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Unter der Haut: Geghostet von der besten Freundin

Nichtantworten ist das neue Nein. Als ich diesen Song letztens im Radio gehört habe, musste ich an meine beste Freundin denken. Beziehungsweise an meine ehemalige beste Freundin, die sich seit Wochen nicht mehr bei mir gemeldet und die seit Monaten nur noch auf Nachfrage reagiert hat. Ich wurde von ihr geghostet.

Es scheint „in“ zu sein, sich einfach nicht mehr zu melden, wenn es darum geht, eine partnerschaftliche oder eine freundschaftliche Beziehung zu beenden. Ohne Vorwarnung und ohne ersichtlichen Grund verschwinden Menschen aus dem Leben von anderen. Sie werden zum Geist, daher der neudeutsche Name für dieses Phänomen. Eine Studie aus dem vergangen Jahr fand sogar heraus, dass 80 Prozent unserer Millennial-Generation bereits einmal in ihrem Leben geghostet wurden. Der Rest ist wahrscheinlich nur davon gekommen, weil er selbst der Übeltäter war.

Eigentlich nichts neues

Meine beste Freundin war schon immer der Typ Mensch, der sich gerne aus schwierigen Situationen, besonders aus zwischenmenschlichen Konflikten, rauslaviert. Das wusste ich, das habe ich ihr aber nie gesagt. Mein Fehler.

Kennengelernt haben wir uns in der Schule, in der fünften Klasse. Eine verdammt lange Zeit. Nachdem wir am Anfang nicht besonders viel miteinander anfangen konnten, wurden wir Jahre später zu besten Freundinnen. Ich scheue mich nicht vor dieser zuckersüßen-Cliché-Beschreibung. Schließlich kannten wir die meisten unserer Geheimnisse, alle würde ich nicht sagen. Wir konnten stundenlang miteinander reden, ohne dass es langweilig wurde. Schweigen funktionierte genauso gut. Wir wussten Bescheid über unsere Ticks und Macken und konnten unsere Gefühle in bestimmten Lebenslagen immer ganz genau einschätzen oder schon im Vorfeld vorhersagen.

Zu Beginn meiner Uni-Zeit wurde es dann schwieriger mit uns und unserer „Beziehung“. Es begannen längere Phasen, in denen sie sich nicht meldete, sich später aber dafür entschuldigte. Ich sah darüber hinweg. Als ich in unsere Heimat zurückkehrte, war endlich alles wie früher. Gemeinsame Treffen, gemeinsame Ausflüge, gemeinsame Fernsehabende. Bis ich meinen jetzigen Verlobten kennenlernte. Ich fühlte, dass sich etwas Grundlegendes zwischen mir und meiner Freundin verändert hatte. Stärker als je zuvor. Unsere Leben hatten sich verändert.

Wenn es langsam leiser wird

Das kann eine Freundschaft überleben, redete ich mir ein, wenn sie so tief und langjährig wie unsere ist. Wohl naiv, wenn ich jetzt daran denke, dass auch Ehen geschieden werden, weil sich die Partner „auseinandergelebt“ haben. Ich wollte sogar noch, dass sie meine Trauzeugin wird. Sie meinte, sie freut sich.

Vor einiger Zeit war es jedoch soweit: die totale Funkstille. Das fiel auch meinen anderen zwei Freundinnen auf. Kein Kunststück, da wir zu viert eine Gruppen-Unterhaltung bei WhatsApp führten. Plötzlich wurden die Haken nicht mehr blau. Meine beste Freundin antwortete auch nicht auf Nachfragen außerhalb der Gruppe. Ich fragte sie ein letztes Mal und unter vier Augen, was los ist. Wieder Entschuldigungen und (vorgeschobene) Gründe: Erst war sie krank, dann der Uni-Stress und so weiter und so fort.

Ob sie sich wohl an Ostern melden wird, fragte ich mich und meine anderen Freundinnen. Eher nicht, lautete unsere Prognose. Ich musste den ganzen Tag über an sie denken. Auch als ich mit meinem Partner einen Spaziergang machte und wir uns am Ende ins Restaurant setzten, in einen Wintergarten. Die Aussicht nach draußen war frei. Ungefähr 15 Minuten vergingen und plötzlich sah ich sie. Meine beste Freundin. Sie war draußen, unterwegs mit einem Freund.

Sie lachte. Doch mir war anders zumute. Für einen kurzen Moment fühlte es sich so an, als ob jemand gestorben wäre. Sie war einfach weg. Und das war’s damit für mich. Wahrscheinlich ist sie irgendwie froh drüber. Wobei ich das wohl nie erfahren werde.

 

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