Foto: Manja Herrmann

Frisch, jugendlich und durchgeknallt: Bremer Stadtmusikanten rocken das Theater

New York? Paris? London? „Nein, wir brauchen etwas Lokales“, sagt der Erzähler und haut eifrig in die Tasten seiner Schreibmaschine. Tack, tack, tack, kling! Dann Szenenwechsel. Eine Bushaltestelle irgendwo in Nordenham. Hier wartet der Esel auf den Bus. Er wartet und wartet und wartet – vergeblich. Plötzlich kommt ein Hund um die Ecke. Später der Hahn und die Katze. Und schon sind sie komplett: Die Bremer Stadtmusikanten machen sich gemeinsam auf den Weg in die Hansestadt. So beginnt das größte Abenteuer ihres Lebens.

Frisch, jugendlich und rockig: Sergei Vanaev, Choreograph und Ballettmeister am Stadttheater Bremerhaven, hat den Märchenklassiker der Gebrüder Grimm neu interpretiert. Herausgekommen ist ein kurzweiliges Ballett-Theater – unbedingt sehenswert! Das Stück lebt von der unendlichen Energie der Ballett-Tänzer: Während eine Stimme aus dem Off die Tiere spricht, vollführen die kostümierten Tänzer auf der Bühne die tollsten Kunststücke. Pantomime der Extraklasse. Dazu schallen Songs von AC/DC, den Rolling Stones und Frank Sinatra aus den Lautsprechern. Ein Spektakel, das zuweilen nicht nur urkomisch, sondern auch irrsinnig unterhaltsam ist.

Vanaev hat sich viel Mühe gegeben, um seine Adaption auf ein neues Level zu heben. Da ist zunächst der Erzähler (Oleksandr Shyryayev) der durch die Geschichte führt und die Gebrüder Grimm, Jacob und Wilhelm, spielt. Ja, richtig gehört: Ein Schauspieler spielt zwei Charaktere – eine gespaltene Persönlichkeit. Es ist eine Freude, dem vom Burnout geplagten Erzähler dabei zuzusehen, wie er die Geschichte weiterspinnt – Szene für Szene, Tier für Tier, Stadtmusikant für Stadtmusikant.

Ganz eigene Lebensgeschichten

Die Dialoge stammen allesamt aus der Feder Vanaevs. Und der hat die Geschichte, untertrieben gesagt, ein wenig abgeändert. In der Originalversion sind die vier Tiere wegen ihres Alters nicht mehr nützlich für ihre Halter. Und in Vanaevs Adaption? Hier bringen Hahn, Katze, Hund und Esel ihre ganz eigenen Geschichten mit, eine kurioser als die andere. Der Esel (Lorenzo Ciramelli) kommt aus Nordenham, ist eigentlich Schornsteinfeger, den aber das Glück verlassen hat. Der Hahn (Volodymyr Fomenko) stammt aus Cuxhaven, hat seine Stelle als Bademeister verloren. Die Katze (Lidia Melnikova) hat bis zuletzt als Altenpflegerin gearbeitet, wurde dann aber entlassen, als das Seniorenheim aus Kostengründen nach Thailand verlegt wurde. Und der Hund (Ilario Frigione) hat seine Brötchen als Matrose verdient.

Quartett kommt groß raus

Alle Tiere haben eine Sache gemeinsam: Sie möchten Musik machen und Bremen im Sturm erobern. Dabei bekommen sie tatkräftige Unterstützung von ihrem Kunstagenten (Jacopo Grabar). „Ich mache Euch groß“, verspricht der selbstverliebte Agent dem frisch geborenen Quartett. Und ja, die Bremer Stadtmusikanten kommen groß raus. Zwar nicht in Bremen, denn dort kommen sie bekanntermaßen nie an. Dafür finden sie im Stadttheater umso größeren Zuspruch. Wenn der Hahn laut krähend über die Bühne wirbelt und sich als größter Rockstar aller Zeiten aufspielt, muss das Publikum zu Recht herzhaft lachen.

Vanaevs Interpretation zeichnet sich vor allem durch das Element der Überraschung aus. Statt auf Räuber (wie im Original) treffen die Bremer Stadtmusikanten auf eine gefährliche Biker-Gang: Ohne Vorwarnung rasen von der Seite vier Motorradfahrer herein, der Saal füllt sich mit Motorenlärm, die Zuschauer schauen wie paralysiert gen Bühne. Vanaev hat seinen eigenen Humor, den er wunderbar pointiert aufs Podium bringt. Am Ende, so viel sei verraten, steht ein Happy-End. Und eine große Party, bei der die Musik alle Wunden der Vergangenheit heilt.

Die nächsten Vorstellungen im Stadttheater Bremerhaven:

Sonntag, 13. Mai 2018, um 16 Uhr
Dienstag, 19. Juni 2018, um 11 Uhr

Tickets und weitere Infos gibt es hier.

Schreibe einen Kommentar