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Kreuzfahrten zerstören jede Individualität? Von wegen

Kreuzfahrtschiffe sind schwimmende Seniorenresidenzen. Jede Minute ist durchgetaktet, kein Platz für Individualität. Und am Buffet türmen die Leute Berge von Essen auf ihre Teller – die reinste Massenabfertigung. Das sind nur einige Vorurteile, die dem Kreuzfahrt-Tourismus anhaften. Auch ich habe so gedacht, habe all die müde belächelt, die von ihrer letzten Schiffsreise schwärmten. Nun habe ich selbst eine gemacht. Und all meine Vorurteile über Bord geworfen. Naja, fast alle.

Es ist dieser eine Moment, der meine Sichtweise um 180 Grad verändert. Ich stehe an der Holzreling, die mich vor dem Fall in die Tiefe bewahrt, und blicke auf die hellweisen Kreidefelsen von Dover, die langsam am Horizont verschwinden. Die Sonne geht gerade unter und taucht den Himmel in ein blasses Rosa. Über das Deck weht ein kühler Wind, die Wellen wiegen das Schiff in einem sanften Takt hin und her. Sechs Tage war ich unterwegs – eine Minikreuzfahrt von Amsterdam über Brügge, Dover, Le Havre und Hamburg nach Bremerhaven. In dieser Zeit hatte ich ausreichend Gelegenheit, die fünf häufigsten Vorurteile über Kreuzfahrten zu überprüfen.

  1. Kreuzfahrten sind nur etwas für Ältere.

Dieses Vorurteil hält sich besonders hartnäckig: Die meisten Kreuzfahrtpassagiere sind jenseits der 70. Falsch. Das Durchschnittsalter der deutschen Schiffsreisenden liegt bei rund 50 Jahren. Mein Eindruck lag genau dazwischen, die meisten Passagiere dürften um die 60 gewesen sein. Klar waren auch Kinder und Jugendliche dabei, doch die Mehrheit war eindeutig fortgeschrittenen Alters. Ich erinnere mich noch gut an ein Erlebnis in der sogenannten „Disco“ des Schiffes. Bei den Beats, die aus der Eingangstür wummerten, hatte ich Folgendes erwartet: Junge Menschen, die die Nacht zum Tag machen. Die Realität sah etwas anders aus: Zwei ältere Herren, die mit ihren halbvollen Rotweingläsern über die Tanzfläche schunkeln. Wie alt die Passagiere auf einem Kreuzfahrtschiff sind, hängt von der Route, aber auch von der Reederei ab, erzählt mir ein Reiseblogger, der jeden Monat auf irgendeiner Kreuzfahrt ist. Man sollte sich also vorher informieren. Und wer als junger Mensch im Urlaub feiern möchte, sollte eine entsprechende Party-Kreuzfahrt buchen.

2. Auf großen Kreuzfahrtschiffen spüre ich das Meer doch gar nicht.

Seekrank werde ich bestimmt nicht, den Wellengang bekomme ich doch kaum mit, habe ich mir vor der Reise gedacht. Denkste! Am vierten Tag erwischte es mich: Das Schiff schaukelte so stark, dass man kaum noch aufrecht durch die Gänge laufe konnte. Beim Abendessen wurde mir so übel, dass ich mich auf meine Kabine verkroch, eine Tablette einschmiss und die Decke über den Kopf zog. Merke: Die Seekrankheit kann jeden erwischen – auch auf einer Kreuzfahrt.

3. Individuelles Reisen sieht anders aus.

Meine Vorstellung sah ungefähr so aus: Nach dem Einlaufen drängen sich die Passagiere in einen Bus, der sie in der nächsten City wieder ausspuckt. Dort rasen die Leute mit gezückter Kamera von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten und laufen einem Guide hinterher, der im Schnelldurchlauf ein paar Jahreszahlen herunterrattert. So kann das sein. Muss es aber nicht. Denn die Ausflüge, die die Reedereien ihren Passagieren anbieten, sind immer nur ein Angebot, niemals aber Pflicht. Wer seiner Reise mehr Individualität verleihen möchte, der bucht seine Stadtrundgänge entweder selbst oder erkundet die Stadt auf eigene Faust. Wichtig: Ein Kreuzfahrtschiff ist kein Gefängnis. Wer an Land gehen will, macht es. Wer nicht will, lässt es bleiben. Während die meisten Passagiere in Dover auf das Auslaufen warteten, nutzte ich die verbleibende Zeit – rund drei Stunden -, um durch das Hafengelände zu streifen. Wichtig: Wer alleine loszieht, sollte daran denken, wieder pünktlich am Schiff zu sein.

4. Auf Kreuzfahrtschiffen geht es steif zu: Anzug oder Abendkleid sind Pflicht.

Kein Einlass ohne weißes Hemd und schwarzen Anzug – das war vielleicht einmal. Heute geht es auf den meisten Kreuzfahrtschiffen eher leger zu. In den Buffet-Restaurants, so habe ich es erlebt, saßen viele Passagiere auch am Abend noch in T-Shirt und kurzer Hose. Mit Ausnahme vom Galadinner: Hier erschienen manche mit Schlips und Kragen, andere wiederum löffelten in gewohnter Freizeitkleidung ihre Kürbiscremesuppe. Auch bei der Kleidung gilt also: Jeder trägt am besten das, worin er sich am wohlsten fühlt. Man ist schließlich im Urlaub.

5. Auf Kreuzfahrtschiffen werden massenweise Lebensmittel verschwendet.

Jeder kennt diese Menschen, die am Buffet durchdrehen. Die so viel auf ihren Teller häufen, dass man glaubt, sie hätten seit Tagen, nein, seit Wochen nichts gegessen. Wenig später wandern die Teller fast unberührt wieder zurück in die Küche – Lebensmittelverschwendung par excel·lence! Solche Szenen blieben mir zum Glück erspart. Die Reederei hat vor einiger Zeit ihr Konzept geändert. Schilder auf den Tischen empfehlen mir dezent, aber bestimmt: „Taste, don’t waste!“ Zusätzlich sind die Portionen im Bedienrestaurant kleiner geworden. Essen, das übrig bleibt, wird am Ende der Reise an Bedürftige verteilt. erzählt mir der Küchenchef. Bei den Reedereien setzt offenbar ein Umdenken ein. Gut so.

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