als Abfuhr gemeint war, muss ich wohl kaum noch erläutern.

Hat man also wirklich nichts zu verlieren, wenn man offen und ehrlich ist? Vor allem nach diesem Erlebnis denke ich: doch. Zudem hat es mir jeglichen Mut genommen, erneut meine Gefühle aussprechen zu können. Insbesondere weil ich eh schon immer jemand war, der vermieden hat, darüber zu reden. Und nun wurde ich daran erinnert, wieso. Es ist nicht die Abfuhr an sich (die natürlich auch nicht schön ist), sondern die Art und Weise. Ich hätte damit rechnen können, denn da ich ihn gut genug kenne, weiß ich, dass er – sobald es um positive Dinge unsererseits geht – ausweicht. Für ihn ist das wahrscheinlich eine Form von Schwäche, die er vor mir nicht zeigen will – und nicht kann. Wir laufen ständig im Kreis, finden wieder den Kontakt zueinander. Stellen wieder und wieder fest, dass es nicht funktionieren kann und kommen dennoch nicht voneinander los. Aber manchmal muss man ein paar Mal  im Kreis laufen, um dann den endgültigen Weg hinaus zu finden – zu neuen und zu besseren Dingen. Dieser Weg ist mühselig und erfordert Zeit, aber er lohnt sich und ich bin froh, ihn beschritten zu haben.

Dieser Text wird nicht mit einem lösungsbringenden Ende aufwarten, da jeder das für sich selbst realisieren und entscheiden muss – basierend auf seiner Persönlichkeit und seinen Erlebnissen, die er bisher gemacht hat. Für mich hat sich gezeigt, dass „offen sein” eben nicht immer die beste Wahl ist und man doch etwas zu verlieren hat: sein Selbstvertrauen. Und wenn man es dadurch schützen kann, indem man sich mit überschwänglichen Gefühlsausbrüchen zurückhält, dann werde ich das in Zukunft so machen.

2 Comments

  1. Carolin

    Hallo Jan,

    Ich danke dir, dass du dir die Zeit genommen hast und so ausführlich auf meinen Text eingegangen bist. Ich muss sagen, ich stimme dir in vielen Punkten überein.
    Ich möchte mich auch gar nicht wie eine Schildkröte verkriechen und nichts mehr von der Umgebung mitbekommen, dafür bin ich einfach viel zu lebensfroh. Wenn der Richtige kommt, wird man mit Sicherheit auch locker und wieder wagemutig. Zumindest sollte es so sein, denke ich. Außerdem sollte man wohl nicht ständig mit der Einstellung herumlaufen, dass es sowieso nicht klappt und man deswegen nichts versuchen sollte (in jeglicher Hinsicht), da man sonst einen Stillstand in seinem eigenen Leben hat.

    Liebe Grüße!

  2. Jan

    Hallo liebe Carolin,

    erst einmal großen Respekt, dass du öffentlich in einem Artikel über deine Gefühle schreibst. Nicht jeder traut sich so offen damit umzugehen!
    Nun aber zum Inhaltlichen: Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass du nach diesem Erlebnis mit einem geliebten Menschen,
    welches du in deinem Artikel beschreibst, sehr große Enttäuschung darüber verspürt hast, dass du einmal Offenheit gezeigt hast und dieser Person gesagt hast
    was du für sie empfindest. Die lapidare Antwort „cool“ wurde deinen Gefühlen, verständlicherweise, nicht gerecht und nun flüchtest du dich in Verschlossenheit
    und Isolation. Diese Form der Schildkrötentaktik verhindert aber gerade eben das was ich mit Reife verbinde. Du hast ein Zitat gebracht:
    „Maturity is learning to walk away from people and situations that threaten your peace of mind, self-respect, values, morals or self worth.“
    Ich stimme mit diesem Zitat leider überhaupt nicht überein und das liegt nicht nur darin begründet, dass ich Zitate auf Englisch persönlich
    nicht sehr schätze. Reife (= maturity) ist für mich sich nicht von diesen Leuten zu entfernen, sondern gegenzuhalten. Dein Verstand und dein Selbstbewusstsein
    müssen einer Festung gleichen und kein Angreifer darf diese jemals für sich beanspruchen. Es geht hierbei nicht darum Kompromisse eingehen zu können, da eine
    Festung doch recht statisch ist, sondern vielmehr deine Werte, Vorstellungen und Träume sicher zu verwahren und dennoch ein Tor für diejenigen offen zu halten,
    denen du sehr am Herzen liegst (Familie, enge Freunde, etc.). Eine Schildkröte hingegen verkriecht sich in ihrem Haus, kriegt nichts mehr von seiner Umgebung mit
    und ist somit gegenüber der Umwelt total isoliert.
    Ich kenne niemanden, den solch ein statisches Denken jemals glücklich gemacht hätte. Wenn du offen bist, dann bist du angreifbar, ja! Das nimmt man aber in Kauf dafür, dass
    man irgendwann den/die Menschen findet, die einem etwas bedeuten. Und bis du den/diese Menschen gefunden hast, musst du deine innersten Überzeugungen verteidigen.
    Aber nicht starrsinnig, sondern mit einem gewissen Drang zur Kompromissbereitschaft. Und genau dieser Prozess, den du bis zu diesem Punkt auf dich nimmst,
    bedeutet für mich persönlich reifer werden.
    Du meintest du seist ein bisschen wie Raj aus „The Big Bang Theory“ (ich hoffe du benötigst nicht genauso wie er Alkohol, um mit Männern reden zu können ;)).
    Aber selbst Raj nimmt im Laufe der Serie eine Entwicklung in seiner Persönlichkeit vor und der Grund dafür ist, dass er Freunde hat, die ihn dabei unterstützen und mit denen
    er reden kann. Reden mit vertrauten Menschen ist eine äußerst hilfreiche Maßnahme, um sein Selbstvertrauen und -bewusstsein enorm zu stärken und bildet das Fundament, auf dem du deine
    uneinnehmbare Festung errichtest.

    Ich hoffe, dass du dich der Allgemeinheit nicht verschließt, sondern offen bleibst, denn dafür ist das Leben zu lang und auch zu schön 🙂

    Liebe Grüße,

    Jan

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