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Und alles wegen eines blöden Cheeseburgers

Ich liebe Cheeseburger, am liebsten mit einem knusprigen Chicken-Filet und so viel Cheddar, dass der Käse an der Seite rausläuft. Dazu Joppiesauce mit frischem Salat und ein getoastetes Burgerbrötchen. Salzige Pommes gehören für mich zu jedem, wirklich jedem Burger dazu. Wie gerne hätte ich dieses Menü bestellt und wäre danach vollgefressen nach Hause gefahren. Leider war mir das nicht vergönnt.

Samstag, 19:39 Uhr. Rebecka und ich planen einen Kurztrip nach Oyten.  Nur eben einen Burger bei Daisys Diner essen und ein bisschen Zeit zusammen verbringen, anstatt alleine nach guten Serien auf Netflix zu suchen. Wer fährt? Wer reserviert den Tisch? Wann soll’s losgehen? Alles geplant, also setze ich mich in meinen heißgeliebten 3er BMW, für den ich schon den ein oder anderen klischeebehafteten Spruch abbekommen habe. Nichtsdestotrotz haben wir uns immer aufeinander verlassen können, teilen die Liebe fürs schnelle Fahren und hassen es, lange irgendwo zu stehen.

Dass alles eine ganz andere Wendung nimmt, ich kurzzeitig heule wie ein Schlosshund und meine Mama gütigerweise nachts um 2 Uhr noch losfährt, um Taxi zu spielen, ahnte ich da noch nicht.

Rettungsgasse? Die wird einfach ignoriert

Bei meiner Freundin angekommen, dirigiert sie mich erst in Richtung Tankstelle, dann zur Autobahn. Ankunft laut Navi: genau pünktlich zur reservierten Zeit. Auf dem Weg sehen wir auf den Anzeigetafeln bereits die Info „Unfall“ aufleuchten, hören im Radio allerdings auch direkt, dass man wohl nicht weiträumig umfahren müsste. Die Strecke nach Oyten kenne ich nicht, daher folgen wir weiter den Anweisungen des vertrauenswürdigen Navis. Kurz nach der letzten Ausfahrt vor Oyten sehen wir dann das Stauende. „Fahr mal nach links, rechts stehen die schon so weit nach hinten“, also ordnen wir uns ganz links auf der Überholspur so ein, damit die Rettungsgasse auch breit genug ist. Da keinerlei Bewegung im Stau zu sehen ist, schalte ich den Motor ab und wir ärgern uns ein paar Minuten über diejenigen Autofahrer, die entweder die Rettungsgasse komplett ignorieren und sich versuchen, darüber nach vorne zu drängeln, oder über Fahrer, die am Handy spielen.

Kurz darauf der Schock: „Jack, Dein Auto brennt!“ Ein kurzer Blick zur Motorhaube und ich sehe Rauch aufsteigen. Allerdings weißer, kein schwarzer Rauch, ich bin mir also relativ schnell sicher, dass nichts brennt, sondern der Kühler ein Problem hat. Ich öffne die Haube und meine Vermutung bestätigt sich – ein Riss im Kühlerschlauch, durch den das Wasser bis auf den letzten Tropfen rausspritzt.

Endlich: Hilfe ist unterwegs

Nach all der Zeit sollte mein Auto mich also doch tatsächlich kurzfristig und völlig unerwartet im Stich lassen – mitten im Stau auf einer unbekannten Strecke auf der Überholspur. Sämtliche Versuche, den Wagen irgendwie nach rechts auf den Standstreifen zu bekommen, scheitern. Keinen interessiert hier die Bergung meines Autos, keiner hält und bietet Hilfe an, stattdessen ein genervter Blick nach dem anderen. Glaubt mir, ich wäre zu dem Zeitpunkt auch viel lieber irgendwo anders gewesen und hätte Euch nicht im Weg gestanden. Nach einigen verzweifelten Versuchen, den ADAC zu erreichen, endlich die Erleichterung: Hilfe ist unterwegs.

Ich beobachte in sicherer Entfernung hinter der Leitplanke, es dämmert bereits, wie die Autos mit Millimeter-Abstand an meinem Auto und der Pfütze unter ihm vorbeiziehen, wie die Leute nach dem Grund dafür suchen, wieso sie erst einem Warndreieck und dann einem grünen BMW mit geöffneter Motorhaube ausweichen müssen. Ich bin ein absolutes Nervenbündel und habe ein schlechtes Gewissen meinem Wagen gegenüber. Habe Angst, weil ich Rebecka und mich in eine gefährliche Situation gebracht habe und fühle mich alleine.

Unsicherheit und Angst

Niemand fühlt sich gerne unsicher. In gefährlichen Situationen fühlt sich auch niemand gerne alleine. Egoismus mag in manchen Fällen vielleicht angebracht sein, aber wenn für hilflose Personen Unsicherheit und Angst aufeinandertreffen, darf man gerne Verständnis zeigen und versuchen, die Situation zum Besseren zu wandeln. Ich bin nervös, wie der Abend ausgeht. Das Gefühl, dass meinem Auto vielleicht noch mehr passieren könnte als nur diese Panne, lässt mich einfach nicht los. An meinen riesigen Hunger oder unsere eigentliche Abendplanung denke ich schon lange nicht mehr und habe innerlich das Restaurant bereits tausendfach verflucht. Und Cheeseburger noch dazu.

Zu unserem Pech haben wir weder dicke Jacken noch Decken dabei. Und dann fängt es auch noch an zu regnen. Nicht nur Nieselregen, sondern richtig durchnässender Regen. Der Stau löst sich langsam auf und die Autofahrer geben Gas, um endlich nach Hause zu kommen. Wie gern würde ich das auch tun, einfach nur nach Hause fahren. Nach ungefähr einer Stunde Warten und mehreren Abschleppwagen, die an uns vorbeigefahren sind, aber doch nicht für uns bestimmt waren, gebe ich langsam die Hoffnung auf, dass ich diesen Abend ohne Erkältung überstehe. Etliche Autos brettern, ohne Rücksicht zu nehmen, an uns vorbei und ich fühle mich absolut schlecht, Rebecka sowas zuzumuten. Die Leitplanke und der minimale Abstand zur Autobahn geben mir kein gutes Gefühl, ich fühle mich einfach schrecklich und bin verständnislos über so ein egoistisches Verhalten der Autofahrer. Würdet Ihr Euch auch wünschen, dass eine Panne so abläuft? Glaubt mir, das Gefühl, wie euch das Herz in die Hose rutscht und ihr Angst vor jedem nah vorbeifahrenden Auto habt, ist nicht besonders schön.

Ich bin enttäuscht

Durch den Regen bekommen wir mittlerweile von jedem Vorbeifahrenden eine zusätzliche Dusche von vorne ab. Rebecka sieht langsam auch wirklich demotiviert aus, versucht aber trotzdem, die Fassung zu wahren und mich, mittlerweile heulend wie ein Schlosshund, einigermaßen zu trösten. Ich bin enttäuscht vom Abend, der nicht vorhandenen Hilfsbereitschaft anderer Autofahrer, möchte einfach nur ins warme Bett und verfluche innerlich, was für ein verfressener Mensch ich doch bin.

Und dann das: Plötzlich hält eine Autofahrerin an und ruft mich zum Fenster. Ich bin total euphorisch, laufe auf die Leitplanke zu und stoße mir das Knie, was bis heute noch einen riesigen blauen Fleck davon hat, aber registriere den Schmerz gar nicht richtig, sondern freue mich einfach über eine verständnisvolle und hilfsbereite Person.

„Hey, ist alles okay bei euch? Kann ich irgendwie helfen?“, fragt die Frau. „Wir warten auf den ADAC, müsste gleich da sein“, antworte ich. „Ihr könnt meinen Regenschirm nehmen, ich hoffe er springt so auf. Wasser für euch hab ich auch“, meint die nette Dame – und rettet uns mit diesen Dingen doch noch den Abend.

Und dann kommt sie, die Retterin in der Not

So warten wir, zwar zitternd, aber nicht mehr durstig, mit unserem neu gewonnenen, dunkelblauen Regenschirm hinter der Leitplanke auf den erlösenden Anruf des ADAC, der 40 Minuten später endlich kommt. Ich bin unendlich dankbar, dass uns diese unbekannte Frau mit einer Kleinigkeit noch ein wenig Optimismus geschenkt und uns im Gegensatz zu den anderen egoistischen Autofahrern geholfen hat.

Der Fahrer des Abschleppdienstes versucht noch, uns zum Lachen zu bringen und zu trösten, doch niemand kann an diesem Abend unsere unbekannte Helferin oder meine wunderbare Mutti toppen: Denn wer nachts um 2 Uhr noch von Midlum nach Bremen fährt, um seine Tochter und ihre Freundin abzuholen und nach Hause zu fahren, verdient die Auszeichnung aller Auszeichnungen.

In diesem Sinne: Vielen Dank an Dich, unbekannte Helferin, in Deinem alten Passat und vielen, vielen Dank Mama, dass Du zu jeder Zeit hilfst, wo Du nur kannst! Und Rebecka? Das nächste Mal fährst Du.