Foto: Gemma Evans/Unsplash

Unter der Haut: Wenn die Eltern plötzlich alt werden

Ich habe nur ein lautes „Aua“ aus der Ferne gehört, als es passierte und mein Vater die kleine Steintreppe im Garten runtergefallen ist. Ich war zu Besuch bei meinen Eltern, stand gerade vorm Badezimmerspiegel. Es war schon das zweite Mal in dieser Woche, dass er das Gleichgewicht verloren hat und danach hingefallen ist, erzählte mir meine Mutter. Bis jetzt hat er sich dabei „nur“ die Knie aufgeschürft.

Bis jetzt. Wirklich beruhigen tut mich diese Aussage nicht. Mein Vater ist 72. Er hat seit Jahren Diabetes und ist nicht gerade das, was man als Vorbild im Umgang mit dieser Krankheit bezeichnen würde. Im Gegenteil. Nun sind auch noch seine Augen in Mitleidenschaft gezogen worden. Sogar so schlimm, dass er wohl bald nicht mehr Auto fahren kann. Die ersten Eingriffe beim Arzt haben nicht geholfen.

Bei meinem Vater kommen noch ein Hang zur Melancholie und zum Selbstmitleid hinzu. Zwei Eigenschaften, die ihm, aber auch meiner Mutter und mir das Leben nicht immer leicht gemacht haben. Jetzt bin ich 27. Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, und mich nicht gegen sie aufzulehnen. Immerhin konnte ich sie nicht ändern. Und das kann ich auch jetzt nicht.

Mein Vater bleibt mein Vater

Trotz all seiner schwierigen Eigenschaften ist mein Vater natürlich mein Vater. Mein Vater, den ich liebe und der mich liebt. Mit dem ich viele schöne Kindheitserinnerungen teile. Zum Beispiel wie wir gemeinsam Schlitten gefahren sind, wie wir Ausflüge nach Bremen gemacht haben und wie er mir immer etwas Schönes gezeichnet hat. Mein Vater kann sehr gut zeichnen.

Es tat mir unbeschreiblich leid, ihn am Boden liegen zu sehen. Seine Hose war dreckig und er war kurzzeitig benommen, durch den Schrecken und den harten Fall auf die Steine. „Kannst du mir helfen, Janina?“. Er streckte seine Hand nach mir aus.

Nichts steht still

Wahrscheinlich bin ich gerade in einer Phase, in der sich vieles verändert. Mein ganzes Leben ist in Bewegung: Ich heirate, ziehe um, suche mir nach dem Ende meiner Ausbildung einen neuen Job, richte mich für diesen sogar beruflich neu aus und habe mich im Zuge dieser ganzen Irrungen und Wirrungen sogar von meiner besten Freundin getrennt. Eine andere Geschichte. Nun muss ich auch noch hilflos dabei zusehen, wie meine Eltern, besonders mein Vater, plötzlich älter werden. Das Wort „plötzlich“ steht dabei in Anführungsstrichen. Schließlich werden wir selbst jede Sekunde unseres Lebens älter. Doch im Moment scheint diese Entwicklung besonders schnell zu gehen. Die Zeit scheint zu rasen und mir krasser denn je den Lauf des Lebens vor Augen zu führen.

Wie geht es jetzt mit meinem Vater weiter? Wie lange habe ich noch etwas von meinem Vater? Wird er seine Enkelkinder kennenlernen? Was kommt jetzt auf meine Mutter zu? In Anbetracht dieser neuen Fragen musste ich letztens bei einem Erlebnis im Bus weinen, das mich ziemlich konkret an sie erinnerte: Mir hatte zuerst eine alte Frau im Rollstuhl, schätzungsweise Ende 80 oder Anfang 90, mit ihrer Pflegerin gegenüber gesessen. Nachdem die beiden den Bus verlassen hatten, wurde ihr Platz durch eine junge Frau, vielleicht etwas älter als ich, mit einem Kinderwagen eingenommen. Ich sah auf einmal nicht mehr in die kristallblauen, aber schon mit einem Grauschleier verhangenen Augen einer 90-Jährigen, sondern in die eines lachenden Kleinkindes. Und das traf mich.

Kein endgültiges Fazit

Viel mehr kann ich zu meinen Gefühlen im Moment noch nicht sagen. Ich beobachte und beobachte und weiß nicht genau, wie ich mich richtig verhalten soll. Das einzige, was ich weiß ist, dass ich vor einem Umbruch stehe. Ein Umbruch, den ich erst kennenlernen muss, um besser mit ihm umgehen zu können.

 

You might also like...

Janina

Über Janina Kück

Hat zwei Herzen in ihrer Brust: Das einer kleinen Madame mit einem Faible für französische Mode - Ringelshirts, rote Lippen und Kurzhaarschnitte - und das eines RockʹnʹRoll-Girls, für das laute und wilde Konzerte genauso wichtig sind wie Sauerstoff. Ihre Liebe für Rotwein und Kaffee ist irgendwo dazwischen. Genauso wie ihre dunkle Leidenschaft für Pete Doherty. Janina hat NORDKIND mit ins Leben gerufen.

Schreibe einen Kommentar