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5 Songs, die mein Leben verändert haben

Fünf Songs auszuwählen, die das eigene Leben geprägt haben, und die es immer noch prägen, ist verdammt schwer. Vor allem für eine Musikverrückte wie mich. Viel zu viele Möglichkeiten. 50 wären mir lieber als 5. Auswählen zwingt außerdem zum Reflektieren: Welcher Song war wirklich wichtig für mich, für mein Leben? Was habe ich überhaupt erlebt? Was hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin? Spannende Fragen. Hier meine Antworten.

Ich war noch nie besonders religiös, geschweige denn bibelfest. Ich glaube an Liebe und an christliche Werte wie Nächstenliebe und Demut, um im Vokabular der großen Weltregionen zu bleiben. Was meinen persönlichen Glauben angeht, der mir im Alltag hilft und mich in meinem Tun bestärkt, glaube ich an den Rock’n’Roll: Ich glaube an den Menschen. Ich glaube an den Menschen, der über sein Leben singt. Ich glaube an Hingabe, Leidenschaft und Kreativität. Ich glaube an die Freiheit so zu sein, wie man ist.

„Good Riddance” – Green Day

Meine Liebe zu Green Day geht unter die Haut – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe den Schriftzug „Good Riddance” nämlich als Tattoo auf meinem Nacken verewigen lassen. Das war damals: Damals, zur Zeit meines Bachelorstudiums. Damals, als mich viele private Schicksalsschläge getroffen haben. Damals, als viele Kommilitonen ihre Studienzeit genossen haben und ich heulend in der Ecke gehockt habe. Damals, als ich deswegen oft Panikattacken bekommen habe. Damals, als ich endgültig erwachsen werden musste. Mir das Tattoo stechen zu lassen, hatte eine kathartische Wirkung:

„Another turning point
a fork stuck in the road.
Time grabs you by the wrist
directs you where to go.
So make the best of this test and don’t ask why.
It’s not a question, but a lesson learnted in time.
It’s something unpredictable
but in the end ist right.
I hope you had the time of your life.”

Green Day waren meine erste große Liebe. Frontmann Billie Joe Armstrong hat mir durch seine Musik gezeigt, was Hingabe und Leidenschaft bedeuten. Ohne ihn wäre ich sicherlich nicht hier, wo ich jetzt gerade bin. Den Song „Good Riddance” hat er in jungen Jahren geschrieben. Ein bittersüßes Trennungslied für seine Ex-Freundin. Gleichzeitig ein Lied, mit einer bedeutenden Message: „Egal was passiert, frag nicht nach der Ursache, sondern mach das Beste daraus. Was passiert ist und was du getan hast, war die ganze Zeit etwas wert. Und das wird es auch danach immer sein.” Mein Lebensmotto.

„You can’t always get what you want” – The Rolling Stones

Gewisse Dinge lernt man erst später im Leben – zum Beispiel, dass Märchen eben nur Märchen sind und nichts mit der Realität zu tun zu haben. Dass Wünsche, die man sich früher in den prächtigsten Farben ausgemalt hat, einfach nicht erfüllt werden – egal, wie viel Ehrgeiz, Energie und Leidenschaft man in den jeweiligen Wunsch investiert hat. Manchmal stimmen die Umstände im Leben einfach nicht.

Die Einsicht, dass sich das Leben nicht kontrollieren lässt, kann frustrierend sein. Vor allem dann, wenn man von Haus aus ein sehr idealistischer und ehrgeiziger Mensch ist. Dann ist diese Einsicht sogar sehr frustrierend. Beides, Hilfestellung und Hoffnungsschimmer, findet sich bei keinen geringeren als den weisen Rolling Stones:

„You can‘t always get what you want.
But if you try sometimes well you might find.
You get what you need.”

„Basket Case” – Green Day

Ich wurde mal gefragt, welcher Song mich am besten beschreibt. Meine Antwort: „Traurig, aber wahr. Ganz eindeutig ‚Basket Case’ von Green Day.“ Der Song, der in den 90ern aus kleinen Punk-Gören aus San Francisco internationale Superstars machte. Armstrong verarbeitet darin seine eigenen Probleme mit Angst und Panikattacken:

„I am one of those melodramatic fools.
Neurotic to the bone, no doubt about it.
Sometimes I give myself the creeps.
Sometimes my mind plays tricks on me.
It all keeps adding up, I Think I‘m cracking up.
Am I just paranoid? Am I just stoned.” 

Gedanken, die mir alle nicht fremd sind. Bis auf den Teil mit dem „stoned” vielleicht. Feinfühligkeit und Intelligenz sind eine gute Grundlage dafür, zu viel über Dinge, Ereignisse, Beziehungen, whatever nachzudenken und sich in die eigenen Denkprozesse reinzusteigern. Sich soweit reinzusteigern, bis man es tatsächlich mit chronischer Angst und ausgewachsenen Panikattacken zu tun bekommt.

Ich liebe Green Day vor allem aus dem Grunde, weil ich mich mit Billie Joe identifizieren kann – mit seinen Gefühlen und seinem Gedankengut. Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude.

„Dead Inside” – Muse

Als „Dead Inside”, beziehungsweise das Album „Drones”, veröffentlicht wurde (2015), ist mir schlagartig ein Licht aufgegangen: Zur gleichen Zeit habe ich eine richtig üble Liebesgeschichte mit einem Mann erlebt. Vorher wusste ich nicht, wie intensiv Liebe sein kann, in jeglicher Hinsicht. Warum hat mich dieser Mensch so behandelt? Warum nur? Im Anschluss habe ich sogar psychologische Texte gelesen. Meine Diagnose: Ambivalenz. Fixierung auf eigene Bedürfnisse, infantiler Entwicklungsstand auf der Gefühlsebene. So etwas dachte ich mir schon vorher. Mit ihm umzugehen, war nie wirklich einfach gewesen. Das war also die rationale Bestätigung für das, was ich geahnt hatte. Aber eben nur die rationale. Viel besser ging es mir dadurch nicht – zumindest nicht, bis ich auch die emotionale Erklärung erhalten habe:

„Dead Inside.
Reverve a million prayers.
And draw me into your holiness.
But there‘s nothing there.
Light only shines from those who share.
Unleash a million drones.
And confine me then erase me babe.
Do you have no soul?
It’s like it died long ago.”

Viele Menschen sind nicht in der Lage, zu lieben. Retrospektiv betrachtet, lässt sich der Großteil negativer Erfahrungen mit Mitmenschen unter dieser Feststellung zusammenfassen – auch wenn es selbstgefällig klingt. Mir egal. Ich für meinen Teil weiß das Gute dadurch jetzt noch mehr zu schätzen. Das Gute, was nur Sinn neben dem Schlechten macht.

„Summer Wine” – Lana Del Rey

Ich weiß, ich weiß. „Summer Wine” ist ein uraltes Lied aus den 60ern. Geschrieben von Lee Hazlewood, aufgenommen und veröffentlicht im Duett mit Nancy Sinatra. Außerdem sind Cover nicht immer eine kluge Idee – aber die Version von Lana Del Rey und ihrem damaligen Freund Barry O’ Neill (Kassidy), ist einfach nur Erotik pur. Für mich der Inbegriff von Sinnlichkeit.

Zugegeben, ich war immer skeptisch gegenüber Lana: Divenhaft-amerikanische Inszenierung sowie Romantisierung von Schmerz und Vergänglichkeit. Das war mir alles ein bisschen zu gewollt. Aber was soll ich tun? Bei „Summer Wine” hatte sie mich auf einmal: Lanas Stimme klingt wie ein süßer Nebel, ein sanftes Versprechen auf Glück, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Sie ist das Licht, ich bin die Motte:

„When I woke up the sun was shinig in my eyes.
My silver spurs were gone my head felt twice it´s size.
She took my silver spurs a dollar and A dime
and Left my cravin’ for more summer wine
oh-oh summer wine.”

Die Stimmung hat etwas von einem Vanitas-Stillleben: Einen Hauch von Vergänglichkeit, wie eine in voller Blüte stehende Rose, die dafür bestimmt ist, bald zu welken. Wie ein überreifer Pfirsich, dessen Saft mir beim Essen langsam über die Lippen läuft. Mehr Sex geht nicht. Ich liebes es, dieses Lied unter der Dusche zu hören. Manchmal auch bei anderen Anlässen.

5 Songs, 1 Leben

Im Grunde sind alle Songs, die ich ausgesucht habe, relativ schwer von ihrem Gedankengut her. Der letzte vielleicht weniger, wobei ich auch hier nicht unbedingt von Leichtigkeit sprechen würde, was die Aussageabsicht angeht. Bin ich also ein schwermütiger Mensch? Nein, das würde ich nicht sagen. Ich denke nur viel und habe in jungen Jahren schon so einiges erlebt. Meine Sichtweise auf das Leben hat sich dadurch verständlicherweise auch geändert. Die 5 Songs spiegeln das teilweise wieder.

Sich gut mit schweren Themen auszukennen, ist nicht gerade einfach, aber auch nicht besonders schlimm. Wie gesagt, ich weiß vieles mehr zu schätzen als früher. Ich bin mir außerdem darüber im Klaren, wie wichtig es ist, das eigene Leben zu genießen und so zu sein, wie man wirklich ist. In diesem Sinne: Rock’n’Roll.

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