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Unter der Haut: Wir müssen unseren Körper nicht akzeptieren

Wir Frauen werden beurteilt. Und zwar ständig. Auf uns lastet der Druck perfekt zu sein – und zwar in allen Lebenslagen. In Zeiten von Instagram macht sich das besonders bei unseren Körpern bemerkbar: makellos, dellenfrei, straff und so weiter. Ist das nicht der Fall, gibt’s die öffentliche Klatsche. Vielleicht sogar die Klatsche von engen Bezugspersonen oder noch schlimmer: die Klatsche von uns selbst. Body Shaming-Alarm! Die Folge sind Gegenbewegungen, die unter dem Stichwort „Body Acceptance“ laufen: Immer mehr Frauen machen sich für ihre Geschlechtsgenossinnen stark und präsentieren sich mit all ihren „Fehlern“, in all ihrer Natürlichkeit. „Akzeptiert euch so, wie ihr seid“, lautet das Credo. Beim Wort „akzeptieren“ liegt meiner Meinung nach der Denkfehler. Eine Problematisierung des Begriffs muss her.

Neulich auf einem Gehweg in Bremerhaven: Es ist sonnig. Einer der ersten heißen Sommertage. Ich laufe zum nächstgelegenen Supermarkt, um mich mit Lebensmitteln zu versorgen, als ich plötzlich eine laute Männerstimme von hinten höre. Wie aus Reflex drehe ich mich um. „Der ist doch bescheuert“, ruft ein Mann auf einem Fahrrad. Scheinbar unterhält er sich mit seiner Freundin über eine dritte Person. Ihr Schäferhund trabt nebenher. Irgendwoher kenne ich den Mann. Genau! Zwei Stunden zuvor hatte ich das Trio schon mal gesehen – an der Geeste.  Er angelte und verbrachte die Wartezeit damit, in der prallen Sonne Liegestütze an einer Bank zu machen. Auf dem Gehweg merke ich nun, wie sein Blick an mir kleben bleibt, zuerst an meinem Gesicht, dann wandert er weiter nach unten zu meinem Rock. Unangenehmes Gefühl. Gute eineinhalb Meter weiter ruft er seiner Freundin wieder etwas zu. Wieder in der gewohnten Lautstärke: „Ey, hast du das gesehen? Die war noch richtig jung und hatte schon Cellulite. Aber richtig, ey.“

Body Shaming wie aus dem Lehrbuch. Gleichzeitig auch ein Beispiel dafür, wie es ist, als Frau durch die Straßen zu laufen und sich von anderen beurteilen lassen zu müssen. Unter „andere“ fallen übrigens nicht zwangsläufig Männer! Wobei ich das Gegenteil von Body Shaming – zugegeben – nur mit Männern erlebt habe. Laut angegraben und angefasst zu werden, meine ich. Oder so charmante Anfragen wie „Ficken?“ zu hören. Für mich läuft beides, Body Shaming und Anmache, auf dasselbe hinaus: Ich werde beurteilt, ich werde auf meinen Körper reduziert.

Janina = Zwei Beine mit Cellulite

Zurück zur jüngsten Begegnung: Ich war perplex, total perplex. Genau diese Stelle meines Körpers musste er runtermachen. Genau diese Stelle, mit der ich jahrelang innerlich gekämpft hatte, besonders in meinen frühen Zwanzigern. In mir herrschte schlagartig Gefühlschaos: Ich war traurig, gekränkt, beleidigt, verunsichert und vor allem wütend! Das schlimmste war der Prozess der Entfremdung, der hier stattfand: Hat der grad so über mich geredet? Hat dieser Typ mich, das Individuum Janina, mit all seinen Fähigkeiten und Stärken gerade zu „zwei Beinen mit Cellulite“ degradiert? Ich fühlte mich plötzlich, als ob ich eine Maske aufhätte, als ob ich gar nicht ich sei.

There is no perfection.

Dem Mann hinterher zu schreien, war einer meiner ersten Impulse. Da in seiner Stimme aber eine gewisse Aggressivität lag, verwarf ich den Gedanken schnell wieder. Ihm seine offensichtlichen, intellektuellen Defizite an den Kopf zu knallen, hätte mir ebenfalls nicht viel gebracht: Einerseits definiere ich Nächstenliebe anders, andererseits hatte ich keine Lust, mich mit ihm auf eine Stufe zu stellen: Body Shaming gegen Brain Shaming. Nein, danke.

Kurz danach unterhielt ich mich mit meinen Freundinnen: „Der ist es nicht wert“, sagte die eine. „Reg dich nicht auf“, ergänzte die andere. „Du musst dich akzeptieren, wie du bist. Er hat dich halt an deiner Schwachstelle getroffen. Deswegen reagierst du so empfindlich. Das sollte dir alles egal sein.“ Bei diesen Sätzen fingen meine Gedanken erst richtig an zu rattern: „Du musst dich so akzeptieren, wie du bist“. Der Mann hat „meine Schwachstelle“ getroffen. Auf einmal war ich mittendrin in der Diskussion um Body Acceptance.

Der Denkfehler

Zweifelsohne war der Ratschlag meiner Freundin gut gemeint, dennoch hat er mich aufgeregt. Genau wie die Body Acceptance-Bewegung: Akzeptieren. Was suggeriert dieses Wort eigentlich? Etwas Negatives, oder? Ich akzeptiere den Tod eines Verwandten und ich akzeptiere die Trennung von meinem Ex-Freund. Ich akzeptiere aber nicht, dass ich eventuell gerade 10.000 Euro im Lotto gewonnen habe und ich akzeptiere auch nicht, dass es meine neue Lieblingshose jetzt auch in einer anderen Farbe gibt.

Wieso sollte ich also meinen Körper „akzeptieren“? Meinen natürlichen Frauenkörper, der genetisch so veranlagt ist, dehnbar zu sein, um später einmal Kinder bekommen zu können. Entgegen der Meinung meines „Bekannten“ vom Gehweg, haben nämlich viele Frauen genau aufgrund dieser Tatsache Cellulite – und das auch schon in jungen Jahren.

Dass der Prozess des Akzeptierens überhaupt stattfindet, ist für mich falsch. Ein krankhafter Auswuchs unserer oberflächlichen und körperfixierten Gesellschaft. In dieser mangelnden Reflexion liegt für mich der Denkfehler von Body Acceptance: Unsere Sichtweise auf den Körper ist eine gesellschaftlich-konstruierte Sichtweise. Dass Dellen auf den Beinen eine Schwachstelle sein sollen, ist ebenfalls eine gesellschaftlich-konstruierte Sichtweise, ein gesellschaftliches Manko sozusagen. Und ich glaube nicht, dass das jedem bewusst ist. Leider.

Wir müssen nicht unseren Körper akzeptieren, wenn überhaupt, müssen wir akzeptieren, dass wir nicht in ein gesellschaftliches Schönheitsideal passen. Wir passen nicht in die Vorstellung von Perfektion. Perfektion gibt es allerdings nicht in unserer Welt.

Welchen Sinn macht es daher zu akzeptieren, dass ich nicht perfekt bin, obwohl es Perfektion in dieser Welt nicht gibt? Gar keinen, finde ich. Für mich wäre es daher auch das falsche Signal, jetzt nach außen hin zu kommunizieren, dass ich mich und meine Dellen „akzeptiert“ hätte.

Keinen Bock auf Dellenfotos

Wie „akzeptieren“, so hat auch das Wort „Manipulation“ einen negativen Beigeschmack. Es klingt wie „Gehirnwäsche“, noch schlimmer: wie „Verschwörungstheorie“. Allerdings trifft es für mich den Kern der Sache: Seit der Kindheit gibt uns die Gesellschaft vor, was richtig und was falsch ist, was abnorm und was normal ist, was schön und was unschön ist. Auch ich bin deswegen nicht frei von Unsicherheit. Jahrelange Gehirnwäsche einfach so wegzuspülen, ist schließlich kein leichtes Unterfangen, erweiterter Horizont und aufgeklärtere Sichtweise hin oder her.

Medien machen die Sache nicht besser. Insbesondere soziale Medien nicht, die normative Vorgaben aus meiner Sicht noch verstärken: Menschen beurteilen und beurteilen und beurteilen. Hier liegt für mich die inhärente Gefahr. Das gilt natürlich auch für das Selbstbild von Männern, das heutzutage ebenfalls stark durch normative Vorgaben geprägt ist: Sixpack, Clean Eating etc. Auch hier wächst der Druck.

 I am obsessed with becoming a woman

comfortable in her own Skin.

Soziale Medien sind auch der Ort, den viele Body Acceptance-Anhänger nutzen, um sich öffentlich für die Sache und den eigenen Körper stark zu machen. Dazu zählt auch das amerikanische Plus-Size Model Ashley Graham, das sich, jüngst mit kurzen Shorts bekleidet, auf einem Fahrrad ablichten ließ. Bildunterschrift: „Ein bisschen Cellulite hat noch nie jemanden geschadet.” Anfangs habe ich auch überlegt, ob ich diesen Artikel mit einem Bild von mir und natürlich von meinen Beinen anreichern möchte. Stichwort „Authentizität“. Aber warum sollte ich das machen? Erstens: Ich war noch nie der Mensch, der sich gerne freizügig präsentiert oder mit Absicht den Fokus auf sich gelenkt hat. Auch wenn ich meine Brüste zum Beispiel schön finde. (Hier taucht das gesellschaftliche Konstrukt von Schönheit wieder auf.) Zweitens: Warum muss ich mich beweisen? Wem muss ich etwas beweisen? Der Gesellschaft? Anderen Instagram-Usern? Ich denke nicht! Ich will keine Zustimmung dafür, dass meine Dellen „schön“ sind oder was auch immer.

I HAVE A DREAM

Obwohl es sich so anhört: Ich bin keine Gegnerin von Body Acceptance. Ganz im Gegenteil. Die Bewegung hat einen ernsten und gut gemeinten Kern. (Dass sie teilweise zum Trend verkommt, ist ein anderes Thema.) Meiner Meinung nach kann nicht genug darüber geredet und geschrieben werden, wie sehr Frauen unter Druck stehen und wie sehr unser gesellschaftliches Miteinander generell unter solch oberflächlichen Schönheitsidealen leidet. Sicherlich geht das auch nicht immer mit sanften Methoden. Ich könnte zum Beispiel gut verstehen, wenn jemand den Typen auf dem Gehweg als „Arschloch“ oder „Prolet“ bezeichnet hätte. Trotz alledem ist es mir wichtig, das Auge dafür zu schärfen, was hinter einem Wort wie „akzeptieren“ steckt. Wir sollten endlich verinnerlichen, dass hinter Schönheitsidealen nur gesellschaftliche Konstrukte stehen. Wir müssen unseren Körper also nicht akzeptieren!

Ich für meinen Teil träume von einer Welt, in der solche Artikel wie meiner nicht mehr nötig sind und in der es mehr um die Stimme und die Meinung geht, als um den Körper und das pseudo-perfekte Selfie.

One Comment

  1. Jess

    Ich kenne das gut -vorallem von weiblichen- Freundinnen in Hinsicht auf andere Frauen. “Wie kann die so rumlaufen?” “Also DAS würd ich an ihrer Stelle so nicht tragen.” etc.

    Auch ich erwische mich manchmal bei solchen Gedanken, weiß aber, dass es mit so vorschnellen Schlüssen nicht getan ist. Vll hat die Person lange darauf hingearbeitet in diese Shorts zu passen oder ist noch gerade dabei. Who am I to judge?!

    Für mich gehören viel mehr Ernährung und Bewegung/Sport zu einem gesunden Körper. Solange ich mich gut ernähre und ab und an was für meinen Körper tue, fühle ich mich auch mit ihm wohl und kann nur über komisch aussehende Dellen und Dehnungsstreifen lächeln. Mein Körper funktioniert. Meistens. Gut aussehen ist eben nicht seine Aufgabe. Zumal man es am Ende sowieso ausstrahlt, wenn man sich wohl fühlt.

    Diese Einstellung wünsche ich vielen, aber dieses Bild des “perfekten” Körpers ist leider tief verwurzelt in Jedermanns Köpfen – wurde es uns doch so sorgfältig und über viele Jahre eingepflanzt.

    Zu deiner Einstellung bzgl. des Akzeptierens, Janina:

    Ich finde nicht, dass es immer etwas Negatives sein muss. Viel mehr ist es wohl ein Kompromiss. Ich habe letztens ein Jobangebot akzeptiert und bin zufrieden damit. Klar, man könnte immer mehr kriegen, aber es ist gut so wie es ist.

    Auch auf den Körper übertragen sehe ich das so: Es könnte noch etwas besser sein, z. B. durch mehr Sport, aber es ist auch so schon ok. Nicht mehr akzeptabel wäre Über-/Untergewicht, so dass es gesundheitliche Risiken birgt.

    Aber ich verstehe deinen Punkt, wie oben angedeutet, nur zu gut und hoffe, dass Artikel wie dieser Leute mal kurz zum Nachdenken anregt und über ihre Blickweise reflektieren lässt.

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