Foto: Kunstverein Bremerhaven

Kunst im Norden: Klönschnack mit Heike Kati Barath

Ich stehe am Bremerhavener Hauptbahnhof und warte auf Kati. Wir haben uns für ein Interview im Kunstmuseum verabredet, wo Kati aktuell einen ganzen Ausstellungsraum mit ihrer Kunst bestückt hat. Der Zug aus Bremen fährt ein. Nach mehreren Versuchen, die jedes Mal durch Herbst-Stürme und den lahmgelegten Bahnverkehr gescheitert sind, treffen wir uns endlich. Neben mir warten zwei Herren in Kapitäns-Uniform ebenfalls auf ankommende Reisende. Zu Katis Enttäuschung muss ich aufklären, dass nicht jeder Bahnreisende so „seetypisch” in Bremerhaven begrüßt wird.

Persönlich habe ich Kati zum ersten Mal in Berlin kennengelernt, als ich ihre Kunst für die Ausstellung „Nord-West Zeitgenössisch“ in Bremerhaven abgeholt habe. Und auch dieses Treffen war geprägt durch den ersten Sturm im September. Für den Auftrag bis zu 4,5 Meter lange „Bretter“, um die siebzig an der Zahl, zu transportieren, mietete ich einen extra langen Sprinter. Mit der Aussicht auf ordentliches Gewicht für die Rückfahrt fuhr ich mit meiner Kollegin Marie nach Berlin, vom Wind geschüttelt.

Heike Kati Barath (*1966 in Vaihingen/Enz),
lebt und arbeitet in Berlin
seit 2013 Professur für Figurative Malerei an der Hochschule für Künste in Bremen
2008-2012 Lehrauftrag an der Kunstakademie Münster
1991-1998 Studium an der Kunstakademie Münster
1990-1991 Studium an der Koninklijke Academie voor Schone Kunsten in Gent
Mehr zu Kati auf ihrer Homepage

Die Überraschung

Bei Katis Lager angekommen waren Marie und ich sehr überrascht: Aus der vorausgegangenen Konversation waren wir fest davon überzeugt gewesen, bemalte Bretter abzuholen. Schließlich redete Kati immer von DEN BRETTERN. Erwartet haben uns jedoch keine massiven Bretter, sondern Leinwände, bemalt wie Bretter. Behandelt haben wir sie dann sogar tatsächlich fast wie typische Holzbretter. Unverpackt und auf der Ladefläche übereinander gestapelt, fanden sie ihren Weg nach Bremerhaven.

Kati, in den Emails und Telefonaten zur Ausstellungsplanung von „Nord-West Zeitgenössisch“ hast du immer von den „Brettern“ geredet. Vor lauter Organisations-Stress hatte ich mich zunächst gar nicht weiter mit deiner Kunst auseinandergesetzt. Bis zur unserer Ankunft in Berlin bin ich deswegen davon ausgegangen, dass du über „echte“ Bretter sprichst. Vor Ort war ich dann natürlich vollkommen überrascht. Noch überraschter war ich von deinem Umgang mit den Bretterbildern. Ich hatte das Gefühl, dass du die Werke auch wirklich als Bretter behandelst. Wie Baumaterial halt.

Ja, die Funktionen sind schon bretterähnlich. Ich benutze die gemalten Bretterbilder tatsächlich auch als Baumaterial, das ich teilweise sogar säge, um die passende Länge zu bekommen. In der Ausstellung „Mal“ im Osthaus Museum Hagen habe ich aus ihnen einen Brettertunnel gebaut, durch den man hindurchgehen muss, um in die Ausstellung zu gelangen. Dennoch sind es immer noch Malereien und keine Bretter.

Malst du die Bretter immer für ein bestimmtes Projekt?

Ja. Wenn ich zu einer Ausstellung eingeladen werde, male ich extra dafür. Und wenn ich der Meinung bin, dort müssten Bretter mit hinkommen und ich brauche noch welche, dann male ich mir diese. Für die Vorbereitung der Ausstellung in Hagen hatte ich sogar eine richtige Bretterwerkstatt. Meine Assistentin, Yeon-Ji Kim, hat mir beim Bespannen der Keilrahmen und zum ersten Mal auch beim Malen geholfen. Das jemand mit mir malt, hatte ich zuvor noch nie. Das war für uns beide eine sehr interessante und lustige Erfahrung. Denn ihre Bretter sahen tatsächlich ganz anders aus, nicht wie meine und das sollte so nicht sein.

Mir kommt es manchmal so vor wie im Comic, alle haben eine Denkblase über sich schweben, aber niemand spricht das aus, was sie oder er denkt.

Wie gehst du technisch vor, wenn du ein Bretterbild malst? Malst du nach bestimmten Vorlagen oder aus dem Gefühl heraus?

Zuerst überlege ich mir den Farbton des Bretts. Ob es zum Beispiel dunkles Holz, helles oder eher rötliches Holz sein soll. Den Farbton trage ich dann mit Ölfarben auf. Am Ende kommt der Pinselstiel zum Einsatz, mit dem ich die Maserung in die Farbe kratze. Diese variiert von Brett zu Brett. Wie breit oder eng ich die Linien ziehe, hängt von der Breite der Leinwand ab, also wie viel Platz für die Linien da ist. Schlussendlich entstehen die Linien spontan. Diese stammen bei allen Brettern von mir. Auch bei Yeon-Jis Brettern habe ich die Maserung gezogen.

Mich würde brennend interessieren, wie du auf die Idee zu den Brettern gekommen bist? Gab es einen konkreten Anstoß?

Der Anlass zu den Bretterbildern war eine Ausstellung zu meiner Zeit als Meisterschülerin. Damals haben Meisterschüler der Kunstakademie Münster ihre Werke in westfälischen Schlössern präsentiert. Ich war in einem Schloss, das frisch renoviert war und wo es einen massiven Holzfußboden gab, der immens leuchtete. Man kam in den Raum und hat eigentlich nur Holzfußboden gesehen. Ich war total erstaunt und dachte mir, dass dieser Holzfußboden noch mehr Holz als Gegenüber braucht. So entstanden die ersten Bretterbilder, die ich für diese Ausstellung gemalt habe. Dort standen sie, wie hier in Bremerhaven, auch an der Wand.

Du warst beim Aufbau vor Ort in Bremerhaven und hast die Werke selbst im Raum arrangiert. Wie bist du dabei vorgegangen? Gab es ein Konzept?

Ja, es gab eine Idee, wie ich die Bretter aufstellen werde. Ich hatte mir ein Modell von diesem Raum und viele Bretter in verschiedenen Größen gebastelt. So konnte ich im Vorfeld mehrere Möglichkeiten ausprobieren. Die Anordnung der Bretter richtet sich nach den Höhen. Höhere stehen eher hinten, sodass man die kleineren auch sehen kann. Hier im Raum habe ich sie nach ihrer Farbigkeit an der Wand aufgestellt. Das ist ein bisschen wie malen.

Was ihr hier seht, sind keine Bretter. (Foto: Kunstverein Bremerhaven)

Hinter deinen Bretterbildern versteckt sich noch eine weitere Malerei von dir. Ein Porträtbild eines Mädchens mit unheimlich wirkenden roten Augen.

Das fand ich eine schöne Idee für den Raum, dass man auch hier erst mal Bretterstapel sieht und dann denkt „Ok, hier lagert jemand etwas“ und dann gibt es aber noch ein kleines Aquarell zu sehen.

Bei uns im Museum hast du einen Bretterstapel auch fast beiläufig im Treppenhaus positioniert. Nach meinen bisherigen Beobachtungen in der Ausstellung nehmen viele Besucherinnen und Besucher die Bretter dort überhaupt nicht als Kunst war. Die meisten denken, dass wir dort Baumaterial vergessen haben.

Das mag ich an der Arbeit. Mir geht es manchmal ein bisschen auf die Nerven, dass so schnell geguckt wird. Ich male ja zum Beispiel auch sehr großformatige Porträts, die von vielen sehr schnell konsumiert werden. Man geht in den Ausstellungsraum, sieht und erkennt in diesem Fall einen Kopf und geht wieder hinaus und weiter zum nächsten. Das finde ich sehr schade, denn das Betrachten von Malerei braucht einfach Zeit. Mit den Brettern verhält es sich ähnlich. Wenn man nicht richtig hinschaut und beim Vorbeigehen nur die Oberfläche scannt und denkt „Aha. Bretter“, dann hat man halt nur einen Teil der Arbeit mitbekommen. Dann hat man nicht gesehen, dass es sich um Malerei handelt und dann hat man auch etwas verpasst.

Wie viel Aufwand ist denn nötig um sich deinen Bildern zu nähern?

Meinst du jetzt, wie viele Minuten man vor einem Bild stehen sollte? Es freut mich immer, wenn eine Offenheit von den Betrachterinnen und Betrachtern da ist. Ich kann ja nicht einfordern, wie man mit meinen Arbeiten umgehen soll. Ich stehe nicht daneben und kann sagen „Jetzt gucken Sie doch mal richtig“. Mich freut es, wenn Leute genauer hinschauen und etwas entdecken oder wenn mich Besucher und Besucherinnen bei Eröffnungen ansprechen und auch Fragen stellen.

Was gibt es da so für Rückmeldungen?

Die Rückmeldungen sind sehr unterschiedlich. Meine Arbeiten polarisieren. Es gibt Leute, die mögen sie und haben Freude daran oder denken darüber nach. Und es gibt Leute, die damit überhaupt nichts anfangen können, die keinen Zugang zu meiner Arbeit finden. Was ich dann aber mag ist, dass sich meine Bilder in ihren Köpfen festsetzen. Ich denke hier zum Beispiel an die großformatigen Porträts, man bekommt sie nicht so schnell wieder aus dem Kopf, auch wenn man sie nicht mag, erinnert man sich an sie.

Ich finde es schade, wenn von Ausstellungsbesucherinnen und Besuchern angenommen wird, dass Kunst von der eigenen Lebenswelt so weit entfernt sei. Denn Kunst hat mit dem Leben, mit dem Fühlen und Denken zu tun

Im Kunstmuseum hängt deinem Bretterstapel im Treppenhaus ein Werk des Künstlers Harald Falkenhagen gegenüber. Ich muss immer ein wenig Schmunzeln, wenn ich daran vorbeigehe, denn auf seinem Bild steht geschrieben „Das kann ich auch.“ In der Zusammenstellung wirkt es fast wie ein ironischer Kommentar auf deine Bretter.

Mir hat die Kombination auch gut gefallen, denn so etwas höre ich öfter. Oder Aussagen wie: „Das kann meine Tochter auch und die ist erst vier Jahre alt.“ Das ist immer schnell gesagt. Bei solchen Kommentaren, denke ich mir meist „Ja dann mach doch.“ Viele haben nicht vor Augen, welche Arbeit den Bildern vorausgegangen ist. Ich male nicht aus dem Bauch heraus. Hinter meinen Arbeiten steht eine lange Auseinandersetzung und viel Malereizeit.

Gibt es einen Ort, wo du deine Bretter gerne einmal präsentieren würdest? Vielleicht auch gar nicht im Museum?

In einer Ausstellung in der Von der Heydt-Kunsthalle Wuppertal habe ich ein kleines Kino aus den Bretterbildern gebaut. Gerne würde ich etwas Größeres aus ihnen bauen. Vielleicht auch etwas für draußen. Eine größere Hütte aus gemalten Bretterbildern. Das würde mir gefallen. Von außen wären die Bretter zu sehen und im Inneren könnte ich Bilder auf die Leinwände malen. Wie ein eigenes Museum. Einen spezifischen Ort, wo die Hütte stehen könnte, habe ich jetzt nicht vor Augen.

Du gibst deinen Werken keine Titel. Warum?

Bretterbilder zum Beispiel ist der Arbeitstitel beziehungsweise Rufname. In Ausstellungen haben meine Werke keine Titel. Wenn ich einen Titel bei einem Kunstwerk sehe, dann versuche ich automatisch irgendetwas darin zu finden, warum es denn jetzt so heißt. Sehe ich erst das Bild und lese im Anschluss den Titel, entfährt mir oft ein überraschtes „Ach so, aha!“. Das ist manchmal schade, weil ich mir zum Beispiel etwas viel Aufregenderes zu dem Bild überlegt hatte und mein Denken durch den Titel auf irgendetwas anderes eingeschränkt wird. Das möchte ich bei meinen Arbeiten nicht. Aber das entscheidet ja jeder selbst.

Wie würdest du deine Arbeiten mit nur drei Wörtern beschreiben?

Groß, bunt und erkennbar. Das trifft zwar nicht auf alles zu, denn es gibt ja auch kleine Arbeiten. Die Bretter sind jetzt auch nicht bunt, dafür aber lang. Nur drei Wörter sind schwierig, denn es gibt verschiedene Stränge in meiner Arbeit. Neben den Bretterbildern, Porträts, Figuren und Charakteren, gibt es auch noch die gemalten Szenarien aus Brettern wie zum Beispiel die Stege. Relativ neu sind gemalte Skulpturen. Es sind Malereien um die man herumgehen kann, als würde eine Figur vor einem stehen. Mich interessiert Malerei, die sich von der Wand löst und in den Raum hineinstellt – ähnlich wie die Bretter.

Über Kunst zu reden, fällt vielen Menschen schwer, besonders denen die bisher nur wenige oder überhaupt keine Berührungspunkte mit Kunst hatten. Viele trauen sich nicht, denn sie befürchten aufgrund fehlenden Vorwissens etwas Falsches sagen zu können. In meinem Job im Museum versuche ich diesen Personen die Angst vor dem Sprechen über Kunst zu nehmen. Und das ist keine leichte Aufgabe. Noch schwerer würde es mir wohl fallen, das Machen von Kunst zu vermitteln und auch darüber zu sprechen. Wie nimmst du diese Aufgabe in deiner Lehrtätigkeit an der Kunsthochschule wahr? Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Ich habe während meines Studiums eigentlich nicht geredet. Wenn es irgendwie ging habe ich es vermieden. Für mich war es nach dem Studium sehr schwer, weil man in Situationen kommt, in denen man etwas sagen muss, denn wenn man nichts sagt, dann wird vielleicht Unsinn über einen geschrieben. In der Hochschule, in der Klasse, können wir das Reden in einem geschützten Raum üben. Hier gibt es die Möglichkeit zu experimentieren, also auszuprobieren, wie will ich über das reden, was ich mache? Dann ist es hinterher einfacher.

Mir kommt es manchmal so vor wie im Comic, alle haben eine Denkblase über sich schweben, aber niemand spricht das aus, was sie oder er denkt. Der ganze Raum ist voll mit Denkblasen. Und ich versuche diese Denkblasen bei meinen Studierenden anzupieksen, sodass sie sich in Wörter verwandeln. Ich finde es auch nicht einfach über meine Arbeiten zu sprechen, es ist für mich immer noch aufregend. Besonders am Anfang meiner Lehrtätigkeit war es sehr ungewohnt für mich zu reden, da ich beim Malen im Atelier einfach überhaupt nicht rede. Aber es ist interessant über Kunst und auch die eigenen Werke zu reden. In einer Ausstellung stellt man sie schließlich öffentlich zur Diskussion. Wenn man nicht über Kunst reden will, könnte man sich auch das Ausstellungsmachen sparen.

Wieso sollten wir also weiter Ausstellungen machen? Und warum sollten vor allem mehr Menschen diese besuchen?

Das Tolle an Museen und Ausstellungen ist ja gerade, dass man etwas sieht, das man noch gar nicht oder in dieser Form noch nie gesehen hat. Und das löst ja etwas in einem aus. Es bleibt ja nicht vorne auf den Augen kleben. Es setzt etwas im Kopf in Bewegung.

Ich finde es schade, wenn von Ausstellungsbesucherinnen und Besuchern angenommen wird, dass Kunst von der eigenen Lebenswelt so weit entfernt sei. Denn Kunst hat mit dem Leben, mit dem Fühlen und Denken zu tun. Ich verstehe diese Mauer oft nicht. Warum freut man sich nicht und denkt „Hey, hier kann ich auch mal ein paar komische Sachen sehen. Das ist doch super“.

 

Überblick

Nord-West Zeitgenössisch:

  • Meisterwerke aus öffentlichen Sammlungen zwischen Jade, Weser und Elbe
  • Mit dabei: Städtische Galerie Delmenhorst, Gerhard-Marcks-Haus Bremen, Kunsthalle Bremen, Museum gegenstandsfreier Kunst Otterndorf, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Städtische Galerie Bremen, Kunsthalle Wilhelmshaven

Ausstellungsdaten:

  • Laufzeit: 8. Oktober 2017 bis 14. Januar 2018
  • Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 11 bis 18 Uhr samstags und sonntags 11 bis 17 Uhr
  • Preise: regulär 6 Euro, ermäßigt 4 Euro, Familien 10 Euro, dienstags freier Eintritt

Kontakt:

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Andrea

Über Andrea Fuest

Andrea ist immer in Bewegung, ob in ihren Laufschuhen, auf dem Crossbike oder auf Reisen am liebsten in Osteuropa. Ihr berufliches Treiben in der Kunstwelt ist zugleich ihre Leidenschaft, sodass Museums- und Ausstellungsbesuche auch im Urlaub und am Wochenende nicht fehlen dürfen. Als Ausgleich zum White Cube lebt sich die Möchtegern-Gärtnerin auf ihrem 2,5 Quadratmeter großen Mini-Balkon aus.

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