Foto: Radio Bremen/Christine Schröder

Dieser Tatort aus Bremen legt den Finger in die Wunde

Ein Rentner, der seine Frau erstickt. Eine Tochter, die sich bei der Pflege ihrer dementen Mutter völlig auslaugt. Und ein Ehemann, der seine im Wachkoma liegende Frau begleitet und daran verzweifelt. Diese Mischung ist explosiv, hochemotional und politisch aufgeladen. Der Bremer Tatort „Im toten Winkel“ wirft einen Blick hinter die Kulissen der häuslichen Pflege.  Die Kommissare Lürsen und Stedefreund werden in ihrem drittletzten Fall mit einem gesellschaftlichen Tabuthema konfrontiert. 90 Minuten, die unter die Haut gehen. Ganz tief.

Horst Claasen will nicht mehr. Es muss aufhören. Sofort. Nicht morgen, nicht übermorgen. Hier und jetzt. Der Rentner nimmt ein Kissen und presst es seiner schlafenden Frau ins Gesicht. Sie rudert mit den Amen, schlägt um sich. Der Stoff verschluckt ihre Schreie und nimmt ihr den Atem. Dann Stille. Die Demenzkranke ist tot, erstickt von ihrem eigenen Mann, der sie aufopferungsvoll gepflegt hat – bis zuletzt.

„Wie verzweifelt muss man sein?!“

Als Susanne Schur die Szene im Fernseher sieht, platzt es aus ihr heraus: „Wie verzweifelt muss man sein?!“ Die 53-jährige Bremerhavenerin weiß genau, wie belastend häusliche Pflege für Angehörige sein kann. Sie selbst hat ihren Vater gepflegt. Vor rund zehn Jahren hat sie die Selbsthilfegruppe „Angehörige pflegen“ gegründet. Hier tauschen sich Betroffene aus und laden von Zeit zu Zeit Experten zu Themen wie Demenz ein. „Die Gruppe bekommt großen Zuspruch“, berichtet Susanne Schur. „Wir haben aktuell einen Kern von sechs, sieben Leuten, die sich regelmäßig treffen.“

Im Film erleben die Kommissare Angehörige, die sich in der Pflege ihrer Liebsten aufopfern und dabei völlig überfordert sind. Und sie erleben Verzweiflung, tiefe Verzweiflung. „Das Heftige an diesem ,Tatort“, sagt Susanne Schur, „sind die vielen unterschiedlichen Schicksale. Das nimmt einen mit.“ Da ist der Rentner Horst Claasen, der seine Frau ermordet. Da ist Oliver Lessmann, der sich zu Hause um seine im Wachkoma liegende Ehefrau kümmert. Und Akke Janssen, die seit vier Jahren ihre demenzkranke Mutter pflegt und daran verzweifelt. Natürlich ist das nur ein Film. Doch die Realität sei davon gar nicht weit entfernt, findet Susanne Schur.

Die Einsamkeit ist allgegenwärtig

Für die Pflegeexpertin erfüllt der „Tatort“ eine wichtige Funktion: „Er zeigt, was die Angehörigen Tag für Tag leisten. Und wie einsam pflegende Angehörige häufig sind.“ Die Einsamkeit zieht sich wie ein roter Faden durch den Krimi. Sie ist allgegenwärtig. Sie frisst die Angehörigen förmlich auf und raubt ihnen alle Kraft. „Das ist das Schlimmste – dass viele keinen zum Reden haben und mit ihren Sorgen alleine sind“, sagt Susanne Schur. Wie Akke Janssen, eine der pflegenden Angehörigen im Film. In einer Szene kauert sie vor dem Bett ihrer Mutter, vergräbt das Gesicht in den Händen und fleht: „Wann stirbst du endlich, Mama?!“

Der Film führt in Abgründe. Das Publikum beobachtet die Angehörigen und sieht, wie sie aus Verzweiflung die Hand gegen ihre Verwandten erheben. All das hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Der „Tatort“ wirft auch die Frage auf, warum die Pflegekasse für stationäre Pflege viel mehr zahlt als für häusliche Pflege, teilweise mehr als das Doppelte. „Wir haben uns das Leben einfach nicht mehr leisten können“, sagt Horst Claasen, der Rentner, der zum Mörder seiner Frau wurde.

„Die Politik muss sich mehr für die Älteren interessieren“

„Es stimmt“, sagt Susanne Schur. „Man müsste pflegende Angehörige finanziell viel besser unterstützen. Viele geben wegen der Pflege ihre Berufstätigkeit auf, haben aber keinen finanziellen Ausgleich.“ Das Problem sei die fehlende Wertschätzung häuslicher Pflege. „Die Politik muss sich mehr für die Älteren interessieren.“ Mittlerweile, gibt die Pflegeexpertin zu, sei sie ein Stück weit desillusioniert. „In zehn Jahren werden wir hier sitzen und keinen Schritt weiter sein.“

Die gesellschaftliche Relevanz des Themas leuchtet ein: Drei Viertel aller Pflegefälle in Deutschland werden zu Hause gepflegt. Im Land Bremen gibt es insgesamt 24.787 Pflegebedürftige (Stand: Ende Dezember 2015). Knapp 75 Prozent davon werden zu Hause versorgt.

Tatort setzt ein Zeichen

Susanne Schur ist sicher: Der „Tatort“ setzt ein wichtiges Zeichen, schafft Aufmerksamkeit. „Ich hoffe, er rüttelt die Menschen auf. Und wer weiß: Vielleicht geht dann der ein oder andere mal rüber zu seinem pflegebedürftigen Nachbarn und hilft, geht einkaufen, ist für ihn da.“ Noch jedenfalls scheint das Thema häusliche Pflege im toten Winkel unserer Gesellschaft zu liegen.

Der Tatort „Im toten Winkel“ ist bis zum 10. April 2018 in der ARD-Mediathek zu sehen.

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