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Liebe auf Distanz – Zwischen Bahnhof, Skype und Urlaubsgefühlen

Fernbeziehungen sind scheiße! Darin sind sich wohl alle einig. Aber was ist, wenn man jemanden trifft, der so einzigartig toll ist, dass man nicht auf ihn verzichten möchte? Dann bleibt einem keine andere Wahl. Dann stürzt man sich trotz besseren Wissens in das emotionale Chaos.

Der Zug wird langsamer und langsamer und bleibt stehen. Die Räder quietschen schrill — dann herrscht Stille. Mit klopfendem Herzen warte ich auf das erlösende Zischen der Tür. Eine Hand am Koffer, eine auf dem Türöffner. Sekunden verstreichen. Dann blinken die langersehnten grünen Lämpchen auf, der Zug schnauft: die Tür öffnet sich. Ich hieve mein Gepäck über die Schwelle und sehe mich um. Am anderen Ende des Zugs kann ich ihn zwischen einer Gruppe Reisender erahnen. Ich renne los, der Rollkoffer humpelt hinter mir her. Endlich! Nach zwei Monaten fallen wir uns wieder in die Arme.

Als ich meinen Freund kennen lernte, ahnte ich noch nicht, wie schwierig die kommenden Jahre werden würden — aber wahrscheinlich hätte das eh nichts geändert. Wir waren beide spontan schockverliebt, als hätte man schon immer auf den anderen gewartet. Klingt kitschig – ist aber so. Rosarote Wolke, alles perfekt, Happy End — so einfach hätte es sein können. Wäre da nur nicht dieses klitzekleine Problem gewesen: 1.200 Kilometer. Er lebte in Bremerhaven, ich in Klagenfurt (Österreich).

Das erste Mal begegneten wir uns, als ich noch in Bremerhaven wohnte. Ein Paar wurden wir erst Monate später, nachdem ich nicht nur die Stadt, sondern sogar das Land verlassen hatte. Gutes Timing! Aber was soll man machen? Für uns war es keine Alternative, es sein zu lassen, also blieb nur die Option Fernbeziehung.

nähe trotz distanz

Anfangs war es gar nicht so schlimm. Immerhin gibt es Skype und wir waren bis obenhin mit Glücksgefühlen vollgestopft. Wir trafen uns so oft es möglich war, skypten die getrennten Nächte durch und schliefen neben unseren Laptops ein. Doch irgendwann machte nicht nur mein Laptop wegen Überhitzung schlapp, sondern auch unsere euphorische Zufriedenheit geriet ins Wanken. Der Wunsch nach wirklicher gemeinsamer Zeit wuchs mit unserer Beziehung. Wir wollten am Leben des anderen teilnehmen und nicht nur davon erzählt bekommen.

Manchmal wurde ich richtig wütend über unsere Situation. Ständig musste man sich entscheiden: Will ich zuhause sitzen und skypen, um wenigstens ein bisschen Nähe zu meinem Freund aufzubauen? Oder will ich rausgehen, mich mit Freunden treffen und am Leben teilnehmen? Ich wollte beides haben und musste ständig nein sagen — zu meinen Freunden und zu meinem Freund. Egal ob in Klagenfurt oder Bremerhaven, nirgendwo konnte man zu 100 Prozent im Hier und Jetzt sein.

die langzeit-urlaubs-beziehung

Am schönsten war natürlich die gemeinsame Zeit. Wir sind in den österreichischen Alpen gewandert, in den glasklaren Kärntner Seen geschwommen und haben uns die Haut von der heißen Süd-Sonne verbrennen lassen. Wir sind bei strömendem Regen mit dem Fahrrad über endlose Feldstraßen gefahren und durch das weite Watt der Nordsee gerannt — Wind in den Haaren, Schlick zwischen den Zehen und Salz in der Nase. Jedes Treffen war wie Urlaub und langweilig wurde es nie.

Doch nach den ersten glücklichen Momenten der Wiedervereinigung folgte unweigerlich der Gedanke an die nahende Trennung. Ab dem ersten Kuss am Bahnhof schlich sich Tag für Tag die harte Realität zurück ins Bewusstsein – bis es schließlich soweit war. Dann stand man wieder am Bahnhof – aber diesmal mit einem Gefühl dumpfer Verzweiflung in der Magengegend. Mindestens sechs Wochen, meistens deutlich länger, lagen zwischen unseren Treffen und ein Abschied fühlte sich nach „für immer“ an.
Wenn der Zug sich dann langsam in Bewegung setzte und ich durch die schmutzige Fensterscheibe beobachtete, wie der winkende Mann auf dem Bahnsteig immer kleiner wurde, dann begann unweigerlich Philipp Poisels Stimme in meinem Kopf zu singen:

Wie sieht der Himmel aus, der jetzt über dir steht? Dort wo die Sonne, im Sommer nicht untergeht. Wo fängt dein Himmel an und wo hört er auf? Wenn er weit genug reicht, macht dann das Meer
zwischen uns nichts mehr aus?
Du fehlst mir, oh du fehlst mir.

(„Wo fängt dein Himmel an“, Philipp Poisel)

Heute durchleiden wir solche dramatischen Abschiedsszenen nicht mehr, denn wir leben zusammen in Bremerhaven. Manchmal, wenn ich daran zurückdenke, frage ich mich, wie wir das fast drei Jahre lang überstanden haben. Wahrscheinlich war es ein bisschen leichter für uns als für Paare, die erst im Laufe ihrer Beziehung auseinander ziehen müssen — wir kannten es immerhin nicht anders. Aber ich mag den Gedanken, dass unsere Liebe einfach stark genug war.