Foto: Janina Kück

Bremerhavens Klassiker: Die letzte Kneipe vor New York

„Die letzte Kneipe vor New York” muss jeder gesehen haben, egal ob er aus Bremerhaven, Rotterdam oder aus New York selbst kommt. Das Restaurant ist einzigartig und der maritime Treffpunkt schlechthin.

 

Martin Benecke ist beinahe ein Medien-Profi möchte man meinen, wenn man sich das erste Mal mit ihm zu einem dienstlichen Gespräch trifft. Seine Antworten wirken routiniert, ohne jedoch gelangweilt daher zu kommen. Ganz im Gegenteil: „Unser Restaurant war schon oft im Fernsehen“, erzählt der Chef von Bremerhavens berühmtestem Restaurant, der „Letzten Kneipe vor New York“, stolz. Beim Tatort oder im NDR beispielsweise. „In den 80ern gab es eine Serie mit Dieter Pfaff, von der eine Folge hier bei uns gedreht wurde. Das hat die ͵Letzte Kneipe‘ damals auch über Bremerhaven hinaus bekannt gemacht.“

Benecke selbst habe bereits 1999 angefangen, in der urigen und maritimen Lokalität im Hafengebiet zu arbeiten: „Als Service-Kraft. Eigentlich bin ich Quereinsteiger, gelernter KFZ-Mechaniker.“ Die Leidenschaft, mit der Bernd Wormland, der frühere Inhaber der „Letzten Kneipe“ Tag ein Tag aus gearbeitet habe, hätte auch ihn damals angesteckt: „Mit fremden Federn will ich mich nicht schmücken. Ohne Bernd wäre das Restaurant sicherlich nicht das, was es jetzt ist.“

Leitet „Die letzte Kneipe vor New York“: Martin Benecke. (Foto: Janina Kück)

Dass Benecke seit seiner Kindheit mit Schiffen und der Seefahrt zu tun gehabt hätte, würde ihn aber ebenfalls zu einem authentischen Ansprechpartner für seine Gäste machen. „In meiner Familie war das immer Thema. Ich bin damit aufgewachsen. Nur beruflich zur See zu fahren – damit konnte ich mich nie richtig anfreunden.“ Die „Letzte Kneipe“ im Jahr 2003 zu übernehmen, war deshalb keine schwere Entscheidung für ihn: „Es heißt ja schließlich immer, dass unser Restaurant sofort in See stechen könnte, wenn es denn wollte. Immerhin sind mehr als 90 Prozent unserer Inneneinrichtung schon auf dem Wasser unterwegs gewesen.“

Aufenthaltsort für Hafenarbeiter

Und in der Tat: Schon von außen wird die letzte Kneipe ihrem maritimen Ruf gerecht: blauer Anstrich, Anker, maritime Symbolik und das Heck eines kleinen Kutters vor der Eingangstür. „Wenn ich ganz ehrlich bin, so attraktiv sieht es hier eigentlich nicht von außen aus“, sagt Martin Benecke selbst, während er den Blick kurz durch das Fenster in Richtung Hafenbecken und der großen Container-Schiffe schweifen lässt.

Aber das gehöre eben dazu: „Das Gebäude war früher eine Baracke, ein Aufenthalts- und Pausenraum für Hafenarbeiter, der in den 1940er Jahren, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, von einem Sozialwerk geschaffen wurde.“ Kantinen und so etwas habe es in diesen Zeiten nämlich nicht gegeben.

„Bei uns konnten sich die Arbeiter aufwärmen, wenn das Wetter mal wieder schlecht war. Sie konnten auch ihre selbstgekochten Gerichte mitbringen. Sie kamen noch mit einem Henkelmann durch die Tür. So wie man es aus alten Filmen kennt.“ Einen hauseigenen Imbiss habe es ebenfalls gegeben. „Aber nur mit Kleinigkeiten. Frikadellen und Bockwurst zum Beispiel. Außerdem einer Menge kalten Bieres für den Schichtschluss“, erzählt er. „Alles Teil der alten Hafen-Romantik.“ Zu einem Restaurant sei der Treffpunkt dann in den 80er Jahren erweitert worden. Heute wird auch hauseigene Musik dort zum Besten gegeben. Schlager und Musik-Wünsche aus dem Publikum.

Eigentlich heißt Bremerhavens berühmtestes Restaurant „Treffpunkt Kaiserhafen“. Da der Namenszusatz das Restaurant so bekannt gemacht hat, wird es von den meisten nur „Letzte Kneipe vor New York“ genannt.  Auch diese Bezeichnung ist eng mit der Geschichte des Hafens verknüpft: Transatlantik-Kreuzliner waren schon immer im Kaiserhafen und der Columbuskaje zu Gast. Zu Zeiten, in denen vor der Gaststätte noch ein altes Rettungsboot aus Holz ausgestellt war, hieß es von vielen Seeleuten immer: „Hier trinken wir unser letztes Bier. Das nächste gibt es erst wieder in New York“. Ein Schiffstischler fertigte daraufhin ein Schild mit der Aufschrift „Last Pub before New York“ an. Ein Namens-Klassiker wurde geboren.

Heute kommen immer noch viele Angestellte aus dem Hafen zu ihnen, antwortet der Kneipen-Chef, auf meine Frage hin, wie sich die Kundschaft im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert habe. „Die Kundschaft ist jetzt sehr gemischt. Es kommen Chefs aus dem Hafen, genauso wie Angestellte. Es kommen Gäste aus Bremerhaven, genauso wie Gäste aus dem weiteren Umkreis. Und natürlich Touristen.“ Dass so viele Touristen kämen, sei einerseits dem Ruf und andererseits der einzigartigen Inneneinrichtung des Restaurants geschuldet, wobei diese Punkte natürlich miteinander zusammenhängen würden.

Jedes Stück hat seine Geschichte

Galionsfiguren, Rettungsringe, alte Radargeräte, ein Taucheranzug, Steuerräder und vieles mehr – eigentlich hat die „Letzte Kneipe“ mehr etwas von einem Erlebnis-Museum als von einem Fisch-Restaurant. Sie ist überladen würde ich sagen, aber authentisch. Kein Küsten-Souvenir-Schnickschnack, sondern echte Stücke von echten Schiffen. Auch die Gastraum-Einrichtung stammt teilweise von Schiffen. Zum Beispiel die Tische, an denen früher die Passagiere der ehemaligen Ärmelkanal-Fähre „Stena Fiesta“ gespeist haben.

„Zu uns kommen Crew-Mitglieder von Schiffen aus der ganzen Welt“, berichtet Benecke. „So ergeben sich immer wieder neue Freundschaften, die wir auch zu halten versuchen. Klassisch per Postkarte, aber auch modern über die Sozialen Medien. Außerdem wächst unsere Sammlung durch die Kontakte immer weiter und weiter.“ Aussortiert werde aber nicht, wie er versichert. „Nein, nein. Die einzelnen Stücke verlagern sich bei uns immer weiter in die Nebenräume. Ich glaube auch, dass wir jedes einzelne davon schon mindestens einmal hätten verkaufen können, aber das kommt nicht in die Tüte. Wir halten die Geschenke in Ehren.“

Eines seiner Lieblingsstücke sei der Taucheranzug am Fenster. „Einmal kam eine Frau zu uns und fragte mich, ob ich wüsste, wo der Anzug herkommt. Danach hat sie mir erzählt, dass ihr Vater darin jahrelang im Hafen in Bremen getaucht sei. Auch der Enkel kam einige Zeit später, um sich das Stück anzugucken. „Jedes Stück hat seine eigene Geschichte und das liebe ich so an dem Restaurant. Ich würde das Ganze hier nicht aufgeben. Die Kneipe braucht Menschen, die sie hegen und pflegen und die sie mit Leidenschaft weiterführen. Das gilt auch für das Personal. Manche unserer Mitarbeiter sind schon seit über 20 Jahren hier. Nicht selbstverständlich in der Gastronomie.“

Der Fisch kommt aus der Heimat

Ihren Ruf hat sich Bremerhavens Klassiker-Kneipe aber aus einem ganz anderen Grund verdient, finde ich: Das Essen dort schmeckt vorzüglich. Die Fischsuppe – und das würde ich offiziell unterschreiben – ist die beste, die ich je in meinem Leben gegessen habe. Eine kräftige Brühe, mit unterschiedlichen Fischsorten, Gemüse und einem Schuss Weißwein. „Mit dieser Einstellung sind Sie nicht alleine“, sagt Benecke. „Wir haben Gäste aus Bremen, die regelmäßig wegen der Suppe kommen.“ Wegen seiner Qualität ist das feine Süppchen allerdings auch nicht ganz billig. Die Menge, die in einer großen Terrine serviert wird, ist jedoch mehr als ausreichend, falls jemand, neben dem vorzüglichen Geschmack, noch ein weiteres Argument braucht, um sich die Suppe zu gönnen.

Ob er weitere Empfehlungen auf der Speisekarte habe, frage ich Martin Benecke im Anschluss. „Das ist schwierig“, findet er. „Kommt auf den individuellen Geschmack und die Herkunft der Gäste an. Wir haben vieles auf unserer Speisekarte, was man auch erwartet, wenn man an der Küste Urlaub macht. Labskaus, Scholle und Fischerfrühstück zum Beispiel. Auf unserem Bremerhaven-Teller haben wir versucht, die Klassiker zusammenzustellen: Matjes, Rotbarsch, Bratkartoffeln und Krabben. Ein Gast geht ja nicht ins Restaurant, um sich drei verschiedene Gerichte zu bestellen. Hier bekommt er von jeder Sache zwar nur eine Kleinigkeit, kann aber alles einmal probieren.“

Besonders wichtig ist es ihm, sagt Martin Benecke, frische Produkte aus der Region anzubieten. „Wir leben doch an der Küste. Also kommt der Fisch auch von hier. Nur die Krabben sind aus Wremen. Aber das ist ja auch um die Ecke.“ Mit Lieferproblemen hätte er eigentlich noch nie zu tun gehabt, fügt der Chef an dieser Stelle noch an. „Aber wissen Sie, was traurig ist? Mit den Krabben sieht es im Moment schlecht aus. Viele Kollegen haben sie wegen des hohen Preises schon aus dem Programm genommen. In Hamburg bezahlt man im Moment 90 bis 100 Euro pro Kilo. In Bremerhaven 60 bis 70. Darauf weisen wir aber auch in unserer Speisekarte hin, damit sich die Leute nicht veräppelt fühlen.“

 

Überblick

Treffpunkt Kaiserhafen – Die letzte Kneipe vor New York
Franziusstraße 92 (Alter Bananenpier) in Bremerhaven
Telefon: 0471/42219
Öffnungszeiten: täglich von 11 Uhr bis Mitternacht
www.treffpunktkaiserhafen.de

 

Schreibe einen Kommentar