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Gute Nacht, Marie – Chaos im Backyard

Das Bistro im Foyer des Skateparks Backyard in Oldenburg war modern gestaltet und sauber und sah ein bisschen nach Berlin aus. Ein paar Eltern tranken gemütlich Kaffee und Tee, aber was mir Sorgen machte, waren die lange Tafel und die wüsten Spuren eines Kuchenessens in der Mitte des Bistros, die einen Kindergeburtstag erahnen ließen. „Wenn die Kids so in der Halle unterwegs sind, wie die den Tisch hinterlassen haben“, sagte ich zu Toni und Marian, „Dann gute Nacht, Marie.“

Als die drei Typen, die vor uns angekommen waren, bezahlt und die Türen zur Halle passiert hatten, konnte ich uneingeschränkt durch die Glastüren hindurch in die Halle gucken. Unzählige Kinder auf BMX-Bikes und Skateboards schossen kreuz und quer durch die Halle. Marian stieß mich mit dem Ellbogen an und nickte mit dem Kinn Richtung Halle. „Das sieht so aus, als wäre die Geburtstagsparty aus dem Ruder gelaufen und geisteskranke Wissenschaftler hätten die DNA von Maulwürfen mit der DNA von Kindern fusioniert, so blind wie die durch die Halle ballern“, sagte er und sah mich entsetzt an. Währenddessen versuchte Toni zu begreifen, weshalb er als Blader ab dem kommenden Jahr einen Helm tragen müsse – Skater aber nicht. „Das fängt ja gut an“, sagte er, nachdem ihn der Kassenwart belehrt hatte.

Zwei stunden um zu skaten

Wir rollten rüber zum Bowl, der sich hinten links in der Halle befindet. „Da sind unsere Sachen save“, sagte Toni, der schon ein paar Mal hier war. Außerdem war es ein guter Spot für den Start nach zwei Stunden Autobahn. Marian wechselte die Schuhe und dropte in den Bowl, mit flatternder Adidas-Jacke und einem breiten Grinsen im Gesicht. Im Augenwinkel sah ich, dass sich eine Bande Kids auf dem BMX näherte. Ihnen voran ein untersetzter Kerl mit Wuschelkopf in schwarzem T-Shirt. Sie umzingelten das vordere Pocket des Bowls und sahen Marian zu, der von hinten aus dem Wallride schoss und auf jenen Teil des Bowls zurollte, wo die BMXer sich versammelt hatten. Der Untersetzte stand direkt auf dem Coping, sodass Marian, der gerade in einen 50-50 ging, dessen Reifen streifte und vom Board gehen musste. „Sorry Dude, du stehst da etwas nah am Coping“, sagte Marian freundlich. Der Kerl zuckte mit den Schultern und sagte: „Jo, Sorry. Könnt ihr mal kurz woanders skaten gehen? Ich hab hier einen Kurs mit den Kids und jetzt ist der Bowl dran…“ Marian kletterte aus dem Bowl. „Wie denn Kurs?“, sagte er und stemmte seine Arme in die Hüfte. „Wir sind zwei Stunden hierher gefahren, um zu skaten … ihr könnt doch keinen Kurs während der Öffnungszeiten machen, Mann.“ Er presste die Lippen zusammen und dachte kurz nach, dann hob er eine Augenbraue. „Zehn Minuten, okay?“, sagte er und nahm sein Brett in die Hand. (Tatsächlich steht auf der offiziellen Homepage des Backyards, dass Kurse am Wochenende von 13 bis 15 Uhr stattfinden, außerhalb der regulären Öffnungszeiten.)

Foto: Rhendi Rukmana/Unsplash

Die Obstacles im Street-Bereich sahen gut und sauber aus und der Boden war schön glatt, beinahe zu glatt. Hier konnte man eine feine Session haben. Aber HIER war die Hölle los. Von allen Seiten fuhren die Kids auf’m BMX oder auf’m Brett und mit Kopfhörern in den Ohren kreuz und quer über den Parcours, ohne überhaupt einen Trick zu versuchen. „Spielen die fangen?“, fragte Toni und schüttelte den Kopf. „Glaube schon, sieht so aus. Saustressig, Alter. Wieso lassen die so viel Kids auf einmal rein, ohne dass da einer aufpasst?“, sagte Marian und suchte die Halle mit aufmerksamen Augen ab.

Wie wilde Atome

Neben dem Skate-Bereich mit den Street-Obstacles gab es den BMX-Bereich mit großen Rampen im hinteren Teil der Halle, wo eine Handvoll BMXer eine Session hatte. Laut Presse sei die Halle so aufgeteilt, dass beide Sportarten – Skateboarding und BMXing – gleichzeitig betrieben werden konnten. Es sei sogar gewährleistet. Aber die Kids fuhren nicht im BMX-Bereich. Die schossen wie wilde Atome überall herum, nur nicht im BMX-Bereich. Die Rampen waren ihnen wohl zu groß. An sich auch easy, jeder fängt mal klein an und ich konnte an den großen Kickern auch nicht viel reißen. Ich konnte da vielleicht mal sinnlos rausschanzen, aber das war es dann auch schon. Wir stellten uns an die Quarter im vorderen Bereich und warteten.

Das Elend beginnt

Jetzt fing das Elend an, das immer gleiche, traurige Elend, wenn zu viele Kinder, die gleichzeitig Anfänger sind und denen niemand Links oder Rechts oder Achtsamkeit beigebracht hatte, am selben Spot hängen wie du: Du stehst an der Quarter und hältst Ausschau, dass ein Obstacle frei wird. Das kann einige Minuten dauern und kostet Nerven. Dann siehst du deine Lücke. Du dropst ein. Du bist keine zwei Meter vom Curb entfernt, da schneidet dich ein Kind. Du fährst zum Rail weiter, vielleicht geht da was, hast einen Trick im Kopf, guckst kurz runter auf die Füße, guckst hoch und – musst einem elfjährigen BMXer ausweichen, der blind seinem besten Kumpel hinterher jagt. Dann zur Hip. Da musst du einem neunjährigen Skater ausweichen, der noch nicht lenken kann. Anderes Curb. Das gleiche Spiel. Also zurück auf die Quarter und wieder abwarten. Absolutes Chaos.

Und du hast keine Chance, die Kids eines besseren zu belehren. Ein paar einzelne Kids kannst du dir mal zur Seite nehmen und ihnen erklären, dass sie besser Acht geben müssen, auch mal nach links und rechts schauen, auch mal warten, die Größeren beobachten und lernen, wie und wann die fahren. Aber wenn die zu zwanzigst unterwegs sind, hast du keine Chance, denen irgendwas zu sagen. Die ignorieren dich einfach, lachen dich bestenfalls aus, wollen niemals und auf keinen Fall verstehen, wovon der alte Sack – nämlich du – da überhaupt redet. Und weil du der ältere und reifere und feinfühligere Mensch bist, weichst du ihnen immer wieder aus, weil es ja Kinder sind … obwohl du dir mit zunehmender Intensität denkst: Den nächsten Spinner fahre ich einfach um.

Mach mal die Augen auf, Kleiner

Marian, der eine Affinität für Transitions hat, fuhr über die Hip zur gegenüberliegenden Quarter und streifte dabei einen Jungen auf dem BMX, der sein Bike nicht gut unter Kontrolle hatte. Marian wich ihm gerade noch rechtzeitig aus und rief ihm freundlich hinterher: „Mach doch mal die Augen auf, Kleiner.“ Da hörte man das Gequäke einer Frau. Sie war offensichtlich die Mutter des Jungen und saß außen auf einer Bank neben anderen Eltern, die abwechselnd aufs Smartphone und in die Halle glotzten. Sie hatte das Szenario zufällig beobachtet. „Na hören Sie mal“, schrie sie, „Sie müssen doch mal ein bisschen aufpassen auf die Kleinen! Der ist gerade mal elf!“ Marian rief: „Was?! Der Kleine ist elf und kann noch immer keine Rücksicht auf die anderen nehmen? Das muss der mal lernen, gute Frau!“ – „Aber der ist doch noch ein Kind! Das gibt’s ja nicht. Leute wie Sie dürfte man hier nicht reinlassen!“, schrie die Frau und zeigte mit dem Finger auf ihn. Marian schüttelte resigniert den Kopf und pushte zurück zum Bowl, wo er die nächsten drei Stunden auch blieb. Er ist Sozialarbeiter und ahnte, wo eine Diskussion mit der Propeller-Mutter geendet hätte.

Nur wahre Profis oder Locals, die den Spot im Schlaf skaten können, finden ihre Wege durch die Winkel und Nischen, die sich zwischen den wild gewordenen Kindern bilden. Ich bin weder das eine, noch das andere, außerdem fahre ich meine Session gerne in Ruhe, zusammen mit ein paar Jungs. Ich habe es früher schon gehasst, wenn auf einem Contest dreihundert Jungs denselben Spot skateten, jeder für sich alleine.

Das hier war nichts anderes. Die Jungs, die da waren und ihre Lines zwischen den Kids fanden, hatten Kopfhörer drin und schoben ihren eigenen Film, ihre eigene private Session. Jeder für sich, nacheinander, nebeneinander; aber die Kids folgten überhaupt keinen Regeln oder Grundsätzen, die fuhren einfach drauf los, in irgendeine Richtung, vollkommen willkürlich, während ihre Eltern ihnen dabei zusahen und außerstande waren zu begreifen, welches Chaos ihre Kinder verursachten. Dabei ist das in etwa so, als würde eine Horde Kinder inmitten eines laufenden Fußballspiels aufs Spielfeld rennen, während die Eltern daneben stehen und sich rührselig freuen, wie toll die Kleinen laufen können. Auf die Idee käme aber niemand, weil das ja sogar Idioten verstehen, dass man nicht aufs Feld rennt, wenn da ein Spiel läuft.

kopflose Eigensinnigkeit

In einer Skatehalle – oder an irgendeinem beliebigen Skatespot – haben Außenstehende oder Anfänger jedoch große Schwierigkeiten, dem Sport inherente Regeln oder Grundsätze zu erkennen und sich an diese zu halten. Was womöglich daran liegt, dass das vorherrschende Bild dieser Szene das von nicht nachvollziehbarer und kopfloser Eigensinnigkeit ist. Eine Horde geistesgestörter Irrer mit einem starken Hang zur Selbstzerstörung und Gesetzlosigkeit.

Es mag sein, dass sich die öffentliche Wahrnehmung in den letzten Jahren verändert hat und die sogenannten Extremsportarten als cool und angesagt angesehen werden Das bewegt junge Eltern dazu, ihre Kinder bei dem Vorhaben, eine solche Sportart zu betreiben, zu unterstützen. Das ist gut und wichtig für den Sport. Aber wenn die Kids blindlings umherballern wie irre Bienen, wird es nicht nur stressig, sondern auch gefährlich.
Als ich vor 15 Jahren mit dem Skaten anfing, wäre ein Anfänger niemals auf die Idee gekommen, einem Älteren oder Erfahreneren in die Quere zu rollen oder unablässig hin und her zu pushen, ohne einen Trick zu machen oder zu üben: Er hätte sowohl keine Freunde gefunden als auch keine wohlgesinnten Lehrer. Auch wäre vor 15 Jahren kein Kind freiwillig mit seinen Eltern zum Park gekommen – und auch Eltern hätten ihren 12-jährigen Sohn nicht dorthin begleitet.vor 15 Jahren. Das ist ein läppisches Augenzwinkern in Anbetracht des Schwergewichts Zeit, aber in den paar Jahren muss irgendwann irgendetwas schiefgegangen sein.