Foto: Janina Kück

Unter der Haut: Sind Avocados die neuen Nippel?

Oft feministisch, noch öfter intim: In Ihrer Kolumne schreibt Janina über alle Themen, die ihr unter die Haut gehen. Heute geht es um den neusten Mode-Trend: Boob Shirts. 

Es ist die alte Credibility-Frage, die sich auch waschechte Punk-Musiker immer wieder anhören dürfen: Wie gut passen Authentizität und Vermarktung zusammen? Das heißt: Was bleibt von der eigentlichen Message über, wenn sie irgendwann zum billigen Merchandising-Produkten verkommt? Auch im Falle der sogenannten Boob Shirts lässt sich das nicht so einfach beantworten.

Wie die Avocado auf die T-Shirts kam

Auf Instagram werden weibliche Brustwarzen zensiert. Wie prüde und sexistisch das in Anbetracht manch anderer Fotos im Schöne-Welt-Netzwerk ist, muss ich nicht erwähnen. Porno-like die Beine spreizen ja, ästhetische Fotos vom weiblichen Körper nein. Wenn ich es mal so zugespitzt formulieren darf. Männliche Oberkörper zu zeigen, geht auf Instagram übrigens auch in Ordnung.

Viele User empfanden diese Unternehmens-Politik ebenfalls als diskriminierend und riefen unter dem Hashtag #freethenipples Männer und Frauen dazu auf, so viel Brust zu zeigen, wie sie möchten. Ein Zeichen für die Gleichberechtigung.

Good morning honeys 🍍🍍

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Um dieser Idee – im wahrsten Sinne des Wortes – Rechnung zu tragen und auf der aktuellen Feminismus-Welle in der Modewelt mitzureiten, entwarfen Label wie „Never Fully Dressed” im Anschluss die sogenannten Boob Shirts, oder auch Boob Tees, bei denen die Brust ganz einfach auf das T-Shirt gemalt ist.

Blogger stiegen mit ein und machten das Shirt damit zum It-Piece für Jedermann. Der übliche Kreislauf. Inzwischen gibt es die Shirts in vielen Online Shops und mit unterschiedlichen Motiven, beziehungsweise mit unterschiedlichen Brustwarzen-Ersatz-Motiven wie Avocados, Donuts oder Wassermelonen.

H&M: Der Anti-Feminist?

Und die Reaktionen? Haley Nahman von der Plattform Man Repeller zum Beispiel, gehört zu den Befürwortern des Trends. Sie argumentiert, dass Boob Shirts sich über die Objektivierung der Frau stellen würden: „Zum ersten Mal sind die Brüste abgetrennt von ihrer Besitzerin”, lobt Nahman. „Sie werden nicht im Kontext einer weiblichen Person hervorgehoben, sondern als ein körperloses Paar.“ Ein Befreiungsschlag für die Brust sozusagen. Weiter schreibt sie: „Der männliche Blick auf die Brüste fehlt hier so offensichtlich, so deutlich. Diese Brüste sind nicht gepusht, nicht total symmetrisch, keine gefetteten Objekte eines Sports Illustrated Covers.“

HIER GEHT ES LEIDER UM POSE, NICHT UM POSITION.

Da hat Nahman natürlich Recht. Die Motive auf den Shirts kommen frech und subtil daher. Wilde Moral-Keule? Fehlanzeige! Außerdem keine Spur von Perfektion. Damit schaffen es die Boob Shirts, uns auf zweierlei Weise die Idiotie hinter Instagram aufzuzeigen: Erstens, Nippel erlaubt. Zweitens, auch nicht-perfekte Nippel erlaubt. Aber dennoch bin ich skeptisch. Das war ich bereits, als H&M und Co. Shirts mit der Aufschrift „GRL PWR” oder „Femme Vibe” auf den Markt gebracht haben.

Mein Zwiespalt: Über Feminismus zu reden und ihn in unserer heutigen Welt, in der Sexismus oftmals subtiler, aber deswegen nicht weniger gefährlich daherkommt, wieder stärker ins Bewusstsein zu rufen, ist wichtig. Sehr wichtig sogar. Sonst würde ich selbst nicht so oft über feministische Themen schreiben. Aber ob es sinnvoll ist, Feminismus an 14-jährige Mädchen zu verkaufen (natürlich auch an andere), die bei H&M genauso zum hoch geschnittenen Crop Top greifen und der durch soziale Medien vorangetriebenen Sexualisierung der Frau dadurch (ungefiltert) nacheifern, bezweifle ich. Ich halte eine Kommerzialisierung dieses Gedankens daher sogar für kontraproduktiv, vor allem da der Einfluss von Instagram in der nächsten Zeit wohl nicht weniger, sondern eher mehr werden wird. Meiner Meinung nach geht es hier leider um Pose, nicht um Position.

Ein Funken Gleichberechtigung

Oder bin ich an dieser Stelle vielleicht zu pessimistisch, weil ich zu emotional in der Feminismus-Debatte drinstecke? In mir meldet sich auf einmal eine leise Stimme: Kann es sein, dass ich den Wald vor lauter Avocados nicht mehr sehe? Und meine Zweifel an 14-Jährigen zu groß sind? Sind sie vielleicht doch in der Lage, die Grenzen zwischen sexistisch und nicht-sexistisch zu erkennen? Mit ein wenig Unterstützung?

Wenn wir – mit „wir” meine ich die Gesellschaft – Glück haben, verhelfen uns die Boob Shirts ja doch irgendwann zu einem solchen Perspektivwechsel. Dass bei H&M die Kassen klingen, könnte ich dann sogar in Kauf nehmen. Aber auch nur dann.

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