Foto: GrüneSH, Montage: Lena Gausmann

Warum, Robert, schießt Du den Vogel ab?

Es hat sich ausgezwitschert für den Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck. Nach dem jüngsten Daten-Skandal, bei dem ein Hacker geheime Daten von Politikern und Prominenten ins Netz gestellt hatte, hat Habeck beschlossen: Er macht Schluss mit Twitter und Facebook. Zu viel Hetze. Zu viel Schmutz. Und zu viele Lügen. Zu viel ist zu viel. Das ist verständlich. Denn die sozialen Netzwerke – und das ist nun wirklich eine Binsenweisheit – bieten durchgeknallten Spinnern, die sich nur in ihren eigenen Filterblasen bewegen, den perfekten Nährboden. Doch ist Resignation die richtige Strategie? Ich finde: nein. Habecks Entscheidung ist trotzig. Und unreif, ja fast kindisch. Denn wer das digitale Feld räumt, der kapituliert und macht es den Rechten und den anderen Spinnern im Netz nur noch einfacher.

Jeder Mensch macht mal Fehler. Das liegt in der Natur des Mensch-Seins. Auch Spitzenpolitiker sind davor nicht gefeit. Mit dem Unterschied, dass jeder ihrer Fehltritte in die Öffentlichkeit gelangt. Und diese Öffentlichkeit ist streng mit ihren Politikern. Mehr als streng.

Robert Habeck kann ein Lied davon singen. Er hat kürzlich einen Fehler gemacht. Einen sehr unschönen. Anfang Januar veröffentlichten die Thüringer Grünen ein Video bei Twitter. Darin sagt Habeck: „Wir versuchen, alles zu machen, damit Thüringen ein offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird.“ Der Aufschrei war groß. Zu Recht. Ein demokratisches Land?, fragten sich viele. Was, bitte, war Thüringen denn vorher? Etwa undemokratisch? Eine Diktatur? Mal abgesehen davon, dass Thüringen von einer rot-rot-grünen Koalition regiert wird.

Nicht sein erster Fehltritt

Was folgte, war ein Shitstorm. Und es war nicht der erste, den Habeck erleiden musste. Vor der Landtagsahl 2018 in Bayern hatte Habeck geschrieben: „Endlich gibt es wieder Demokratie in Bayern.“ Der Protest, der ihm entgegenschlug, war groß. Er sei missverstanden worden, ruderte Habeck zurück. Ein Missverständnis. Ein Fehler. Für den er sich entschuldigte. Das sei ihm im Eifer des Wahlkampf-Gefechts so rausgerutscht.

Nun also hat sich Habeck erneut vergaloppiert. Und ist erneut zurückgerudert. Auch beim Thüringer Video-Tweet habe er sich falsch ausgedrückt. Er wolle, dass Thüringen ein demokratisches Land „bleibe“. Und nicht „werde“. Und dann zog er die Konsequez: Schluss. Aus. Vorbei. Er meldet sich bei Twitter und Facebook ab. Flüchtet aus der digitalen Welt. Denn man dürfe einen Fehler nur einmal machen. Und dann wurden auch noch private Daten von ihm veröffentlicht. Das war einer zu viel.

Habeck hat einen Fehler gemacht

Ja, Habeck hat einen Fehler gemacht. Und hat diesen, unverständlicherweise, sogar wiederholt. Dafür muss er sich an die eigene Nase fassen. Als Politiker sollte ihm bewusst sein, dass Tausende Menschen das lesen, was er in die sozialen Netzwerke bläst. Er muss wissen, dass seine Worte auf die Goldwaage gelegt werden. Und was einmal im Netz ist, das bleibt im Netz. Hätte er sich das Video nicht noch einmal ansehen können, bevor er es in die Welt hinausschießt? Oder sein Social-Media-Team?

Habeck hat einen großen Fehler gemacht, ohne Zweifel. Doch die Konsequenz, die er aus seinem Verhalten zieht, ist der viel größere Fehler. Sein Rückzug aus den sozialen Netzwerken ist feige. Anstatt für seinen Fehler geradezustehen und seine Online-Kommunikation zu überdenken, zieht sich der Grünen-Vorsitzende lieber ganz zurück. Das Problem ist: Es gibt so viele Politiker, so viele Hetzer im Netz, die noch viel viel Schlimmeres bei Twitter, Facebook und Co. veröffentlichen. Unwahrheiten. Beleidigungen. Hetze gegen Geflüchtete und Andersdenkende. Und bei ihnen ist es, im Gegensatz zu Habeck, kein Missverständnis. Es ist ihre pure Absicht

Aufgeben ist keine Option

Diese schlimmen Menschen dürften sich nun genüsslich die Hände reiben. Denn nun gibt es einen Politiker weniger bei Twitter und Facebook, der ihnen Kontra geben könnte. Ja, es stimmt, die Hetzer im Netz sind stark. Und bisweilen auch gefährlich. Doch werden sie wirklich schwächer und weniger gefährlich, wenn wir ihnen das Feld überlassen? Mit Sicherheit nicht. Man kann nur hoffen, dass sich andere Politiker Habeck nicht zum Vorbild nehmen und es ihm gleich tun und die weiße Fahne hissen. Auch wenn der Wind mal rauher weht, die Widerstände groß sind: Aufgeben ist keine Option. Denn es braucht ein starkes, positives Gegengewicht zu all diesen Spinnern im Netz.

Und der Diskurs im Netz ist dieser Tage wichtiger als je zuvor. Viele junge Leute erreichen Politiker nur über die sozialen Netzwerke. Den digitalen Kommunikationsdraht kappen? Das geht im 21. Jahrhundert nicht so einfach. Müsste Robert Habeck eigentlich wissen. Müsste. Als Grüner müsste ihm auch das Wohl der Tiere am Herzen liegen. Jetzt hat er den blauen Vogel abgeschossen. Armer Vogel.