Foto: Kai-Martin Ulrich

Schiller und das Fest der leisen Töne

Die opulenten Werke von früher hat Elektro-Musiker Christopher von Deylen alias „Schiller“ abgespeckt und in neues melodisches Gewand gekleidet. Seine „Klangwelten“, mit denen er jetzt schon zum dritten Mal tourt, sind mehr etwas zum Zuhören als zum Tanzen.

Es tut mir leid, dass wir drei so wortkarg waren“, entschuldigt sich Christopher von Deylen, bevor er das Publikum in der Bremerhavener Stadthalle gegen 22 Uhr in die Nacht entlässt. Er spricht leise. Seine Stimme ist weich und wirkt beruhigend. Martin Roberts (Synthesizer) und Cliff Hewitt (elektronisches Schlagzeug) nicken zustimmend. „Bestimmt hätten wir den ein oder anderen Satz zu sagen gehabt“, fährt Gründungsmitglied von Deylen fort, „aber wir waren so vertieft in unsere Musik, mussten all diese Knöpfe um uns herum drücken und an all diesen Reglern drehen – ich hoffe, Sie verstehen das. Für die ,Klangwelten‘ war es sicher gut.“

Es geht um das Hören

Wenn man es mit seinen Anfängen vergleicht – den frühen 2000ern -, dann zeigt Schiller derzeit ein starkes Kontrastprogramm auf der Bühne: nahezu keine sprachliche Untermalung mehr und nur wenige, wenn auch intensive Lichteffekte. Anscheinend soll nichts von der instrumentalen und elektronischen Essenz des Musikprojektes ablenken. Ungewohnt, aber stimmig. Es ist sogar möglich, während des Konzertes die Augen zu schließen.

Denn das Publikum soll zuhören. Es soll Klängen lauschen, die sich in den Köpfen zu Geschichten zusammensetzen und jeden Einzelnen mitnehmen auf eine Reise zu unterschiedlichen Orten. Visuals zeigen schneebedeckte Flächen im ewigen Eis, hohe Bergspitzen oder graue Großstadt-Ecken. Vielleicht entstehen im Kopf des Hörers aber auch eigene Geschichten.

Hypnotiseur und Tüftler

Schillers Reisen in die unterschiedlichen Klangwelten haben allesamt etwas Hypnotisches und Sphärisches an sich: Sie lösen das Publikum für zwei Stunden aus dem Alltag heraus und schaffen Platz für andere Gedanken. Intensiviert wird diese Wirkung noch, indem Tüftler von Deylen bewusst mit unterschiedlichen Emotionen spielt: Ruft er in der einen Minute durch lang nachhallende Klänge noch das Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit hervor, lässt er es in der anderen plötzlich wieder verpuffen. Auf einmal kommen die Klänge bedrohlich näher und sind hektisch. Ohne dabei jedoch arhythmisch zu werden und dem Hörer so den Zugang zur Musik zu verbauen.

Im Repertoire seiner Klangwelten finden sich sowohl neue als auch alte Stücke, das Beste aus Schillers 20-jähriger Musikkarriere.
Darunter auch die Debütsingle „Das Glockenspiel“ (1998), „Leben … I Feel you“ (2003) und „Ruhe“ (1999), einer der Höhepunkte des Abends.

Schiller im Überblick

 

Gründung: 1998 in Hamburg als club-orientiertes Musikprojekt; Name und erste Single („Das Glockenspiel“) in Anlehnung an den Dichter Friedrich Schiller

Gründungsmitglieder: Christopher von Deylen und Mirko von Schlieffen

Stil: Ambient & Pop; sanfte, melodie-betonte Stücke, die durch bekannte Synchronsprecher wie Benjamin Völz (Keanu Reeves, Charlie Sheen) untermalt werden

Trennung: Juli 2003; Christopher von Deylen führt das Projekt seither alleine fort

Kooperationen: mit nationalen (z. B. Heppner, Unheilig und Kim Sanders) und internationalen Artists (z. B. Lang Lang)

Diskografie: Zeitgeist, Weltreise, Leben, Tag und Nacht, Sehnsucht, Atemlos, Sonne, Opus, Future

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Janina

Über Janina Kück

Hat zwei Herzen in ihrer Brust: Das einer kleinen Madame mit einem Faible für französische Mode - Ringelshirts, rote Lippen und Kurzhaarschnitte - und das eines RockʹnʹRoll-Girls, für das laute und wilde Konzerte genauso wichtig sind wie Sauerstoff. Ihre Liebe für Rotwein und Kaffee ist irgendwo dazwischen. Genauso wie ihre dunkle Leidenschaft für Pete Doherty. Janina hat NORDKIND mit ins Leben gerufen.

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