Foto: Kunstverein Bremerhaven

Kunst im Norden: Zwischen Bausünde und Meisterwerk

Happy Birthday: Das Kunstmuseum Bremerhaven wird 10 Jahre. Um das zu feiern, gibt es eine brandneue Ausstellung in Zusammenarbeit mit Museen und Galerien aus der Region. Ein einmaliges Projekt in Norddeutschland, von dem unsere Kunst-Insiderin Andrea berichtet.

Nach der „Alles geht raus”-Party herrscht aber erst mal Leere im Museum. Wer es nicht ohne Kunst aushält, geht am besten direkt in die gegenüberliegende Kunsthalle. Dort wartet eine ganz besondere Ausstellung, die eigens für Bremerhaven konzipiert wurde.

Der erste Blick kann täuschen

Eine Ausstellung extra für Bremerhaven? Klar doch. Und worum geht es? Drei mal dürft ihr raten: Um die Weser? Nein. Um den Hafen? Nein. Um die Schifffahrt? Nein. Alles weit gefehlt! Im Mittelpunkt steht das 1977 entstandene Columbus-Center mit seinen drei Wohntürmen, 555 privaten Appartements, und 70 Geschäften. Für die einen ist das Columbus Center eine Bausünde, für die anderen ein architektonisches Meisterwerk.

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Begegnung mit diesem Koloss. Ein Tagestrip führte mich vor sieben Jahren zum ersten Mal nach Bremerhaven: Vom Bahnhof aus näherte ich mich zu Fuß der Innenstadt. Beim Überqueren der Kennedy-Brücke wunderte ich mich über diese drei in die Jahre gekommen Hochhäuser, die die Silhouette der Stadt prägen. Schön anzusehen ist das Columbus-Center wirklich nicht, das dachte ich mir sofort.

Einen ähnlichen Eindruck hatte auch die Künstlerin Birte Endrejat bei ihren bisherigen Besuchen in Bremerhaven. Vorweg kann ich aber verraten: sowohl Birtes als auch meine Wahrnehmung über das Columbus-Center haben sich um 180 Grad gedreht.

WER IST BIRTE UND WARUM DAS COLUMBUS-CENTER?

Birte ist studierte Künstlerin, Mitte dreißig und lebt seit 2009 in Berlin. Das Besondere an ihrer Kunst: Sie ist ortsbezogen. Das heißt zum einen, dass Birte unmittelbar vor Ort arbeitet, und zum anderen, dass ihre Arbeit meist auch nur an diesem Ort ausgestellt werden kann.

Für ihre Ausstellung „Aktivitätszonen” betrieb sie Feldforschungen in und um das Columbus-Center. Ihre Motivation dahinter: ein Wunsch nach Korrektur der eigenen Wahrnehmung. Denn die war bisher wie folgt: „Den als Verbindung zum Wasser geplanten Gebäudekomplex empfinde ich bei jedem Besuch der Stadt als Trennlinie. Die angestrebte Verbindung bleibt aus meiner Sicht nur den Anwohner_innen durch deren Ausblick vorbehalten.“ Denn eigentlich war das Columbus-Center als Bindeglied zwischen der Stadt und dem Wasser gedacht. Versucht man von der Innenstadt aus auf den Hafen oder die Weser zu blicken, stehen die Türme aber eher im Weg.

Birte Endrejat

(*1979)

 

2004-2012
Studium Freie Kunst, Hochschule für Künste Bremen bei Katharina Hinsberg und Yuji Takeoka (Meisterschülerin)
2008-2012
Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes
2010
Advanced Course in Visual Arts, Fondazione Antonio Ratti, Como, Italien, Gastprofessor Hans Haacke
seit 2008
Mitbegründerin des Künsterkollektivs mark

WER HAT DEN SCHÖNSTEN AUSBLICK?

Das sollte sich nun ändern: In einem Brief bat Birte die Bewohner des Columbus-Centers darum, ihr ein Foto des persönlichen Ausblicks aus der Wohnung und vom Balkon zu zuschicken. Bei der Aktion spielte ich die Postbotin. Und schon hier hat mein Wahrnehmungswandel begonnen.

Seit gut zwei Jahren lebe und arbeite ich mittlerweile in Bremerhaven. So einige Male bin ich schon durch die Einkaufspassage in der Oberen Bürger geschlendert. Aber eine Sache ist mir dabei nie aufgefallen: die sechs Aufgänge mit ihren unzähligen Briefkästen. Bisher brachte ich das Columbus-Center nur mit Shopping und Imbiss-Buden in Verbindung. An die Vielzahl der Menschen in den Wohntürmen über mir, dachte ich nie.

BIRTE ENDREJAT
AKTIVITÄTSZONEN
Kunsthalle Bremerhaven
10.9. – 22.10.2017
Di.-Fr., 11-18 Uhr, Sa.-So., 11-17 Uhr

Schlussendlich landeten mehr als zweihundert digitale als auch analoge Fotos bei Birte, teils sogar mit persönlichen Notizen. Beim Betrachten der Fotos merkt man einen gewissen Stolz der Bewohner auf ihr Zuhause. Den Blick auf den Sonnenuntergang über der Weser zum Beispiel teilen sie nur zu gern. Insgesamt achtzig der eingesendeten Ausblicke gibt es jetzt für alle in der Kunsthalle zu sehen. Mit dem Charme der Vergangenheit präsentiert Birte die heutigen Bilder dort im Karussell eines alten Diaprojektors.

GEGENWART TRIFFT VERGANGENHEIT

Beim Durchqueren von Birtes Ausstellung fühle ich mich immer wieder zwischen den Zeiten hin- und her geworfen. Nicht nur die Technik des Diaprojektors überlagert das moderne Digitalbild. Sondern auch der Faltplan mit dem ich die Kunsthalle erkunden soll.

Foto: Kunstverein Bremerhaven

Auf dem Boden vor mir erstreckt sich eine riesige Kreidezeichnung mit mysteriösen Dreiecken, Kreisen und Linien. Mein Plan zeigt mir jedoch etwas vollkommen anderes: die rechteckigen Umrisse des Ausstellungsraums und ein paar Nummern. In der Legende liest man dazu: „22: Mit einer Hand ein schwer bepacktes Fahrrad schieben.“ Oder: „7: Sich geschickt in den offenen Spalt einer automatischen Drehtür hineinquetschen.“

In ihrer künstlerischen Arbeit interessiert sich Birte vor allem für die Beziehung zwischen Raum und Mensch. Wie handeln und bewegen sich Menschen in einem so durchgeplanten Raum? Inwieweit hängt das Verhalten dieser mit den Vorgaben und der Geschichte des Ortes bzw. Gebäudes zusammen?

Die Informationen hinter den Zahlen sind Beobachtungen, die sie dieses Jahr auf dem Gelände zwischen dem Columbus-Center und der Weser gemacht hat. Die Bodenzeichnung entpuppt sich als nie realisierter Plan aus den Siebzigern, entdeckt bei Recherchen im Stadtarchiv. Birte präsentiert uns in ihrer Kombination reale Handlungen auf einem nie realisierten Boden. Visionen treffen auf Tatsachen.

KREIDE UNTERM SCHUH

Birtes Beobachtungen gehen noch weiter. Sie gehen direkt zu uns, den Betrachtern, zurück. Wie Bewegen wir uns eigentlich in der Kunsthalle? Eine Mischung aus Rügener- und Champagnerkreide deckt das auf. Denn die Linien der Zeichnung, über die wir in der Ausstellung laufen, sind nicht beständig. Mit den Schuhen verteilen die Besucher nach und nach die Kreide über den Ausstellungsraum – und ich auch in mein Büro. Über den Ausstellungszeitraum werden Strecken erkennbar. Die Kreide unter unseren Schuhen verrät, wo wir lang gegangen sind, ob andere uns gefolgt sind oder ob wie neue Wege eingeschlagen haben.

In ihrer Kunst fügt Birte den Orten, die sie untersucht, nichts Weiteres hinzu. Sie versucht stattdessen das ins Bewusstsein zu rufen, was unserer Wahrnehmung oft entgeht und meist unsichtbar bleibt. Aktiv werden heißt die Devise. Also weg mit den Scheuklappen und den eingefahrenen Seh- und Verhaltensweisen! Schärft eurer Bewusstsein für euch und eure Umgebung! Folgt ihr der vorgegeben Choreographie des Raums oder tanzt ihr aus der Reihe?

 

Überblick

Nordwest zeitgenössisch:

  • Meisterwerke aus öffentlichen Sammlungen zwischen Jade, Weser und Elbe
  • Dabei: Städtische Galerie Delmenhorst, Gerhard-Marcks-Haus Bremen, Kunsthalle Bremen, Museum gegenstandsfreier Kunst Otterndorf, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Städtische Galerie Bremen, Kunsthalle Wilhelmshaven

Ausstellungsdaten:

  • Laufzeit: 8. Oktober 2017 bis 14. Januar 2018
  • Eröffnung: 7. Oktober 2017, 16 Uhr, Haus T, Hochschule Bremerhaven, anschließend Besuch des Museums
  • Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 11 bis 18 Uhr samstags und sonntags 11 bis 17 Uhr
  • Preise: regulär 6 Euro, ermäßigt 4 Euro (Schüler, Studenten, Auszubildende, Gruppen ab 6 Personen pro Person), Familien 10 Euro (Eltern mit ihren Kindern bis zum Alter von 18 Jahren), Schultarif 2 Euro, freier Eintritt für Begleitpersonen und Lehrpersonal von Schulklassen und Kindergartengruppen sowie für Mitglieder des Kunstvereins Bremerhaven von 1886 e.V. oder von Kunstvereinen, die dem ADKV angehören, ICOM und für Kinder bis zum schulpflichtigen Alter, dienstags freier Eintritt, Gruppenführungen nach Anmeldung 50 Euro

Kontakt:

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Andrea

Über Andrea Fuest

Andrea ist immer in Bewegung, ob in ihren Laufschuhen, auf dem Crossbike oder auf Reisen am liebsten in Osteuropa. Ihr berufliches Treiben in der Kunstwelt ist zugleich ihre Leidenschaft, sodass Museums- und Ausstellungsbesuche auch im Urlaub und am Wochenende nicht fehlen dürfen. Als Ausgleich zum White Cube lebt sich die Möchtegern-Gärtnerin auf ihrem 2,5 Quadratmeter großen Mini-Balkon aus.

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