Foto: Nina Brockmann

Mein erstes Mal mit Axel Hacke

Mein beinahe erstes Mal mit Axel Hacke war während des Studiums. Im Fach „Print Medien” musste jeder einen Vortrag über einen Journalisten halten. In letzter Minute hatte sich eine Kommilitonin den begnadeten Schreiber abgegriffen, den ich schon durch seine wöchentlichen Kolumnen im Magazin der Süddeutschen Zeitung kannte. Für den Moment musste ich mich mit Andreas Altmann vergnügen. Ein würdiger Lückenbüßer.

Fast vier Jahre später gibt er mir eine zweite Chance: Axel Hacke, für den ich nach dem Vortrag meiner Kollegin noch mehr Begeisterung empfand, kommt nach Bremerhaven. Für eine Lesung im Capitol. Letzte Woche Mittwoch. Ich organisiere mir eine letzte Karte. Nur für mich (und ihn) allein. Für einen Abend blühender Fantasien. Und trockenem Humor. So wie meiner es ist.

Ein toller Hecht

Axel Hacke kommt gebürtig aus Braunschweig. Lebt heute im – seiner Meinung nach – „Zentrum der Welt”: München. Seit nunmehr 27 Jahren schreibt er jeden Freitag für das SZ Magazin – der „beste Grund, das Heft von hinten zu lesen”. Alle paar Jahre hat er seine Kolumne umbenannt: „Irgendwann ist nichts mehr passiert in meinem Leben.” Von da an taufte er „Das Beste aus meinem Leben” in „Das Beste aus aller Welt”, was auch schon mal „Das Beste aus meinem Liebesleben” war – und sogar als Buch erschienen ist.

Alleine über seine sechs verschiedenen Lebenslauf-Variationen auf seiner Website könnte ich mich wegpacken. So schön sarkastisch und selbstironisch sind sie. Deswegen möchte ich hier die drei besten teilen.

Die gelangweilte:

Ich wurde 1956 geboren, na und?
1956, 1956, 1956 – ich kann es nicht mehr hören, immer wenn ich mich irgendwo blicken lasse, auf einem Podium oder einer Bühne, steht da einer und sagt: „Herr Hacke wurde 1956 geboren.“ Kann er nicht mal 1957 sagen oder 1955?

Nein, immer 1956, den Leuten fällt einfach nichts ein, ihre Hirne sind leer wie ein Kohlenkeller im Kriegswinter, sie riskieren auch nichts, sie wollen nichts falsch machen, bloß nicht auffallen mit einem Fehler, lieber nachschauen und dann das Immergleiche. Neunzehnhundertsechsundfünfzig.

Danach kommt natürlich: Braunschweig. Weil ich da geboren wurde, 1956 war das, wenn Sie es noch mal genau wissen wollen. Was geht mich Braunschweig noch an? Null.
Aber ich bin da geboren, das werde ich nicht mehr los, ich schlafe ein, wenn ich das Wort nur höre.
Braunschweichrchrchrrr…

Dann kommt natürlich das mit dem Studium. Ich sag’s nicht mehr, ich bring‘ es nicht mehr über die Lippen, Langweilungswissenschaften an der Ludwig-Langweil-Langiversität in Langweilchen. Das war 1981 Gott sei Dank zu Ende. Und dann?

Sie wissen doch längst, dass ich dann zur Süddeutschen Zeitung bin, was fragen Sie das jetzt noch extra? Soll ich die einzelnen Ressorts aufzählen? Noch mal? Das können Sie nicht verlangen. Ende jetzt.

Wohnt in München und im Chiemgau, schreibt Kolumnen und Bücher, die sind in dreizehn Sprachen übersetzt, welche, sag‘ ich nicht mehr, hab‘ ich schon viel zu oft, vielleicht sind
es auch vierzehn, interessiert doch nicht… Schluss, jetzt, Schluss.

Und die mitleiderregende:

Ich wurde 1956 geboren, im Januar. Ein sehr kalter, harter Winter. Wir lebten in Braunschweig, nahe der Zonengrenze, eine abgelegene Gegend, die Stadt vom Krieg stark zerstört, provinziell im Geist, wirtschaftlich bis heute schwach.

Natürlich gab es genug zu essen, aber das war im Grunde gerade das Schlimme. Ich war ein fettes Kind, darunter leide ich bis heute, diese Fettzellen bleiben einem ein Leben lang, man hungert dagegen an, aber erfolglos. Man hänselte mich wegen meiner Pummeligkeit die ganze Schulzeit lang; das wäre nicht so schlimm gewesen, hätten meine Eltern hinter mir gestanden, aber sie ironisierten das nur, und im übrigen verlangten sie Leistung, Leistung, Leistung.

Ich war ein guter Schüler, aber unglücklich in allem, bin nach der Bundeswehrzeit (eine unfassbar langwierige Quälerei, denn ich bin kein soldatischer Typ, hatte mich aber trotzdem, weil ich Geld benötigte, für fast zwei Jahre verpflichtet), bin also dann nach München zum Studium gegangen. Eine riesengroße Stadt, ich war sehr einsam, brachte das Studium so rasch wie möglich hinter mich, für Frauen war ich ja sowieso zu schüchtern, während um mich herum…

Mein Gott, es waren ja Münchens vitalste Jahre, eine heitere, sinnenfrohe Zeit, nur ich hatte eben nichts davon. Ich trat dann so schnell wie möglich meinen ersten Job an, leider nur Sportredakteur, obwohl ich gerne politischer Redakteur geworden wäre, was ich dann einige Jahre später auch wurde, aber da interessierte es mich schon nicht mehr, weil ich mich nach einem Leben als Reporter sehnte, was dann, als ich es erreicht hatte, den fast nicht zu ertragenden Nachteil des Ständig-Unterwegsseins hatte…

Und die aus dem Leben eines Kolumnisten:

Anders als immer wieder behauptet wird, wurde ich nicht 1956 geboren, sondern war immer schon da. Ich schreibe Kolumnen seit den Zeiten Alarichs des Saumseligen, Wilfrieds des Haarigen oder Childerichs des Chönen, so genau weiß ich es nicht mehr, jedenfalls geht das schon seit Jahrhunderten so. Hier in meinem Archiv gibt es halb zerbröselte Schriftstücke aus dem Mittelhochdeutschen, in denen vom „kolumniman“ oder „kolumnimester axel“ die Rede ist, der regelmäßig etwas verfasse, das den Titel spurucelwurc oder sperucilwirc oder so ähnlich trage, das Wort ist unleserlich. Später heißt es an einer Stelle: „und es versamlet sich viel volcks zu im, also dasz er vor alles volck  trat und lasz“, was bedeutet, dass ich schon vor sehr langer Zeit meine Kolumnen auch öffentlich vorgetragen habe.

Auch daran habe ich keine Erinnerung mehr.

Das Kolumnenverfassen ist mir in den Zeitläuften zur Gewohnheit geworden, es gibt meinem Alltag Struktur und meiner Existenz Halt. Es ist schön zu wissen, dass man mittwochs etwas Bestimmtes zu tun hat, jeden Mittwoch, denn Mittwoch ist mein Kolumnentag. Das verleiht so einem Mittwoch eine ganz andere Bedeutung, als wenn er einfach nur ein Mittwoch wäre; so ragt der Mittwoch gleichsam säulenartig aus dem Daseinsmatsch her aus, komme, was da wolle. Mittwoch ist der Tag, auf den ich hin lebe. Und nach dem es eine Weile bergab geht, bis sich der nächste Mittwoch schemenhaft am Horizont abzuzeichnen beginnt.

Ich schreibe in meinem Leben jetzt schon länger Kolumnen, als ich nicht Kolumnen geschrieben habe. Ich habe mich sozusagen selbst überholt, was mir sehr wichtig ist. Jeder sollte sich mindestens einmal im Leben selbst überholen, es ist ein tolles Gefühl, sich aus dem Seitenfenster zuzuwinken, zuzuschauen, wie man zurückbleibt, und dann mit Höchstgeschwindigkeit abzurauschen.

In seiner Kolumne „aus dem Leben” hat vor allem seine Familie eine Hauptrolle gespielt. Seine Frau Paola und sein Sohn Luis. „Viele Geschichten sind auf den Fahrten in den Kindergarten entstanden”, erinnert sich Hacke, als er aus seinem „Kolumnistischen Manifest” vorliest. Ein Buch, das er zur Feier der 1001 Kolumne veröffentlicht hat. 191 Geschichten aus dem Alltag. Geschichten für viele Schmunzler. Geschichten, in denen sich eigentlich jeder Leser wiedererkennt. Meistens darin verpackt: Die nackte Wahrheit mit einem Augenzwickern.

Nach Trumps Wahlsieg hatte ich keine Lust mehr zu schreiben.

Doch Hacke kann auch nachdenklich. „Nach Trumps Wahlsieg habe ich gar nichts mehr gefühlt. Ich hatte keine Lust zu schreiben”, sagt Hacke. Deswegen hatte er eine Kolumne verfasst, die fast eher einem Kommentar gleicht. Auch am Mittwochabend erhielt er dafür noch immer tosenden Applaus. Für „Das Beste aus aller Welt” sei es aber vor allem seine Aufgabe, im Weltgeschehen etwas zu beobachten, das noch keiner zuvor entdeckt habe. „Ich versuche, uninteressante Dinge wichtig erscheinen zu lassen”, scherzt Hacke. Vielleicht die höchste Kunst?

Aus seinen eher nachdenklichen Tönen ist auch Hackes aktuellstes Buch entstanden: „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir damit umgehen”. „Seit ich das Buch ‚Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand’ gelesen habe, wollte ich schon immer mal ein Buch mit einem langen Titel schreiben. Das habe ich jetzt getan”, scherzt er wieder – so schön selbstironisch.

„Die Frage, wie man richtig und anständig lebt, und mit welcher Haltung man sein Leben führen möchte, wird jeden moralisch denkenden Menschen immer wieder beschäftigen. So ging und geht es auch mir. Und wenn Lüge, Rücksichtslosigkeit und Niedertracht an die Macht drängen oder sie schon errungen haben, wenn, in den sozialen Medien zum Beispiel, so erfolgreich in der Öffentlichkeit gegen alle bekannten Regeln des Anstands verstoßen wird, fühlt man sich in dieser Hinsicht vielleicht noch einmal ein bisschen herausgefordert. Eigentlich geht es hier um die Frage, die in einem der Stücke Anton Tschechows auftaucht: „Warum leben wir nicht so, wie wir leben könnten?“ Mich mit dieser Frage einmal gründlich zu beschäftigen, hat mich interessiert. Wobei es nicht darum ging, Moralpredigten zu entwerfen, im Gegenteil. Ich finde, man muss sich selbst Fragen stellen, neugierig auf andere sein. Vermutlich geht es in unserer komplizierten Welt auch zuallererst nicht um die Lösung aller Probleme. Die hat ohnehin keiner, und wer so tut, als hätte er sie, dem sollte man misstrauen. Sondern es gilt, eben diese Tatsache mit Anstand zu ertragen und sich dabei mit der großen und immer neu zu stellenden Frage zu beschäftigen: Wie wollen wir eigentlich miteinander und mit uns selbst umgehen?

Mit kurzen Anekdoten aus „Der weiße Neger Wumbaba” sorgte Hacke für ein gelungenes Finale. Die – mittlerweile – Trilogie (die er nach den Star Wars Filmen benannt hat: „Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück” und „Wumbabas Vermächtnis”), ist im Prinzip aus Leserbriefen entstanden. „Ich habe mal eine Kolumne darüber geschrieben, wie viele Liederzeilen einfach falsch verstanden werden”, so Hacke. Daraus sei eine Art running gag entstanden. Als Reaktion auf seine erste Kolumne habe er so viele Briefe erhalten, dass er eine zweite schrieb. Dann eine dritte. Dann das Buch. Der Titel ist von dem wohl beliebtesten deutschen Schlaflied „Der Mond ist aufgegangen” inspiriert. Eigentlich heißt die Zeile wörtlich:

„Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.”

Und so macht sich Hacke gemeinsam mit Hilfe vieler Leser(briefschreiber) darüber lustig, „dass kaum ein Mensch je ein Liedtext richtig versteht”. Nicht einmal auf Deutsch.

Illustriert werden fast alle Bücher von seinem Lieblingskünstler Michael Sowa aus Berlin. „Als mein Buch fertig war, meinte meine Verlegerin, es sei noch viel zu dünn. Da müssten Zeichnungen rein, dann werde es dicker und man könne mehr Geld verlangen”, scherzt Hacke. „Ich hätte nie gedacht, dass Michael Sowa mit mir zusammenarbeiten will”, blickt Hacke zurück. Seit Jahrzehnten sei Michael nun schon sein „Traumpartner” – „das fing mit dem König Dezember an, und der Himmel weiß, wo es enden wird, hoffentlich nie.”

Axel und mein erstes Mal endet mit dem Lied „Santa Maria” von Roland Kaiser. Auch ein gerne falsch verstandener Song:

Sie war ein Kind der Sonne,
Schön wie ein erwachender Morgen.
Heiß war ihr stolzer Blick
Doch tief in ihrem Inneren verborgen,
Brannte die Sehnsucht,
Schnitzelwagen.

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Nina

Über Nina Brockmann

Foodie, Yogi und reiseverrückter Lifestyle-Junkie. Kann ohne Kaffee, Avocados und Lachen nicht leben. Steht auf Melancholie, aber nicht auf Mädchenkram wie Kleider oder Nagellack. Nur ohne Lippenstift geht sie äußerst selten aus dem Haus. Auch für Flechtfrisuren hat sie ein Faible.

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