Foto: Laura

Die Suche nach dem König der Tiere

Ich liege im Zelt und kann nicht einschlafen. Es ist meine erste Nacht in der Serengeti. Unser Camp ist nicht abgesperrt, allein verlassen dürfen wir unsere Zelte in der Nacht nicht. Es ist stockfinster und mucksmäuschenstill. Das Einzige, was ich höre, ist ein Geräusch, dass ich noch nie zuvor gehört habe. Nur eines steht fest: Es ist irgendein Tier und es muss irgendwo in der Nähe sein. Ist es etwa ein Löwe? Oder ein Büffel? Ich habe keine Ahnung. Irgendwie unheimlich…

Am nächsten Morgen fragt mich ein Camp-Mitarbeiter: „Hast du auch den Löwen heute Nacht gehört?“ Tatsächlich. Es war wirklich ein Löwe. Zu meiner Beruhigung erzählt mir der junge Mann, dass das Löwenmännchen einige Kilometer weit von uns entfernt war. Sie haben eben ein sehr lautes Organ. Gehört haben wir ihn also schon mal. Ob wir ihn auch noch zu Gesicht bekommen?

Ein Löwenmännchen mit einer riesigen Mähne sehen. Das ist einer der Punkte auf der Müssen-wir-unbedingt-sehen-Liste. Doch während wir schon mehrfach Löwinnen gesichtet haben, ist von einem solchen Männchen weit und breit keine Spur. Denn die Damen sind diejenigen, die durch die Serengeti ziehen, um nach Beutetieren Ausschau zu halten und zu jagen. Oft sind sie dafür im Rudel unterwegs.

So wie an einem Morgen, als wir schon um sechs Uhr mit dem Jeep losfahren. Die Sonne geht langsam auf. In der Morgendämmerung stehen die Chancen gut, um Löwen in Aktion zu sehen – tagsüber in der tansanischen Hitze schlafen sie meistens und ruhen sich aus. Doch wir fahren eine gefühlte Ewigkeit durch die Wildnis, ohne ein Tier zu sehen. Kein Zebra, kein Gnu, keine Antilope, keine Raubkatze.

„Sie sehen hungrig aus“

Doch dann biegt unser Fahrer plötzlich ab, nachdem jemand etwas durch das Funkgerät nuschelte. Wir bleiben stehen. Und auf einmal sind sie da. Löwen. Ein ganzer Haufen Löwen. Direkt neben dem Wagen. Sie liegen am Wegesrand und dösen, alle aneinander gekuschelt. Ein Männchen ist nicht dabei, zumindest kein ausgewachsenes mit einer Mähne. Eine Raubkatze nach der anderen wird schließlich wach, gähnt, streckt sich und steht auf.

„Sie sehen hungrig aus“, sagt unser Guide. Wahrscheinlich waren sie die ganze Nacht unterwegs, in der Hoffnung, eine Beute zu reißen. Das hat offenbar nicht geklappt. Zumindest noch nicht. Die Löwen, es sind zwölf Stück, laufen den Weg entlang. Manche scheinen noch jung zu sein, springen sich verspielt gegenseitig an. Wir folgen ihnen ein Stück. Unser Jeep scheint sie nicht zu stören, sie beachten uns gar nicht. Dann verlassen sie irgendwann den Weg und verschwinden langsam in der Steppe. Ob sie wohl doch noch eine Beute erlegen konnten?

Die gemeinen Hyänen…

Später am Tag springt plötzlich eine Antilope aus dem hohen Gras. Sie rennt um ihr Leben. Dicht hinter ihr: ein Gepard. Die schnellste und wohl eleganteste Raubkatze der Welt hat mich schon immer fasziniert. Sie steht ebenfalls auf der Muss-ich-unbedingt-sehen-Liste. Die Antilope hat Glück, sie kann den Geparden abhängen. Ich atme auf und freue ich mich für die Antilope. Der Gepard setzt sich auf einen kleinen Hügel und scannt die Umwelt ab. Er sieht erschöpft aus.

Er ist das schnellste Landtier der Welt: Der Gepard. (Foto: Nobel)

„Er hat heute in den frühen Morgenstunden schon erfolgreich gejagt“, erzählt unser Guide, der sich über Funk mit den anderen Guides und Rangern austauscht. Ein Kuhantilopen-Kalb habe es getroffen. Das Arme… „Aber dann kamen ein paar Hyänen und haben es ihm weggenommen.“ Wie gemein ist das denn? Plötzlich tut die hungrige Raubkatze mir richtig leid. Das Leben in der Serengeti ist hart. Und zugleich faszinierend.

Als das Ende unserer Safari näher rückt, haben wir alles gesehen, was wir uns gewünscht haben: Die Big Five (Elefant, Nashorn, Löwe, Leopard, Büffel), Giraffen, Hyänen und Geparden. Und noch so viel mehr. Nur das Löwenmännchen mit der großen Mähne fehlt noch. Am letzten Tag geht es in das Schutzgebiet Ngorongoro am Rande der Serengeti. Wir sehen riesige Zebra- und Gnuherden, Elefanten, Tüpfelhyänen, Schakale, Krokodile, Flamingos.

Faul und friedlich in der Mittagssonne

Wir kommen an einen Tümpel. Etwa acht Löwinnen liegen am Ufer nebeneinander und schlafen. Wir fahren ein wenig näher heran, und dann liegt er plötzlich da. Faul und friedlich in der Mittagssonne. Muss ganz schön heiß sein unter seiner dicken, roten Mähne. Er hebt den Kopf, steht kurz auf, sieht sich um und legt sich wieder hin. Da ist er also: Der König der Tiere. Wir haben ihn gefunden!